„Wir können Bayern weh tun“

von Redaktion

Marco Bode über den Besuch des Meisters, die offensive DNA und Tücken der Kaderplanung

München – Werder Bremen gegen den FC Bayern, das war früher auf allen Ebenen ein aufregendes Duell. Mittlerweile haben sich die sportlichen Verhältnisse geklärt und die Gemüter abgekühlt, selbst die Lieblingsfeinde Willi Lemke und Uli Hoeneß haben Frieden geschlossen. Den Vorsitz im Werder-Aufsichtsrat hat seit 2014 Marco Bode (48). Der Ex-Nationalspieler erzielte in 379 Bundesligaspielen 101 Tore für die Bremer – davon fünf gegen die Bayern.

-Herr Bode, anderswo sind die Transferplanungen abgeschlossen. Werder scheint noch mittendrin zu sein. Beunruhigt Sie das?

Gar nicht. Wir haben uns bewusst im Sommer entschieden, die Mannschaft nur punktuell zu verändern. Wir hatten im letzten Jahr sehr viel Fluktuation und mussten neue Spieler integrieren. Dieses Jahr sind wir da etwas ruhiger, das stimmt. Es wird möglicherweise noch etwas passieren bis zum Transferschluss.

-Amüsieren Sie Schlagzeilen wie „Spart sich Werder um den Erfolg“?

Das ist ja nicht zum ersten Mal, dass die These aufgestellt wird. Dem Gedanken liegt die Prämisse zugrunde, dass Erfolg sich durch Mehrinvestitionen garantieren lässt. Da bin ich ganz anderer Meinung. Nichtsdestotrotz ist klar, dass wir gute Spieler haben wollen. Aber wir werden nicht panisch oder aktionistisch etwas tun, nur um Umfeld oder Medien zu befriedigen.

-Fällt Werder die Kaderplanung heute schwerer als noch vor einigen Jahren?

Nein. Das ist schon seit einigen Jahren schwer. Vor der Herausforderung, eine gute Mannschaft zusammenzustellen und zu halten, standen wir schon immer. Wenn ich an meine eigene Spielerzeit zurückdenke, hat Werder schon häufig damit leben müssen, dass Leistungsträger rausgerissen wurden. Wir haben es damals über lange Zeit kompensieren können. Werder hat relativ deutlich überperformed in der Ära Schaaf/Allofs. Da wollen wir wieder hin.

-Es gibt die Top-Klubs, Großstadtklubs mit entsprechender Sponsorenlandschaft, Investorenklubs, Nischenklubs – welchen Platz sehen Sie für Werder?

Wir werden wirtschaftlich nie in der allerersten Kategorie mitspielen können. Das konnten wir nie, auch nicht zu besten Zeiten. Aber ich sehe uns in keiner schlechten Position. Wir sind aufgestellt wie viele, viele andere Klubs. In dieser Kategorie müssen wir versuchen, die Besten zu sein.

-Aus der Distanz wirkt Bremen mit der überschaubaren Größe und Medienlandschaft wie ein Biotop.

Das täuscht ein wenig. Unsere Medienlandschaft unterscheidet sich nicht dramatisch von anderen Städten. Ich weiß, in München, Hamburg oder Berlin denkt man manchmal, Bremen sei eine mediale Wüste. Aber das kann ich nicht bestätigen. Ich glaube, was Bremen einfach auszeichnet, ist der große Zusammenhalt, die große Identifikation zwischen Verein und Stadt.

-Aber nehmen wir Max Kruse. Ist ihm nicht nach seinem Wechsel nach Bremen die Ruhe des Standortes zugute gekommen?

Das stimmt. Aber ich führe das weniger auf das mediale Umfeld zurück als auf die Atmosphäre. Auf unsere Philosophie, ein angenehmes Umfeld zu schaffen. Das sind nicht nur wir als Klub, das ist die Stadt, das ist die Region. Es gibt ganz, ganz viele Spieler, die bei Werder gespielt haben und noch heute positiv zurückdenken.

-Werder war immer berühmt für seine Stürmer. Wenn ein Davie Selke, der in Bremen schon Erfolg hatte, alle Vorzüge kennt und im Sommer auf dem Markt war, trotzdem Hertha BSC Berlin vorzieht, wie schwer ist das zu akzeptieren?

Das würde ich nicht überdramatisieren. Davie ist ein Spieler, mit dem wir uns beschäftigt haben. Er hat sich anders entschieden. Das ist Normalität in der Liga. Man bekommt nicht jeden Spieler, um den man sich bemüht.

-War die Entscheidung, Claudio Pizarros Vertrag nicht mehr zu verlängern, aus Altersgründen einfach oder aus emotionalen Gründen schwer?

Wir alle wissen, dass Claudio einer der größten Spieler der Werder-Geschichte ist und war. Deswegen fällt es schon schwer, so eine Entscheidung zu treffen. Aber am Ende muss man natürlich auch das Vereinswohl im Blick haben.

-Der zweite Stürmer, der im Sommer ging, war Serge Gnabry. Auch er blühte in Bremen auf.

Bei Serge waren wir unglücklich, dass er nur das eine Jahr bei uns gespielt hat. Es ist kein Geheimnis, dass wir uns gewünscht hätten, dass er noch zwei, drei Jahre bleibt und dann den nächsten Schritt macht. Es ist schade, aber das meine ich: Diese Schwierigkeiten bestanden schon immer. Spieler haben auch die Freiheit, sich gegen uns zu entscheiden.

-Weitgehend ohne Gnabry hat Werder eine furiose Rückrunde gespielt. Und gerade als Europa in Sicht war, hagelte es 13 Gegentore in drei Partien. Das war in jeder Hinsicht das alte Werder, oder?

Es war eine verrückte Rückrunde. Schwer zu erklären. Wir haben am Ende ja nicht nur 13 Gegentore erzielt – wir haben auch neun geschossen.

-Die letzten drei Spiele endeten 3:4, 3:5 und 3:4.

Ein Sieg hätte wahrscheinlich für Europa gereicht. Das war schon ärgerlich. Aber wie Sie schon sagten: Werder ist immer ein Klub gewesen, der nach vorne spielt. Das wird auch so bleiben. Natürlich ist es aber wichtig, bei den vielen Gegentoren der letzten Jahre am Defensivkonzept zu arbeiten. Das tut Alex Nouri auch.

-Ist es utopisch zu glauben, dass Werder den Bayern punktuell wieder gefährlich sein kann?

Nein. Wir und auch andere können den Bayern punktuell immer wieder weh tun. Über eine ganze Saison können wir sicherlich nicht dagegenhalten. Das können zwei, drei, Mannschaften, zu denen würde ich uns momentan nicht zählen. Aber in einem Spiel ist alles möglich. Das Entscheidende ist, dass die Spieler konzentriert und mutig sind. Das waren wir in den letzten Jahren in München nie.

-Hat es eine Bedeutung, so früh gegen die Bayern zu spielen, wenn sie noch nicht ins Rollen gekommen sind?

Ich könnte jetzt unbescheiden sagen, dass es uns früher egal war, wann die Bayern nach Bremen kommen. Ich glaube, meine Generation hat tatsächlich genauso oft gegen Bayern verloren wie gewonnen. Aber darauf gebe ich nicht viel. Wir hatten Bayern letzte Saison am ersten Spieltag – und haben hoch verloren (Anm.: 0:6).

-Bei Werder wie beim FC Bayern sind viele Ex-Spieler an den entscheidenden Stellen. Gibt es eigentlich eine Bremer Variante des „Mia san mia“?

Am ehesten wahrscheinlich das, was man „Werder-Familie“ nennt. Das „Mia san mia“ klingt vielleicht etwas selbstbewusster, aber das können sich die Bayern auch leisten. Wir müssen im Moment etwas bescheidener auftreten.

Das Gespräch führte Marc Beyer

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