Traunstein – Kräftige Statur, Doppelkinn, rauchige Stimme, dicke Tränensäcke, die strähnigen Haare zu einem Zöpfchen gebunden: Der Angeklagte Radivoje R. (46), gekleidet in Jogginghose und ein schwarzes Polo-Shirt mit dem Schriftzug „Dart-Team Austria“, wirkt beim Prozess in Traunstein nicht wie jemand, den man sich als Kurier einer Behörde vorstellen kann.
Schaden: über
300000 Euro
Doch genau als Geldbote präsentierte sich der Angeklagte. Und im November 2025 übergab ihm ein 88-Jähriger aus Frasdorf eine Kassette mit wertvollem Schmuck. Den Senior hatten zwei Frauen, mutmaßlich Komplizinnen des Serben, zuvor mit einem Schockanruf aus der Fassung gebracht. Mit den Wertsachen wollte er seine Tochter retten. Der Schaden ist immens: Über 300.000 Euro, nach einer anderen Schätzung möglicherweise sogar rund 400.000 Euro, soll der Wert der in Rosenheim übergebenen Schmuckstücke – darunter ein Halsband mit Smaragden und ein Gold-Nugget mit Diamant – betragen haben. Bei einer ähnlichen Tat in Bayerisch-Schwaben hatte der Kurier zuvor 36.000 Euro abgeholt.
Für diese zweite Tat wurde er zu vier Jahren verurteilt, für den Juwelen-Transport zu fünf Jahren und sechs Monaten. Da er in Österreich ebenfalls verurteilt wurde, wurden die Strafen getrennt ausgesprochen. Sobald das Urteil aus Österreich Rechtskraft erlangt hat, kann eine Gesamtstrafe gebildet werden, mit entsprechendem „Nachlass“ für den Serben.
Seine Taten in Bayern hatte der Serbe bereits gegenüber österreichischen Ermittlern eingeräumt, die ihn kurz nach der Juwelenübergabe in Rosenheim wegen eines ähnlichen Vergehens festnahmen. So schien das Verfahren am Landgericht Formsache zu sein. In einem Rechtsgespräch näherten sich Verteidiger Manfred Kösterke und Staatsanwalt Florian Krug an. Richterin Christina Braune stellte eine Strafe von sechseinhalb Jahren in Aussicht.
Der Angeklagte zierte sich und stellte einen möglichen Deal infrage. Er habe nichts von einer Bande gewusst. Die Anklage sei nicht korrekt, er sei selbst ein „Opfer“, sagte der Mann, dessen Worte ein Dolmetscher übersetzte. Zu seinen Taten wollte er sich zunächst nicht äußern – trotz des vorangegangenen Geständnisses. „Das ist so ziemlich das Dümmste, was man als Angeklagter machen kann“, redete ihm Richterin Braune zu. Der Polizei in Österreich alles zu erzählen und dann in Traunstein zu bocken, „ist einfach dämlich“. Schließlich ließ sich der 46-Jährige dazu herbei, sich seine früheren Aussagen vorhalten zu lassen. Sie vermittelten Einblicke in ein kriminelles Netzwerk. R. sprach damals von einem „Koordinator“ namens „Petrus“, und eine Frau namens „Christina“ habe ihm 2.000 Euro im Monat und Provisionen für Kurierdienste versprochen. Persönlich gesehen habe er seine Partner nie. Im Kern bestätigte er seine Aussagen aus Österreich, wenn auch oft mit Abweichungen und offenkundigen Schwindeleien.
Der Geschädigte aus Frasdorf sagte vor Gericht als Zeuge aus. Seine Schilderung war bemerkenswert klar und präzise. Der Anruf sei abends gekommen, es habe sich eine Frau als Staatsanwältin gemeldet und ihm gesagt, dass seine Tochter eine junge Mutter totgefahren habe. Dann habe die „Staatsanwältin“ das Telefon der angeblichen Tochter gegeben. „Mich fasziniert, dass ich wirklich überzeugt war, ich hätte mit meiner Tochter gesprochen“, sagte der 88-Jährige. In seiner Not griff er sich die Kassette mit Schmuck, um die Kaution für seine Tochter leisten zu können. „Reingeschaut habe ich nicht, ich habe nicht mehr nachgedacht.“ Geistesgegenwart bewies er, als der Schwindel nach einem Gespräch mit seiner echten Tochter aufgeflogen war: Er bot den Betrügern Gold an, in der Hoffnung, sie für die Polizei anlocken zu können. Doch die Kriminellen unterbrachen die Verbindung.
„Schade um die
schönen Dinge“
Wie es ihm gehe, fragte Staatsanwalt Florian Krug den 88-Jährigen. Es sei schade um die schönen Dinge, sagte der alte Herr, „davon abgesehen geht es mir gut“. Für ihn und seine Familie sei die Angelegenheit vorüber. Gleichwohl spielte das seelische Leid durch solche Betrügereien bei den Plädoyers und der Begründung des Urteils eine Rolle. Es gebe „nichts zu diskutieren“, sagte Staatsanwalt Stefan Krug sichtlich genervt vom Hin und Her und den ganzen Märchengeschichten des Angeklagten. Er habe die Ängste älterer Menschen um ihre Liebsten ausgenutzt. Krug forderte eine Strafe von acht Jahren.
Der Angeklagte habe sich aus wirtschaftlicher Not anwerben lassen, ohne genau zu wissen, für was, sagte Verteidiger Manfred Kösterke, der auf fünf Jahre und sechs Monate plädierte. Auch der Bote selbst äußerte sich. Er sei hereingelegt worden, sagte R.. Dennoch bedauere er seine Taten.