Die Pogromnacht in München

von Redaktion

22 Uhr: Geselliges Zusammensein der NSDAP-Führerschaft im Festsaal des Alten Rathauses am Marienplatz. Joseph Goebbels ergreift das Wort und gibt den Juden die Schuld am Mord am Diplomaten Ernst vom Rath (siehe Kasten). Er weist die Anwesenden an, Maßnahmen gegen die Juden einzuleiten.

23.59 Uhr: Der erste Schaden wird aktenkundig. Die Branddirektion vermerkt ein „Kleinfeuer“ im Schaufenster des Textilwarengeschäfts Hans Weber in der Maxvorstädter Augustenstraße 113. Als Brandursache wird „Antijüdische Kundgebung“ vermerkt.

1.01 Uhr: Die Branddirektion vermerkt ein Großfeuer in der Synagoge an der Herzog-Rudolf-Straße 3. Ursache: „Antijüdische Kundgebung“. Auch die benachbarte Israelitische Volksschule wird zerstört.

2.35 Uhr: SA-Leute stürmen den Betsaal im Rückgebäude der Reichenbachstraße 27, zerstören Möbel, Thorarollen, Türen und Fenster. Dann zünden sie das Gebäude an.

2.50 Uhr: Großfeuer im Haus des Fabrikanten Karl Bach am Böhmerwaldplatz 2.

Der Historiker Andreas Heusler vom Münchner Stadtarchiv hat anhand der Akten der Kriminalpolizei München sowie anhand von Zeitungsberichten über die Nacht folgende Übergriffe rekonstruiert:

Bankhaus Aufhäuser, Löwengrube 18 bis 20: „Am Bankhaus Aufhäuser wurden die Fenster hinter den Eisengittern eingeschlagen“, melden die Münchner Neuesten Nachrichten. Außerdem laut Akten: Verwüstung des Mobiliars.

Bernheimer (Einrichtungs- und Kunsthaus), Lenbachplatz 3: eingeschlagene Schaufenster.

Feuchtwanger (Textilkaufhaus), Humboldtstraße 23: Zerstörungen.

Gerstle & Löffler (Wäsche und Ausstattung), Weinstraße 3: Zerstörungen.

Ludwig Gruber (Zigarrenhandlung), Odeonsplatz 17: eingeschlagene Schaufenster und Zerstörungen von Teilen der Einrichtung und Ware.

Max Hinzelmann (Modehaus), Kaufingerstraße 32: Zerstörungen.

Samuel Karfiol (Kaufhaus), Reichenbachstraße 6: Zerstörungen und Plünderungen.

Rosa Klauber (Spitzen- und Wäschegeschäft), Theatinerstraße 35: Zerstörungen.

Sigmund Koch (Musikhaus), Neuhauser Straße 50: Zerstörungen.

Hermann Lewin (Schuhwaren), Augustenstraße 61: Zerstörungen, 200 RM aus der Ladenkasse entwendet.

Klara Lipel (Tabakwaren), Augustenstraße 40: eingeschlagene Schaufensterscheibe, Türscheibe und Oberlicht- und Schaukastenscheiben.

Meyer & Lißmann (Seidenstoffe und Samte), Weinstraße 14: Zerstörungen.

Jakob Littner (Briefmarkengeschäft), Prielmayerstraße 20: eingeschlagene Schaufenster, Verwüstung des Ladens. Eine nichtjüdische Geschäftspartnerin, die versuchte, die wertvollen Briefmarken zu retten, wurde von SA-Männern beschimpft.

Ernst Naschitz (Radioapparate), Schellingstraße 106/ III: Abreißen des Firmenschildes.  bst

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