Nußdorf/München – Schon beim Start gab es gehörige Probleme und bei der Notlandung entging man knapp einer Katastrophe: Beim missglückten Flug einer Boeing 787-900/„Dreamliner“ am Samstag, 15. August, von München nach Hanoi kamen die 280 Passagiere mit dem Schrecken davon. Unter ihnen: Kai Wagner aus Nußdorf im Chiemgau mit seiner Frau und den beiden Kindern. Er fliegt schon seit rund 35 Jahren, ist jetzt zum vierten Mal in Vietnam, „aber in so einer Situation war ich noch nie“, erzählt Wagner im Gespräch mit unserer Zeitung.
Zuerst hob die Maschine der „Vietnam Airlines“ nicht auf der vier Kilometer langen Startbahn ab, sondern 120 Meter dahinter auf der Wiese. „Das dauert irgendwie lange“, dachte der Nußdorfer da schon. Es war ein richtiges Rumpeln zu hören, als der Flieger über die Startbahn hinausraste. Gesichert ist bisher, dass das Heck vor dem Start am Boden aufkam. An die 300 km/h schnell sind Flieger beim Starten. Den Rasen unter den Rädern habe man noch förmlich gespürt, erzählt der Vietnam-Urlauber – doch der erste Schock war überwunden. Bis zur Durchsage des Piloten: Es muss wieder umgedreht werden.
Zwei Stunden kreiste die Maschine schließlich über den Ammersee und Mühldorf bis Pfarrkirchen, wie eine Auswertung ergab. Immer wieder. Kerosin musste abgelassen werden, um sicher zu landen. 70 Tonnen Treibstoff waren es für den Zehn-Stunden-Flug. „Man hat es aus den Fenstern richtig gesehen, wie das Kerosin abgelassen wurde“, erzählt Kai Wagner. Dass Fahrwerk, Reifen und Rumpf des Flugzeugs zum Teil kaputt waren, wusste von den Passagieren noch niemand. „In dem Moment hatte eigentlich keiner Angst.“
Plötzlich kamen Hinweise von den Flugbegleitern: Alle müssen die Notfallposition einnehmen – Kopf Richtung Oberschenkel und die Hände schützend darüber. „Hands upon your head“, wurde immer wieder durch die Kabine gerufen. „Ich musste mich in dem Moment einfach um meine Kinder kümmern“, so der Nußdorfer. Der Sohn ist zehn, die Tochter acht Jahre alt. „Auch wenn ich selber angstfrei war, das war eine gute Ablenkung.“ Spätestens jetzt, könnte man meinen, bricht Panik unter den Passagieren aus. Aber weit gefehlt.
„Es war eine gespenstische Stille im Flieger. Alle waren diszipliniert“, erinnert sich Kai Wagner. Aber dass die Situation für alle Neuland war, habe man auch den Flugbegleitern angesehen. Schon aus der Luft war ein leerer Flughafen zu erkennen, mit Feuerwehr und Einsatzfahrzeugen auf der Landebahn – „das galt uns“, wusste Wagner. „Passabel aufgesetzt“ habe der Pilot, dann ein lautes Rumpeln und der Flieger trieb nach links ab. Aber er kam zum Stehen. „Am Boden hat wirklich jeder geklatscht und gejubelt.“ Genau zwei Stunden und eine Minute nach dem Start um 13.57 Uhr waren alle wieder in Sicherheit.
„Der Flieger stand
auf blanken Felgen“
Das wahre Ausmaß zeigte sich für die 280 Passagiere erst nach dem Aussteigen: „Zwei Reifen waren komplett weg, überall verteilt lagen Gummireste. Der Flieger stand auf blanken Felgen.“ Erst nach und nach wurde allen klar, wie knapp es zuging. Ein Schock, der zu verdauen war. Nach der Notlandung klappte aber alles wie am Schnürchen: Busse standen bereit, ein Hotel in Unterschleißheim war für die Passagiere bereits organisiert („um 20 Uhr gab es sogar ein richtiges Buffet“) und in der Nacht bekamen die Wagners die Info: Ersatzflug am Sonntag um 12 Uhr. Nicht nach Hanoi, sondern nach Ho-Chi-Minh-Stadt. „Das kam unserer Reiseroute sogar entgegen. Und für uns gab es auch noch Sitze in der Business-Class“, so der Nußdorfer.
Nur das Gepäck war noch in München – „da sind wir in Vietnam erst mal shoppen gegangen“, lacht Kai Wagner. Drei Wochen bleibt die Familie dort. Von Ho-Chi-Minh-Stadt geht es ins vietnamesische Hochland, in ein Elefanten-Hospital, in den Dschungel und zum Schluss an den Strand. „Jetzt geht‘s uns prima. Unterm Strich haben wir nur einen Tag verloren. Die Hauptsache: Alles ist gut ausgegangen.“