Hilfe für Schwerverletzte ohne Umwege

von Redaktion

Keine Verlegung mehr, keine neuen Ärzte: Seit Juli können Schwerstverletzte nach Arbeitsunfällen auch im Romed-Klinikum in Rosenheim behandelt werden. Unfallchirurg und Orthopäde Professor Dr. Christian Zeckey erklärt, warum die Abläufe wie beim Boxenstopp funktionieren und wie die gesamte Region davon profitiert.

Präzise Diagnostik: Der neue Ganzkörper-CT liefert in kürzester Zeit die entscheidenden Informationen für die weitere Behandlung.

Rosenheim – Ein schwerer Arbeitsunfall, ein Sturz vom Dach oder ein folgenschwerer Wegeunfall: Schwerstverletzte können nach Arbeitsunfällen nun auch in Rosenheim umfassend behandelt werden – und müssen für bestimmte Eingriffe nicht mehr in ein weiter entferntes Spezialzentrum wie etwa Murnau verlegt werden. Das Romed-Klinikum Rosenheim ist seit Juli für das sogenannte Schwerstverletzungsartenverfahren (SAV) der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung zugelassen.

Dahinter steckt mehr als ein weiteres Zertifikat: „Wir haben jetzt Optionen, die wir früher nicht hatten“, sagt Professor Dr. Christian Zeckey, Chefarzt des Zentrums für Orthopädie und Unfallchirurgie Rosenheim und Bad Aibling.

Wenn jede
Minute zählt

Das SAV ist die höchste Versorgungsstufe der gesetzlichen Unfallversicherung und damit der Berufsgenossenschaften. Es kommt bei besonders schweren Verletzungen nach Arbeits-, Wege- oder Schulunfällen zum Einsatz. Die Berufsgenossenschaften entscheiden dabei, welche Kliniken die dafür nötigen Voraussetzungen erfüllen und solche Fälle behandeln dürfen. Ein klassischer Fall, sagt Zeckey, sei etwa „der angestellte Dachdecker nach Sturz vom Dach“. Je schwerer die Verletzung, desto höher die Anforderungen an die behandelnde Klinik.

Das kann beispielsweise ein schweres Schädel-Hirn-Trauma, eine komplizierte Verletzung der Wirbelsäule oder ein beidseitiger Oberschenkelbruch sein. Entscheidend ist dabei nicht nur, ob ein Krankenhaus die notwendige Ausstattung besitzt. Es muss auch nachweisen, dass seine Ärzte solche komplizierten Verletzungen regelmäßig behandeln. „Der Landesverband der Unfallversicherung will natürlich auch sehen: Werden die Eingriffe tatsächlich entsprechend durchgeführt?“, erklärt Zeckey.

Kurze Wege:
Fünf Meter zum CT

Für Patienten aus der Region ist das vor allem aus einem Grund relevant: Zeit. Bisher mussten Patienten mit schwersten Arbeitsverletzungen nach der Erstversorgung gegebenenfalls in ein entsprechendes Zentrum weiterverlegt werden. Ein neues Ärzteteam muss sich in den Fall einarbeiten. „Wir haben dann einen Behandlerwechsel und verlieren in jedem Fall Zeit“, erklärt Zeckey.

Wie schnell es bei einem solchen Unfall gehen muss, zeigt der Blick in den Schockraum. Erkennen Rettungsdienst und Notarzt bereits am Unfallort, dass ein Patient besonders schwer verletzt ist, wird anhand festgelegter Kriterien entschieden, welches Krankenhaus angefahren wird.

In Rosenheim sind nun Voraussetzungen geschaffen worden, auch Schwerstverletzte bestmöglich zu versorgen. Das alte CT war bereits am Ende seiner Nutzungsdauer und wurde durch ein neues Gerät ersetzt. Dieses steht nun direkt gegenüber dem Schockraum. „Wir haben etwa fünf Meter und dann sind wir schon im CT“, beschreibt Zeckey. Denn im Schockraum werden innerhalb kürzester Zeit viele Entscheidungen getroffen. Ein Patient kann gleichzeitig eine schwere Kopfverletzung, eine innere Blutung und einen Oberschenkelbruch haben. Unfallchirurgen, Neurochirurgen und weitere Fachrichtungen müssen dann parallel arbeiten.

Wie ein Boxenstopp:
Jeder Handgriff sitzt

Einer hat trotzdem den Überblick: der sogenannte „Trauma Leader“. Dieser, in der Regel der Oberarzt der Unfallchirurgie, legt die Prioritäten fest und koordiniert, wann welcher Spezialist zum Einsatz kommt.

Eine der wichtigsten Regeln lautet dabei: „Stop the bleeding“, erklärt Zeckey. Denn bevor andere Verletzungen behandelt werden können, muss erst eine massive Blutung gestoppt werden.

Damit jeder weiß, was er zu tun hat, trainieren die Teams regelmäßig. Dabei kommen Ärzte, Pflegekräfte und Rettungsdienst zusammen. Sie spielen Notfallsituationen durch und werten sie anschließend aus. Denn, das weiß der Chefarzt, „eine Polytraumaversorgung ist wirklich eine Teamgeschichte“.

Körper und Psyche
sollen gesund werden

Er vergleicht die Abläufe mit dem Motorsport: „Das ist wie ein Boxenstopp. Da muss jeder Handgriff sitzen.“ Das SAV endet für Zeckey allerdings nicht mit der Operation. Gerade bei Arbeitsunfällen geht es darum, einen Menschen möglichst wieder in sein bisheriges Leben und seinen Beruf zurückzubringen. Die Berufsgenossenschaften begleiten die Rehabilitation und unterstützen etwa bei der Wiedereingliederung, einer Umschulung oder notwendigen Anpassungen im privaten Umfeld.

Wenn sich das Leben von
heute auf morgen ändert

Denn ein schwerer Unfall verändert das Leben oft von heute auf morgen. „Gestern waren Sie noch im Fitnessstudio und heute liegen Sie auf der Intensivstation“, sagt Zeckey. Neben den körperlichen Verletzungen können psychische Probleme aufkommen. Ängste, depressive Episoden oder posttraumatische Belastungsstörungen beschäftigen Patienten oft noch jahrelang. Deshalb sei es wichtig, bei der Nachbehandlung „nicht immer nur das Körperliche“ zu betrachten.

Von der SAV-Versorgung am Romed-Klinikum profitieren nicht ausschließlich Menschen mit Arbeitsunfällen. Auch wenn ein gewöhnlicher Freizeitunfall nicht unter das SAV fällt, kommen die dafür geschaffenen medizinischen Strukturen auch allen anderen Schwerverletzten zugute. Wer also beispielsweise beim Mountainbiken schwer verunglückt, profitiert ebenfalls davon, möglichst wohnortnah umfassend versorgt werden zu können. „Das ist mir besonders wichtig, zu transportieren, dass die Bevölkerung sich darauf verlassen kann“, sagt Zeckey.

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