Ruth Goldschmidt kann nicht schlafen in dieser Nacht auf den 11. November 1938. Zu belastend ist das, was die Münchnerin morgens auf dem Weg zur Arbeit im jüdischen Kindergarten erlebt hat. Feuer in der Synagoge! Der Platz davor war abgesperrt, überall standen Feuerwehrmänner, SS- und SA-Leute. Hinter der Absperrung Schaulustige. Ein Mob hatte in der Nacht auf den 10. November gewütet. Jüdische Gotteshäuser angezündet, Schaufenster eingeschlagen, Juden misshandelt. Die Reichspogromnacht (siehe Kasten unten und Randspalten), die sich heute zum 80. Mal jährt, ist ein vorläufiger Höhepunkt auf dem Weg zur „Endlösung der Judenfrage“.
Ruth Goldschmidt grübelt. Schon im Juni hatten die Nazis das Gotteshaus an der Münchner Herzog-Max-Straße abreißen lassen. Und dann die Gemeinheiten ihrer Mitschülerinnen! Eine malte kürzlich ein Schwein auf ein Papier, schrieb „Judensau“ darüber und schob es ihr hin. Das war so demütigend! Dabei hatte ihr Vater im Ersten Weltkrieg gekämpft – für Deutschland! Die 16-Jährige begreift nicht, dass das plötzlich nichts mehr wert ist.
Ein Jahr nach dieser schlaflosen Nacht, im Dezember 1939, emigriert die Münchnerin Ruth Goldschmidt mit ihrer Familie nach Palästina. Gerettet! Bis 1942 flüchten 8000 jüdische Münchner ins Ausland. Der Rest wird ermordet. München ist eine Stadt ohne Juden. Nicht zum ersten Mal.
Wann sich erstmals Kinder Israels in München niederließen, ist unklar. Eines der frühesten Dokumente jüdischen Lebens an der Isar stammt aus dem letzten Viertel des 13. Jahrhunderts – und ist zugleich ein Dokument ihrer Vernichtung: In Nürnberg gab es Mitte des 11. Jahrhunderts eine stattliche jüdische Gemeinde. Die hatte ein sogenanntes Memorbuch, das dem Totengedenken diente. Darin findet man auch „Die Verbrannten Münchens“. Männer, Frauen und Kinder, die am 12. Oktober 1285 in ihre Betstube gesperrt und angezündet worden waren. Sie sollen einen Bub geschlachtet und sein Blut für rituelle Zwecke benutzt haben. Der Historiker Rainer Barzen will nicht ausschließen, dass sich die Betstube, in der sie starben, auf dem Areal des heutigen Marienhofs befand.
Aber erst für 1381 lässt sich ein religiöses Zentrum auf dem Marienhof belegen. Die herzogliche Familie hatte die Juden nach dem Pogrom wieder in der Stadt angesiedelt. Sie brauchte Kredite, um ihren Lebensstil und das Heer zu finanzieren. Juden waren – anders als Christen – nicht dem kirchlichen Zinsverbot unterworfen. Da sie den Handwerkszünften nicht beitreten durften, verdingten sie sich oft als Geldverleiher und Hausierer.
Im 18. Jahrhundert entwickeln sich die Geldverleiher zu professionellen Bankiers. Auch Kurfürst Max Emanuel nimmt ihre Finanzdienstleistungen in Anspruch. Auch als Kaufleute sind die Juden tätig. Der Schwabe Joseph Mändle zum Beispiel beliefert das Heer von Kurfürst Max Emanuel ab 1718 mit Pferden. Er ist einer der ersten kurbayerischen Hofjuden des 18. Jahrhunderts.
1813 bringt Graf Montgelas das Bayerische Judenedikt auf den Weg. Zwar legt das für jeden Ort in Bayern eine Höchstzahl jüdischer Familien fest. Aber es schafft Rechtssicherheit.
1815 gründen die Münchner Juden die Israelitische Kultusgemeinde (IKG). Eine öffentlich-rechtliche Anstalt – ein Meilenstein! An der Eröffnung der Synagoge an der Westenriederstraße 1826 nimmt sogar seine Majestät König Ludwig I. teil.
Aber die volle Gleichberechtigung erlangen die Juden nicht. Sie kämpfen seit 1813 in der bayerischen Armee. Sie erweisen sich als tüchtige Geschäftsleute. Albert Einsteins Vater Hermann etwa versorgt Ende des 19. Jahrhunderts das Münchner Oktoberfest mit Strom aus seinen Fabrikdynamos. Hermann Schülein leitet erfolgreich die Löwenbräu AG, die sein Vater vor dem Konkurs gerettet hatte. Heinrich Uhlfelder gründet 1878 einen Laden im Rosental. Der entwickelt sich in den 1920er-Jahren zum zweitgrößten Kaufhaus Münchens. Mit mehr als 7000 Quadratmetern Verkaufsfläche und 1000 Mitarbeitern im Jahr 1931. Eine Attraktion ist die Rolltreppe, die sich über drei Etagen erstreckt – damals eine Neuheit. Außerdem ist Heinrich Uhlfelder sozial engagiert, richtet zu Beginn des Ersten Weltkriegs eine Kriegsküche ein. Für seine Wohltätigkeit erhält er 1924 den Titel eines Kommerzienrats.
Aber sie bleiben Juden – und werden angefeindet. Viele lassen sich taufen, um ihren Geburtsfehler abzustreifen. Sie ahnen ja nicht, dass das Glaubensbekenntnis mit Erlass der Nürnberger Rassegesetze 1935 unerheblich ist.
Schon bevor Adolf Hitler am 30. Januar 1933 Reichskanzler wird, nimmt der Antisemitismus eine aggressive Form an. Der verlorene Weltkrieg, Revolution und die katastrophale Versorgungslage sind der Nährboden, auf dem in den 1920er-Jahren gewaltbereite rechte Gruppierungen und Parteien erstarken. 1923 lässt Generalstaatskommissar Gustav von Kahr 300 ostjüdische Familien aus München ausweisen und ihre Wohnungen beschlagnahmen.
Was sich mit Hitlers Kanzlerschaft ändert: Die Nazis erlassen Gesetze und Verordnungen, mit denen sie die Herabwürdigung der Juden legitimieren. Das „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ 1933 etwa führt zu einem Berufsverbot für Notare, Lehrer und Angestellte im öffentlichen Dienst. Jüdischen Ärzten wird 1938 die Approbation entzogen. Am 1. April 1933 gibt es einen reichsweiten Boykott jüdischer Geschäfte. Schrittweise enteignen die Nazis die jüdischen Deutschen. Seit 1938 müssen sie ihr Vermögen anmelden. Jüdische Geschäfte und Unternehmen werden „arisiert“.
Wer meint, sich auf staatlichen Schutz berufen zu können, irrt. Der jüdische Rechtsanwalt Michael Siegel etwa erstattet 1933 im Auftrag seines Mandaten Max Uhlfelder Anzeige, nachdem Nazis die Schaufenster des Kaufhauses eingeschlagen hatten. Auf der Polizeiwache schlagen ihm SS-Männer dafür die Zähne aus. Sie zerschneiden seine Hose und jagen ihn ohne Schuhe durch die Münchner Innenstadt. Um seinen Hals ein Schild: „Ich werde mich nie mehr bei der Polizei beschweren.“
Die Schäden der Reichspogromnacht 1938 sind enorm. Hermann Göring spricht von einer „volkswirtschaftlich unsinnigen Zerstörung von Sachwerten“ – und verpflichtet die Juden, eine Milliarde Reichsmark als „Sühne“ an das Deutsche Reich zu zahlen. Versicherungsansprüche müssen sie an den Staat abführen. Am 20. November 1941 werden die ersten Münchner Juden nach Kaunas deportiert. Der Transport führt direkt in den Tod.
Quellen:
„Kristallnacht“, Andreas Heusler und Tobias Weger, Buchendorfer Verlag; „Jüdisches Leben in München, Lesebuch zur Geschichte des Münchner Alltags“, Buchendorfer; „Jüdisches München“, Richard Bauer und Michael Brenner, C.H. Beck.