OVB-Druckzentrum

Von der Rolle in die Nacht

von Redaktion

Kaffee, Semmel, OVB-Heimatzeitungen. So wünscht sich der Leser seinen Start in den Tag. Damit die aktuelle Ausgabe rechtzeitig zum Frühstück auf dem Tisch liegt, ist andernorts Nachtschicht angesagt: im OVB-Druckzentrum in der Aisingerwies in Rosenheim.

Rosenheim – Die KBA Commander CL läuft auf Hochtouren. Der Lärm ist ohrenbetäubend. Schier unendlich erscheinende bedruckte Papierstränge werden nebeneinander in einer solchen Geschwindigkeit über die Rollen der Druckmaschine gezogen, dass immer wiederkehrende Bilder beinahe zu Streifen verschwinden – dasselbe Phänomen, das Autofahrer ab einem bestimmten Tempo vom Mittelstreifen einer Landstraße kennen. Eine diagonale Rolle, die sogenannte Wendestange, dreht die Papierstränge, die anschließend abwärts in einer Art Trichter zusammenlaufen. „Hier werden die Papierbahnen gesammelt und dann geschnitten und gefalzt“, erklärt Markus Kellerer, 59, was auf der dritten Etage der Maschine im OVB-Druckzentrum vor sich geht. Er zeigt nach unten. Dort, auf der zweiten Etage, laufen aus einer Falzauslage die fertigen Zeitungen heraus.

Bis zu 42000 Zeitungen pro Stunde

Das Druckzentrum in der Aisingerwies wurde vor gut vier Jahren in Betrieb genommen, 16 Millionen Euro hat sich das der Verlag kosten lassen. Das Ergebnis: eines der modernsten und energieeffizientesten Druckzentren Deutschlands. Die neue KBA Commander ermöglicht es, dass die OVB-Heimatzeitungen ausschließlich in Farbe erscheinen. Pro Stunde kann die Maschine maximal 42000 Zeitungen drucken, je Produktionstag bringt sie rund 360 Kilogramm Farbe auf bis zu 25 Tonnen Papier. Bevor die Farbe aber aufs Papier kommt, bedarf es gewisser Vorarbeiten. Zunächst einmal braucht es Bilder und Texte. Die Daten schickt die Redaktion in die Druckvorstufe, von wo aus sie ins Druckzentrum übermittelt werden.

Laser belichten die Druckplatten

Kellerer, gelernter Schriftsetzer, hat seinen Arbeitsplatz im ersten Stock, nur wenige Meter von der Maschine entfernt. Er ist bereits vor Ort, wenn die Drucker noch zu Hause sind. „Dafür gehe ich auch als Erster heim“, sagt er und lacht. Im Raum stehen zwei Schreibtische mit Computern, zwei hochmoderne Belichtungsanlagen mitten im Zimmer und eine hölzerne Vorrichtung. „Da hängen später die fertigen Druckplatten.“ Ein Klick am linken Computer, dann eilt Kellerer zum rechten. Wieder nur wenige Klicks später erscheint am Bildschirm eine Videosequenz, gleichzeitig beginnt eine der Anlagen zu surren. „Abweichung 0,022 Millimeter“, zeigt das Display, als die Platte die Maschine verlässt. Mit bloßem Auge nicht zu erkennen. Wieviel Abweichung es braucht, damit sie sichtbar wird? „Schwer zu sagen, sowas gibt‘s bei uns nicht“, sagt Kellerer und lacht.

Computer to Plate (CTP), also vom Computer zur Platte, heißt der Vorgang für den er verantwortlich ist. Er erhält die fertigen Seiten aus der Druckvorstufe. Sobald er am linken Computer den Befehl gibt, schickt dieser die Daten an den rechten weiter. Der liest sie aus und leitet sie – wieder auf seinen Befehl – weiter an einen der beiden CTPs, in denen die 0,3 Millimeter dünnen Aluminium-Druckplatten belichtet werden. Anhand der Daten bearbeitet ein Laser die Platten so, dass die Druckfarbe nur an bestimmten Stellen haftet. Ausschnitte, die später in der Zeitung weiß bleiben sollen, spart der Laser aus. Am Ende bekommt die Platte oben und unten einen wenige Zentimeter breiten Knick. „Damit wird sie später in die Druckmaschine eingehängt.“ Pro Zeitungsseite muss Kellerer vier Platten herstellen, je eine in Cyan (ein Blauton), Magenta (ein Rotton), Gelb und Schwarz, den vier Grundfarben, aus denen alle anderen Töne gemischt werden. Hat die Zeitung einen Umfang von 40 Seiten, werden beispielsweise 160 Druckplatten benötigt. Im Schnitt rund 700 Druckplatten produzieren beide Maschinen zusammen täglich.

Ein Koloss, der

Kolösschen verschlingt

Wenig später steht Kellerer vor einer Öffnung an einem der Drucktürme. „Hier werden die Seiten eins, drei, 14 und 16 gedruckt“, erklärt er, während er die vier Platten, eine pro Zeitungsseite, nebeneinander an der Kante in einen kleinen Spalt in einem Plattenzylinder befestigt. Diesen Vorgang wiederholt er insgesamt viermal. „Die vier Farben werden nacheinander auf das Zeitungspapier gedruckt.“ Ein Knopfdruck, und die Platten werden eingezogen, sie werden am Zylinder fixiert. Dann läuft die Maschine an.

Die KBA Commander CL im OVB Druckzentrum ist ein echter Koloss: Sie bringt es mit 13,7 Metern etwa auf die fünffache Deckenhöhe eines Wohnraums, ist 19,12 Meter lang und 419 Tonnen schwer. Die Papierrollen, die das Monstrum verarbeitet, wiegen jeweils 1,4 Tonnen und sind rund 20 Kilometer lang. Ein Koloss, der kleine Kolösschen verschlingt.

Papier-Verbrauch:

7500 Tonnen pro Jahr

Das Papier wartet in der Lagerhalle auf seinen Einsatz. Unzählige in backpapierfarbene Schutzhüllen eingepackte Rollen stapeln sich zu gewaltigen Türmen, die beinahe an der Decke kratzen. Rund 300 Tonnen Papier in unterschiedlichen Stärken – zwischen 42,5 und 60 Gramm pro Quadratmeter – warten hier auf ihren ersten Kontakt mit der Druckerfarbe. Alle zwei Tage werden etwa 40 Tonnen nachgeliefert, aus Deutschland, Skandinavien und der Schweiz. Der jährliche Verbrauch liegt bei etwa 7500 Tonnen – 3800 davon werden für die Tageszeitung benötigt, der Rest für Anzeigenblätter und Fremdprodukte.

Fortsetzung auf Seite 8.

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