Wer ist der stärkste Mann der Welt?

von Redaktion

Von Günter Klein

Es fühlt sich gerade wieder an wie 1976. Als der eine stärkste Mann der Welt vom anderen stärksten Mann der Welt herausgefordert wurde.

Die allgemeine Wahrnehmung damals war: Niemand sollte sich anlegen mit dem Box-Weltmeister im Schwergewicht, das war der, den man ohnehin „The Greatest“ nannte: Muhammad Ali. Nicht mehr so dominierend wie zu seinen Glanzzeiten in den Sechzigern, doch die relevanten Kämpfe gegen die Größen George Foreman und Joe Frazier hatte er gewonnen.

Freilich gab es auch eine andere Szene: Die, die meinte, dieses strengen Regeln folgende Boxen sei nicht die wahre Kampfart, in der Männer ihren Besten ermitteln sollten. Die härtesten Burschen seien im Catchen zu finden, einer berufsmäßig betriebenen Weiterentwicklung des Ringens. Darin der Topstar war Antonio Inoki, ein Japaner. Er nannte sich auch Weltmeister im Judo und Karate und hatte den Niederländer Wim Ruska, 1972 Doppel-Olympiasieger im Judo (Schwergewicht und offene Klasse), bei einem Quervergleich besiegt.

Auf der ganzen Welt wurde Aufregung inszeniert. Die Ali-Jünger sagten: Er braucht Inoki nur einmal zu treffen, dann gehen bei dem die Lichter aus. Die Inoki-Anhängerschaft meinte: Wenn Antonio seinen Gegner einmal im Würgegriff hat, dann ist es mit dem vorbei. Inoki ergänzte: Mag ja sein, dass Ali ihn am Kinn treffe – „aber daran werden seine Fäuste zerbrechen“.

Der Kampf in Tokio wurde dann zum Desaster – für beide. Catcher Inoki platzierte sich in der Mitte des Rings auf dem Hosenboden und hielt sich Ali mit den Beinen vom Leib. Boxer Ali tigerte um den nicht greifbaren Inoki herum und hatte am Ende von den Fußtritten, die er abbekam, geschwollene Knie.

Nun, über 40 Jahre später, soll es wieder einen Vergleich zwischen zwei Heroen ihres Kampfsports geben. Floyd Mayweather ist der Superboxer. In den Gewichtsklassen, in denen er antrat, hat er nur einmal verloren, das war noch zu Amateurzeiten, vor über zwei Jahrzehnten. Er findet im Boxen keine Gegner mehr. Conor McGregor kämpft auch. Aber anders. In Käfigen. Mit Fäusten in dünneren Handschuhen als im Boxen. Auch mit den Füßen. Und zugeschlagen werden darf auch, wenn der Gegner auf dem Boden liegt. Ultimate Fighting heißt das. Es geht mehr in Richtung Schlägerei und Straßenkampf, Allerdings: Der Kampf gegen Mayweather findet nach Box-Regeln statt. Im Boxring in Las Vegas.

Mladen Steko, Münchner Experte für Boxen, Kickboxen und Thaiboxen und einer, der einen Blick auf das gesamte Portfolio an Kampfsportarten hat, findet, dass Ali gegen Inoki vor gut 40 Jahren die im Grunde fairere Veranstaltung gewesen ist, weil man jedem die Wesensart seiner Ausrichtung ließ. In Fachbegriffen ausgedrückt: Es waren Stand- und Bodenkampf möglich. Ali hätte Inoki in die Seile hämmern, Inoki hätte Ali in die Beinschere nehmen und würgen können – die beiderseitige Vorsicht verhinderte diese Szenarien. McGregor muss sich 2017 im Boxen beweisen, er darf ausschließlich im Stehen und mit den Fäusten agieren. Keine Kicks mit Beinen und Füßen, kein Einsatz des Ellbogens, kein Ringen, keine Aktionen am Boden, kein Schlagen mehr, wenn der Gegner bereits angeknockt ist.

Im Reich des Boxkönigs Floyd Mayweather, glauben die Fachleute daher, wird Conor McGregor nichts ausrichten – mag er noch so furchteinflößend und aggressiv wirken.

Vom Kickboxen zum Boxen: Fall Klitschko

Allerdings: Andersherum wäre die Sache genauso klar. Levent Cukur, Münchner Boxpromoter und Trainer, sagt: „Im Käfig würde Mayweather wahrscheinlich in der ersten Runde kaputt gehen.“ Cukurs Boxkollege Alexander Petkovic aus Dachau sieht es ähnlich, aber etwas modifizierter: „Die Chance von Mayweather im Käfig wäre größer als die Chance von McGregor im Ring.“

Die Frage des stärksten Mannes der Welt im direkten Kampf muss daher unbeantwortet bleiben. Zu unterschiedlich sind die Ausprägungen: Boxen, Kickboxen, Thaiboxen, Muay-Thai, K1, UFC, Ringen, Judo, Jiu-Jitsu, Karate, Taekwondo – die Palette der Selbstverteidigungssportarten. Wer top sein will, muss sich spezialisieren. Nur selten gelingt der Übergang – wie bei Witali Klitschko. Der ältere der ukrainischen Brüder war Kickboxer und als solcher sogar bei einer Junioren-Weltmeisterschaft in Florida. Später wurde er Box-Weltmeister. Man sagte ihm nach, die staksigen Bewegungen des Kickboxers sei er nie losgeworden.

Zwischen anderen Kampfsportarten fällt der Übergang schwerer. Das hat Akebono erfahren müssen. Der gebürtige Hawaiianer schaffte es, in der japanischen Nationalsportart Sumo zur Ikone zu werden, bei der Eröffnung der Olympischen Winterspiele 1998 in Nagano sorgte er mit seiner puren Präsenz für Begeisterungsstürme.

Doch als er im Sumo für die Konkurrenten greifbarer wurde, versuchte er sich im K1. Einer Sportart, die aus den Elementen einiger anderer (Boxen, Karate, Teakwondo, Muay Thai, Taejwondo, Savate) komponiert wurde. Hauptsache Vollkontakt. Wichtig war auch, dass es zu jedem Kämpfer eine Story gab, die Stars hießen Mighty Mo (aus den USA) und Choi Hong-Man (Südkorea). In Japan, wo die Serie gegründet wurde, läuft K1 immer noch gut, auf anderen Märkten hat der Boom nachgelassen.

„Bei Akebono hat der Wechsel ins K1 nicht hingehauen“, sagt Mladen Steko und erinnert an peinliche Bilder: Akebono, wie er versucht, seine 230 Kilogramm in Gang zu bringen und wie die Schläge tapsig geraten. Im Sumo war Akebono massig unverrückbar, im Boxen war er fett und unbeweglich.

Mittlerweile – und mit auch schon 48 Jahren – ist Akebono Wrestler. Für seine Kämpfe gibt es nun eine Art Drehbuch. Sportlich ernst zu nehmen sind sie nicht.

Akebono war in seiner Blütezeit für die Japaner der stärkste Mann der Welt – außerhalb seiner Szene wurde er mit diesem Prädikat nicht in Verbindung gebracht.

Stärkste Männer der Welt nannte man gerne auch den jeweils erfolgreichsten Gewichtheber (sogar der sanftmütige Matthias Steiner wurde nach seinem Olympiasieg von 2008 als solcher gefeiert), den beeindruckendsten Boxer oder unwiderstehlichsten Ringer wie den russischen Serienolympiasieger (1988, 92, 96) Alexander Karelin. In seinem Sport gilt er als der Beste aller Zeiten. Einmal sagte er, sein härtester Gegner sei nicht ein anderer Ringer gewesen, sondern ein Kühlschrank, den er bei einem Umzug in den sechsten Stock habe tragen müssen.

Stärkste Männer der Welt werden heute auch in Strongman-Wettbewerben ermittelt, zuletzt war der „2017 World’s Strongest Man“ in Botswana. Sieger: Eddie „The Beast“ Hall vor dem 205-Kilo-Klotz (bei 2,06 m Größe) Hafthor Julius Björnsson, der in der Fernsehserie „Game of Thrones“ den „Mountain“ spielt. Die Einzelbestandteile des Kraftmeierei-Mehrkampfs: Kreuzheben, Kniebeuge, Viking Press (eine Vorrichtung zum Über-Kopf-drücken), Flugzeugziehen, Lastwagenreifen-Umdrehen und Geschwindigkeits-Steineheben. Beim Kreuzheben (mit der Hantel komplettes Aufrichten bei gestrecktem Rücken) meisterte Hall das unfassbare gewicht von 472,5 kg – bei 500 Kilo, so heißt es, würden die Blutgefäße platzen.

Respekt des Boxers vor den Kreuzhebern

Levent Cukur, der leidenschaftliche Boxer, hatte mit dieser Form des Kraftsports bislang nichts zu tun, war aber gerade in Niederbayern, wo sein Sohn Emre bei Sepp Maurer, einem Steineheber, in dessen Sportschule „Kinema“ im Trainingslager weilt – und hat dort gesehen, wie hart etwa Kraftsportler arbeiten. „Mein Gott, Hut ab“, sagt er nun voller Anerkennung, „so eine Sportart wird viel zu wenig gewürdigt“.

Mladen Steko täte sich schwer, einen stärksten Mann der Welt zu benennen. „Es käme darauf an, wie man stark definiert. Ist der stark, der das meiste Gewicht hebt, oder der, der am besten prügelt?“ Einen Weltstärksten gibt es für ihn darum nicht, „denn der Gewichtheber würde dem Kampfsportler im Ring unterliegen und der Kampfsportler dem Gewichtheber an der Hantel“.

Es gab mal eine Sportlerin, die versuchte, aus einem Sport mit hohem Anteil an Schnellkraft in den Kampfsport zu wechseln: die Kugelstoßerin Nadine Kleinert, Dritte der WM 2007, sollte zur Attraktion des Magdeburger Boxstalls SES werden. Schon zum Probetraining kamen Reporter bis aus den USA, ein Fernsehvertrag über zehn Kämpfe wurde ihr in Aussicht gestellt. Die Aufmerksamkeit, die ihr zuteil wurde, fand sie erst faszinierend, dann abstoßend. Sie entschied sich, Leichtathletin zu bleiben und wurde 2012 Kugelstoß-Europameisterin. Boxen gab sie nach ein bisschen Sparring auf.

Dabei hätte sie in der höchsten Gewichtsklasse allein mangels Konkurrenz schnell nach oben kommen können. Sie wäre dann die stärkste Frau der Welt genannt worden.

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