Kolumne

Zu wenig Geduld mit den Talenten

von Redaktion

Der FC Bayern, keiner wird das ernsthaft bestreiten, ist nun mal das Nonplusultra im deutschen Fußball. Da war es mehr als überfällig, dass auch er sich ein Nachwuchszentrum leistet, das Maßstäbe setzt, modernsten trainingsmethodischen und sportwissenschaftlichen Ansprüchen genügt. Das ist lobenswert.

Schließlich beruhte der überwältigende Erfolg des Klubs im nationalen und internationalen Fußball zuletzt nicht mehr unbedingt auf hervorragender Ausbildung, man hat unter dem früheren Manager und heutigen Präsidenten Uli Hoeneß seriös gewirtschaftet, stets die Zeichen der Zeit erkannt, Möglichkeiten im Merchandising clever genutzt und den Verein auf finanziell sichere Beine gestellt. Seit David Alaba aber hat keiner aus dem Nachwuchs mehr den Sprung zu den Profis geschafft, das nervt, ist aber auch Folge des wirtschaftlichen Erfolgs, der ungeahnte Möglichkeiten auf dem weltweiten Transfermarkt eröffnet und es eigenen Talenten schwer macht.

Genau genommen ist ja auch Alaba kein Beleg für die gute Nachwuchsarbeit der Bayern. Man hat ihn mit 16 aus Wiens einstiger Vorzeige-Akademie geholt, Toni Kroos kam auch erst mit 16 gut ausgebildet von Hansa Rostock. Letztes Eigengewächs, das sich der FC Bayern wirklich an seine Fahnen heften kann, ist also Thomas Müller, der mit zwölf kam. Und Mats Hummels wurde sogar von der F-Jugend bis zur U23 bei den Bayern geformt. Solche Karrieren aber sind kaum mehr möglich.

Wenn heute ein Junge in der U10 eines Nachwuchsleistungszentrums anfange, sei die Chance, später Bundesliga-Profi zu werden, kleiner als ein Promille, hat neulich ein Professor vorgerechnet, der sich wissenschaftlich mit der Ausbildung beschäftigt. Es werde selektiert und deselektiert, getrieben von der Hoffnung, mit viel Glück die eine Perle zu finden, die vielleicht einmal zig Millionen auf dem Transfermarkt bringt.

Als nun Hermann Gerland seinen Arbeitsplatz als sportlicher Leiter des Bayern-Campus vorstellte, setzte er sich ans Fenster mit Blick auf das Jugendstadion und meinte: „Hier will ich Siege sehen, Siege, Siege, Siege.“ Und legte genau damit wohl unbewusst den Finger in die Wunde des Ausbildungssystems: Zu sehr wird der momentane Erfolg in den Mittelpunkt gerückt statt der individuellen Förderung echter Talente. Anders ist es nicht zu erklären, dass in den drei höchsten Jugendteams der Bayern, der U19, U17 und U16, von insgesamt 73 Spielern 42 im ersten Quartal geboren sind, ganze sieben im letzten. Daraus lässt sich schließen: Man hat zu wenig Geduld, schaut beim Scouting nicht auf die Perspektive, sondern auf die aktuelle Leistungsstärke, weil man Siege will, schon bei den Jüngsten. Das ist fatal.

Die Bayern sind stolz darauf, nach vielen dürren Jahren im Sommer deutscher Meister mit den B- und Vizemeister mit den A-Junioren geworden zu sein, das ist schön, aber nicht so wichtig. Entscheidend ist, was nun mit den Talenten passiert. Den Sprung in den hochkarätigen Profikader wird kaum einer sofort schaffen, die U23 könnte eine gute Fortsetzung der Ausbildung sein, die aber krebst seit Jahren in der Regionalliga herum, die für Toptalente nicht eben attraktiv und förderlich scheint.

Ein wunderbares, modernes Ausbildungs-Zentrum ist ein Meilenstein, aber sicher nicht die Lösung aller Probleme, die ein völlig überhitzter Kampf um die kommenden Superstars mit sich bringt. Das Dilemma: In die Nachwuchsleistungszentren kommen oft die, die einen kleinen Vorsprung in der Entwicklung haben, später aber stehen bleiben und aussortiert werden. Wer es aber als Spätgeborener nie an ein NLZ schafft, hat praktisch keine Chance mehr. Da liegt noch viel Potenzial einfach nur brach.

Zwischentöne

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