München – Vor dem Mann liegt die Tiefe des Raumes, wie es Philosophen nennen. Doch Thomas Müller sieht so aus, als wüsste er mit diesem Grün voller Möglichkeiten nicht viel anzufangen. Er, für den man einst extra einen neuen Fußball-Fachterminus erfand: Raumdeuter. Als Müller am Samstag beim 2:0 des FC Bayern in Bremen an der Seitenline bereitsteht, um für die Schlussphase ins Spiel zu kommen, liest sich seine Mimik so: Mit dieser schönen Tiefe des Raums wird er mal wieder wenig anfangen können. Zu wenig Zeit für so viel Raum. Ein Mann im Abseits.
Natürlich hat Müllers neuerliches Schicksal als Teilzeitkraft landesweit die Zeitungsseiten gefüllt. Auch, weil er mit einem kritischen Zitat in Richtung Carlo Ancelotti die Thematik befeuerte, doch allein die wiederholte Zurückstufung des Weltmeisters auf die Bank reicht für Schlagzeilen. Zumal Müller in dieser Woche ja wieder für die Nationalmannschaft treffen soll. Die ganze Republik sorgt sich um den Münchner: Wird er je wieder der Raumdeuter, Torjäger, Liebling der Nation?
Es gab diese Situation schon öfter, dass ein Spieler, der zuhause im Verein eine schwere Zeit durchlebt, in der Wohlfühl-Oase DFB Kräfte tankt. In diesem Fall aber liegen die Dinge anders. Es ist
Löw nimmt in WM-Saison kaum Rücksicht
der Start in die WM-Saison, Joachim Löw hat 40 Spieler auf seiner Liste für das Turnier in Russland – und auch Optionen für Müllers Offensivpositionen. Um sein Ticket muss der 27-Jährige sicherlich nicht bangen. Aber obwohl Löw dafür bekannt ist, verdiente Helden in Ehren zu halten, wird der Bundestrainer für sein großes Ziel, den Titel zu verteidigen, auf Einzelschicksale weniger Rücksicht als in der Vergangenheit nehmen. Bereits gestern kündigte er auf der Trainertagung an, es werde Härtefälle geben.
Bei Thomas Müller kann ein kurzer Wellness-Trip zum DFB auch kaum alle Wunden heilen. Die Formulierung „zuhause im Verein“ hat bei ihm eine viel tiefere Dimension als bei den meisten anderen Profis. Es steckt weitaus mehr in diesem Bild, wenn er die Tiefen des Raumes nicht nach Lust und Laune deuten darf. Die Identitätskrise greift wesentlich tiefer; denn die Frage nach der Zukunft von Thomas Müller zielt ja direkt auf den Kern des FC Bayern.
In Bremen skandierten die Fans mitten während der Partie plötzlich „Badstuber“ – die Kunde, dass der frühere Bayer gerade für den VfB Stuttgart getroffen hatte, war publik geworden. Holger Badstuber schoss einst Seite an Seite mit Müller aus der Bayern-Jugend in die Profimannschaft, mit weiteren Eigengewächsen wie Philipp Lahm und Bastian Schweinsteiger standen sie für die DNA, für „Mia san mia“. Jung und modern wie sie waren, ergaben sie eine feine kickende Ergänzung zu Laptop und Lederhosen. Badstuber ist in Schwaben, Schweinsteiger in Chicago, Lahm in Rente – und für Müller findet sich in einem Mittelfeld voller Spanier, Chilenen, Kolumbianer, Niederländer kein Platz mehr.
Ancelotti bestand auf Konkurrenten-Import
Man tut sich bei der Personalie Müller so schwer, weil man ihn einfach gernhaben muss, diesen kickenden Gaudiburschen vom Ammersee. Die Krux des FC Bayern ist, dass er in Müller ein identitätsstiftendes Aushängeschild hat, wie es sich andere nicht mal erträumen können. Als international ambitionierter Klub es sich aber nicht leisten kann, in seiner Startelf aus folkloristischen Gründen einen Platz zu blockieren. Dass auch für einen Müller Qualität das ausschließliche Aufstellungskriterium ist, macht die Identitätskrise quasi komplett. Das größte Problem ist, dass er in Carlo Ancelotti einen Coach hat, der kein Interesse daran entwickelt, eine Lösung zu finden. Pep Guardiola fiel es anfangs schwer, den unorthodoxen Raumdeuter in sein ausgeklügeltes System einzubinden. Doch er erkannte den Wert des Nationalspielers für die Münchner – auf und neben dem Platz. Er schuf Verwendung für ihn.
Ancelotti hingegen forderte im Sommer den Kolumbianer James, den er von Real Madrid kennt. Ehe der nächste Konkurrent für Müller importiert wurde, fragten die Bosse den Coach mit Nachdruck, ob er auf James bestehe, denn sie haben ihr Gewächs schon immer im Kopf. Der Italiener blieb aber hart. Es ist leicht, sich auszurechnen, wie sich die Räume für Müller weiter verengen werden, sobald Ancelottis Wunschspieler fit ist.