„Das Wasser am Chiemsee kannst du trinken – das der Seine eher nicht“

von Redaktion

Interview Olympiasieger Florian Wellbrock spricht am bayerischen Meer über das Leben in der Sportblase, Zukunftspläne und Tipps für Amateure

Prien – Wenn der Kopf auf Autopilot schaltet, ist Florian Wellbrock in seinem Element. Der gebürtige Bremer ist ein Ausnahmeathlet, der sowohl auf den Beckenstrecken als auch im offenen Wasser seit Jahren zur Weltspitze im Schwimmsport zählt. Doch beim 30. Chiemsee-Langstreckenschwimmen suchte der Olympiasieger keine Medaillen, sondern die pure Magie des Freiwassers.

Im Interview spricht der 29-Jährige über den Unterschied zwischen dem Chiemsee und der Pariser Seine, den mentalen „Autopiloten“ im Wasser und die ständige Präsenz des Sports am eigenen Esstisch. Zudem verrät er, warum er sich bereits auf ein Leben in Jeans und Hemd freut und welchen Rat er seinem jüngeren Ich geben würde.

Wie gefällt es Ihnen am bayerischen Meer?

Mega. Ich bin das zweite Mal hier. Es ist immer cool, wenn man aus Nordostdeutschland an München vorbeifährt und langsam die Berge sieht. Da hat man das Gefühl, der Urlaub geht los – auch wenn ich zum Arbeiten hier bin.

Sie waren 2019 schon mal beim Vollmondschwimmen hier.

Ja, das Vollmondschwimmen war auf jeden Fall eine spannende Sache.

Wie sind die Erinnerungen an damals?

Es war ein tolles Miteinander. Ich glaube, es war für viele das erste Mal Nachtschwimmen. Es war wirklich ein tolles Event, das bekommt man nicht so oft. Ich habe es international, zumindest über Social Media, so noch nie gesehen. Wenn man mal Lust auf eine interessante, etwas gruselige Herausforderung hat, dann ist das auf jeden Fall das Richtige.

Ich wollte Sie eigentlich fragen, wie die Vorbereitung lief – aber Sie waren im Urlaub, oder?

Ja, genau. Man muss auch sagen, das ist ein Amateur-Event. Das soll das Ganze nicht abwerten, aber ich schwimme normalerweise bei World Cups, Europameisterschaften und Weltmeisterschaften. Da bin ich dann natürlich top vorbereitet. Das hier ist ein toller Saisoneinstieg. Ich ziehe jetzt seit Langem mal wieder einen Wettkampfanzug an und schaue einfach, wie sich das anfühlt.

Sie sind einer der wenigen erfolgreichen Schwimmer, die sowohl auf der Bahn als auch im offenen Wasser schwimmen. Was reizt Sie an offenem Wasser so sehr?

Das Freiwasserschwimmen ist in den vergangenen Jahren extrem gewachsen. Als ich 2018 damit angefangen habe, war das noch nicht so professionell. Ich habe damals eine neue Challenge gesucht. Dadurch, dass ich schon auf den 1500 Metern Weltspitze war, hatte ich relativ leichtes Spiel im Freiwasserschwimmen. Meine Geschwindigkeit war da, die Ausdauer war da, und so konnte ich auch sofort die ersten Erfolge feiern. Es ist zudem schön, wenn du nicht in einer langweiligen Schwimmhalle sitzen musst, sondern am Chiemsee, in Abu Dhabi oder in Japan schwimmst. Du kannst die Welt bereisen und dein Hobby mit den Leuten teilen.

Kann man die Landschaft während des Rennens genießen?

Nein, beim Wettkampf ist man da meistens leider voll im Tunnel und bekommt das nicht wirklich mit. Das muss man davor und danach genießen.

Sie schwimmen im Freiwasser sehr lange Strecken. Woran denkt man während des Rennens?

Da setzt beim Schwimmen irgendwann ein Hoch ein, wie man es aus dem Laufen kennt. Da schaltet man auf Autopilot. Ich habe nach dem Wettkampf tatsächlich auch Erinnerungslücken, weil der Kopf einfach abschaltet. Wenn es in den Endspurt geht, dann kickt auch noch das Adrenalin. Also da denkt man nicht viel nach, das ist alles intuitiv.

Sie bereisen beim Freiwasserschwimmen die ganze Welt. Wie groß ist der Unterschied zwischen den Gewässern?

Du spürst einen enorm großen Unterschied. Der Chiemsee sieht wunderbar aus, das Wasser kannst du wahrscheinlich trinken. Bei den Europameisterschaften waren wir in Paris mitten in der Seine, das sollte man vielleicht eher nicht trinken. Du hast natürlich auch verschiedene Temperaturen und Strömungen, darauf versucht man sich auch vorzubereiten. Wir gehen zum Beispiel vor Rennen, bei denen wir kaltes Wasser erwarten, in Kältebäder, um den Körper auf das Frieren einzustellen. Andersherum: Wenn wir in Japan schwimmen, wo fast 30 Grad Wassertemperatur sind, dann gehen wir viel in die Sauna, um den Körper darauf vorzubereiten, was kommt.

Sie gaben vor dem Rennen zwei Seminare für die Teilnehmer. Ist das ein Steckenpferd von Ihnen, dass Sie Ihr Wissen weitergeben wollen?

Ich habe es tatsächlich noch nie gemacht. Aber ich bin schon überzeugt, dass du als Profi gelegentlich noch einen Tipp hast, den man an Amateure weitergeben kann. Ich hoffe, dass ich da einen positiven Beitrag leisten kann.

Könnten Sie sich vorstellen, nach Ihrer Karriere in das Trainerwesen zu wechseln?

Man soll niemals „nie“ sagen. Aber ich bin gelernter Immobilienkaufmann und ich freue mich schon auf den Tag, an dem ich morgens nicht mehr in die Schwimmhalle fahren muss, sondern eine vernünftige Jeans und ein gescheites Hemd anziehen kann. Ich bin sehr dankbar für das, was ich machen darf, und es ist ein riesengroßes Privileg, sein Hobby zum Beruf machen zu können. Aber es gibt irgendwann auch noch ein Leben danach und ich glaube, das ist auch sehr viel wert, dieses Leben danach für sich selbst zu entdecken.

Ihre Frau war selbst auch erfolgreiche Schwimmerin. Wie ist das daheim am Esstisch? Spricht man da über die Rennen oder ist das ein Tabuthema?

Nein, wenn man in so einer Beziehung ist, dann kommt man schwer aus dem Sport raus. Das verfolgt einen dann den ganzen Tag, aber das weiß man vorher. Und wenn man so viel Zeit in den Sport investiert, dann lebt man es. Das lässt einen nie los. Selbst wenn ich mal einen Abend freihabe, dann koche ich und frage mich: „Reicht das an Kohlenhydraten und an Eiweiß, sodass ich optimal regeneriere? Was muss ich ansonsten anschließend noch essen, damit ich für die nächste Woche wieder perfekt vorbereitet bin?“ Also, man kommt aus dieser Sportblase nur sehr, sehr schwer raus.

Gibt es aktuell ein Ziel, das Sie besonders reizt?

Ich sage immer: „Der Weg ist das Ziel.“ Ich habe wahnsinnig viel Spaß am Trainingsprozess. Aktuell habe ich auch wieder diese Situation: Ich komme relativ unfit aus dem Urlaub. Ich weiß, dass nächstes Jahr wieder eine Weltmeisterschaft ansteht – jetzt muss ich meinen Körper dazu bekommen, innerhalb von zehn Monaten in die beste Form meines Lebens zu kommen. Jedes Jahr aufs Neue zu sehen: Wie schnell kann ich werden? Wie gut kann ich werden? Das reizt mich schon sehr. Und wir haben 2028 schon wieder Olympische Spiele in Los Angeles. Wenn ich mich qualifiziere, sind das meine vierten Olympischen Spiele – und das haben auch nicht so viele geschafft. Das wäre dann schon was, worauf man sehr stolz sein kann.

Wenn Sie vor Ihrem jüngeren Ich stehen würden, welchen Tipp würden Sie ihm geben?

Niemals aufgeben. Das hört sich immer so leicht an und das sagt man auch so schnell mal daher, aber ich bin da, glaube ich, ein ausgezeichnetes Beispiel. Gerade in den jüngeren Jahren war ich überhaupt nicht erfolgreich. Ich kam relativ spät erst in die Pubertät, war immer der Kleinste und der Schwächste und habe ganz viele Rennen verloren. Ich habe aber nie die Freude und den Spaß am Schwimmen verloren. Und eines Tages ist dann der Knoten geplatzt und auf einmal war ich erfolgreich. Schwimmen macht Spaß, erfolgreiches Schwimmen macht noch mehr Spaß. Man muss dem Ganzen einfach Zeit geben und immer dranbleiben. Mit ein bisschen Glück und wenn man viel und hart trainiert, dann kann man erfolgreich werden.

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