München – Morgen endet die Transferzeit, sie schlug in diesem Sommer Kapriolen wie nie zuvor. Neymar, Ousmane Dembele, auch Bayerns Corentin Tolisso sorgten für Rekordmarken. Dennis Krämer und Thomas Deterding, Experten von transfermarkt.de, erläutern die Kaufvorgänge.
-In diesem Transfersommer wurden Summen wie nie zuvor aufgerufen; sind Experten auch geschockt?
Dennis Krämer: Geschockt wäre der falsche Begriff, aber diese Überhitzung des Marktes verwundert einen schon. Generell wird die Entwicklung steigender Ablösen aber anhalten, da immer höhere Beträge – etwa durch Investoren oder TV-Gelder – in den Markt gelangen. Die 100-Millionen-Grenze wird in Zukunft wohl öfter durchbrochen und keine Ausnahme mehr sein. Insofern hat uns das nicht überrascht.
-Die Spitze des Eisbergs war der Neymar-Transfer.
Krämer: Die Summe von 222 Millionen, die Paris für Neymar zahlte, wird in naher Zukunft nicht zum Regelfall werden – allein, weil sie auch in diesem Sommer kein Regelfall war. Schließlich handelte es sich um keine ausgehandelte Ablöse, sondern um eine Ausstiegsklausel. Dadurch wurde eine Spirale in Gang gesetzt, die auch die Bundesliga tangierte. Ousmane Dembele wäre ohne den Neymar-Deal sicher nicht für 147 Millionen zu Barcelona gewechselt.
-Erwarten Sie, dass diese Preisspirale mal stoppt?
Krämer: Der Neymar-Transfer per Klausel war sicherlich ein Peak, der erst mal seinesgleichen sucht. Es gibt das Financial Fairplay, und selbst finanzkräftige Klubs wie Manchester City, PSG oder Manchester United werden nicht jedes Jahr ihre Kader voll umkrempeln. Es wird auch wieder eine Beruhigung geben. Gänzlich stoppen wird der Trend aber nicht. Die Ausstiegsklauseln werden angehoben, sollte aber ein finanzstarker Klub Handlungsbedarf sehen, wird er auch eine 300-Millionen-Klausel erfüllen, was einen erneuten Domino-Effekt auslösen wird.
-Ist das Financial Fairplay nur ein Papiertiger?
Thomas Deterding: Zunächst ist es in seiner Grundidee ein wichtiges und sinnvolles Instrument, um die Ausgaben der Klubs bei Ablösesummen sowie Spielergehältern zu regulieren und Chancengleichheit zu wahren. Wie es in der Realität greift, muss von Fall zu Fall betrachtet und hinterfragt werden. In allen gesellschaftlichen Bereichen finden sich Wege, Regularien rechtlich einwandfrei zu umgehen. Die UEFA wird insbesondere den Neymar-Deal sicher genau unter die Lupe nehmen und gegebenenfalls Maßnahmen ergreifen. Sie können von Geldstrafen über Kader-Reduzierungen bis hin zum Ausschluss aus dem internationalen Wettbewerb reichen, wie beispielsweise im Fall des FC Malaga 2013.
-Ist Neymar aus Ihrer Sicht 222 Millionen wert?
Krämer: Rein marktwirtschaftlich betrachtet: ja. Auch diesen Deal muss man ja vor dem Hintergrund von Angebot und Nachfrage betrachten. Schließlich hat Barcelona die Klausel in beiderseitigem Einvernehmen in den Vertrag des Brasilianers geschrieben, wissend, dass dieses vertragliche Konstrukt aktiviert werden kann.
-Ist das Hickhack um Dembele ein Beleg, dass die Spieler heute zu mächtig sind? Auch Barcelona wollte Neymar nicht abgeben . . .
Krämer: Barcelona hatte keine Wahl. Im Fall von Dembele ist Dortmund eben nicht eingeknickt. Dennoch musste der BVB fein abwägen: Ein Spieler, der in den Streik tritt und durch den Hinterausgang wegwill, wäre schwer tragbar gewesen – vor den Mitspielern und den Fans. Ihn ein halbes Jahr auf die Tribüne zu setzen, hätte keinem etwas gebracht. Insofern war es richtig, ihn abzugeben. Der BVB hat aber gezeigt, dass sich ein Wechsel nicht einfach erzwingen lässt und die Macht der Spieler begrenzt ist.
-Wie können sich die Klubs besser wappnen?
Krämer: Bei vielen Vereinen zeichnet sich der Trend ab, ihre Stars, Talente und Hoffnungsträger frühzeitig langfristig zu binden. Dabei versuchen sie natürlich auch, die Ausstiegsklauseln abermals anzuheben. Real Madrid etwa will im Zuge der anvisierten Verlängerungen mit Isco und Marco Asensio die Klauseln auf 700 (Isco) sowie 500 Millionen (Asensio) anheben. So schreckt man Investoren anderer Klubs ab.
-Wie bewerten die Experten die Transfers des FC Bayern in diesem Sommer?
Deterding: Zunächst ist festzustellen, dass der FC Bayern den BVB wieder an der Spitze des Ausgaben-Rankings der Bundesliga abgelöst und mit einer erstmals erreichten Summe von über 100 Millionen im Ligavergleich deutlich am meisten investiert hat. Nimmt man die drei europäischen Top-Ligen England, Spanien und Italien, gibt es – Stand jetzt – nur sieben Klubs, die heuer mehr ausgaben. Allgemein wurde der Kader nach den Abgängen von Philipp Lahm oder Xabi Alonso durch Einkäufe wie Corentin Tolisso oder Niklas Süle verjüngt und der Konkurrenzkampf erneut angeheizt.
-Sind 41,5 Millionen für Tolisso gut angelegt?
Krämer: Die Bayern sind da strategisch geschickt vorgegangen, hatten ihn länger auf dem Zettel und haben den Wechsel perfekt gemacht, bevor sich der Markt durch die Neymar-Millionen erhitzte. Zum Vergleich: Barcelona hat 40 Millionen für Paulinho ausgegeben, der 29 ist. Tolisso, 23, gilt in Frankreich als großes Talent und ist entwicklungsfähig. Sein Potenzial hat er bereits angedeutet. Angesichts der aktuellen Summen sind die 41,5 Millionen gut angelegt. Ein gewisses Risiko schwingt bei jungen Spielern natürlich immer mit. Auch bei Renato Sanches schlug Bayern früh zu – er konnte sich nicht durchsetzen, ist jedoch um einiges jünger als Tolisso.
-Sebastian Rudy wird als Schnäppchen-Stratege gefeiert – romantische Verklärung oder ist er tatsächlich international salonfähig?
Krämer: Der FC Bayern ist auch immer dafür bekannt gewesen, aufstrebende Bundesliga-Spieler kostengünstig zu verpflichten, die in München den nächsten Schritt machen wollen. Rudy hat beim Confed Cup bewiesen, dass er internationale Klasse besitzt. Ist ein deutscher Nationalspieler im besten Fußballeralter ablösefrei, muss der Klassenprimus Nägel mit Köpfen machen.
-Ist James bei den kolportierten Bezügen ein Schnäppchen – und sollte ihn Bayern ganz kaufen?
Deterding: Da jetzt eine Aussage zu treffen, wäre verfrüht. Der Spieler hat noch kein Liga-Spiel für die Bayern bestritten, das Leihgeschäft ist auf zwei Jahre angesetzt. Der Klub wird genau beobachten, wie er sich akklimatisiert. Dass die kolportierte und festgeschriebene Ablöse in Höhe von 42 Millionen vergleichsweise gering ist, kann man so sehen. Man darf aber auch nicht außer Acht lassen, dass sich der Marktwert des Kolumbianers in den letzten zwei Jahren von zwischenzeitlich 80 Millionen auf nun 50 Millionen verringerte, da er sportlich bei Real Madrid keine tragende Rolle gespielt hat.
-Leihgeschäfte sind gerade im Trend . . .
Deterding: Leihgeschäfte spielen in diesen Zeiten in erster Linie für vermeintlich „kleinere“ Klubs eine wichtige Rolle. Die Entwicklung des Marktes geht ja – überspitzt gesagt – dahin, dass man für mehr Geld vergleichsweise immer weniger Qualität bekommt. Vor diesem Hintergrund stellen Leih-Deals wirtschaftlich betrachtet erst mal ein bedingtes Risiko dar.
-Douglas Costa und Serge Gnabry sind zwei verschiedene Leih-Modelle, aus Ihrer Sicht beide sinnvoll?
Deterding: Im Fall Costa kommunizierte der FC Bayern ja eine „finale Kaufoption“, die also wohl anhand vorab definierter leistungsabhängiger Faktoren ab einem gewissen Zeitpunkt – etwa nach dem 20. Pflichtspiel – zu einer Kaufpflicht führt. Zahlt Juventus nächsten Sommer die kolportierten 40 Millionen Ablöse, hat man bei Costa, der für 30 Millionen kam und zuletzt aufgrund wenig überzeugender Leistungen einen negativen Marktwerttrend aufwies, zweifelsfrei einen guten Deal gemacht. Beim Beispiel Gnabry ist eine Option für eine der beiden Seiten zumindest öffentlich nicht bekannt – für Hoffenheim, das erstmals international antritt, kann der Spieler qualitativ zur kurzfristigen Verstärkung werden. Bayern geht mit einem solchen Deal kein Risiko ein.
-Landet Bayern in den nächsten Jahren bei internationalen Transfers hoffnungslos im Hintertreffen?
Deterding: Betrachtet man die aktuelle Entwicklung und weiß um die klare Haltung des FC Bayern, wird es für den Klub sicherlich nicht leichter. Uli Hoeneß hat ja angemerkt, dem „Millionen-Wahnsinn“ anderer Klubs zukünftig „auf Bayern-Art“ begegnen zu wollen. Sprich: Wenn du dieses Spiel als Klub nicht mitspielen willst, suchst du eben neue Wege, um konkurrenzfähig zu bleiben – wie Erschließung neuer Märkte, Ausbau des Scoutingnetzwerks, Förderung der Nachwuchsarbeit oder Ähnlichem. Auch das sind Wege, die zum sportlichen Erfolg führen. Ich persönlich finde es in diesen Zeiten erfrischend und positiv, wenn man wie Bayern in dieser Thematik deutlich Stellung bezieht. Wenngleich ich sicher bin, dass der mit Tolisso aufgestellte Ausgaben-Rekord auch an der Säbener Straße schon bald wieder gebrochen wird.
-Hoeneß sagt, der Bayern Campus könne die Antwort auf den Transfer-Irrsinn sein – ist das realistisch?
Krämer: Der FC Bayern wird nie ein reiner Ausbildungsverein sein, der nur auf Talentförderung setzt – dafür ist der Druck, schnell Titel gewinnen zu müssen, zu hoch. Laut Hoeneß ist der Campus nicht der Weg, sondern ein künftiger Weg. Man hat festgestellt, dass die Durchlässigkeit zu den Profis seit Jahren nicht mehr so gegeben ist. Das will man ändern, um künftig auf einen Mix aus Neuzugängen, Scouting und eigenen Talenten zu setzen. Natürlich ist das eine Antwort auf die Entwicklungen, wenn man – statt horrende Summen zu bezahlen – auf eigene Talente zurückgreifen kann. Möglich ist auch, dass man Eigengewächse, die nicht sofort den Sprung schaffen, langfristig bindet, verleiht und gegebenenfalls später integriert – ein Modell, dass Real Madrid oder Barcelona seit Jahren anwenden. Daniel Carvajal, Jesús Vallejo, Casemiro (alle Real) oder Gerard Deulofeu und Rafinha (beide Barcelona) sind Beispiele für diese Strategie.
-Wer sind die wertvollsten Spieler der Bundesliga?
Deterding: In der Transfermarkt-Datenbank liegt aktuell Robert Lewandowski mit 80 Millionen Euro Marktwert vor Pierre-Emerick Aubameyang mit 65 Millionen sowie Thomas Müller und James Rodriguez mit jeweils 50 Millionen. Zur Verdeutlichung: Unter den Top 20 befinden sich aktuell nur vier Spieler im Marktwert-Ranking, die nicht dem Kader des FC Bayern oder von Borussia Dortmund angehören – einer davon ist Leipzigs Emil Forsberg, der wie seine Teamkollegen Timo Werner und Naby Keita im vergangenen Jahr zu den größten Marktwertgewinnern der Bundesliga gehörte. Mit Spannung darf man auf die Entwicklung von jungen Spielern wie Dortmunds Christian Pulisic, dem 20-Millionen-Transfer des BVB Maximilian Philipp, der seinen Wert innnerhalb von einer Saison um 12,75 Millionen Euro steigerte, Leverkusens Kai Havertz oder Stuttgarts Neuzugang Santiago Ascacibar blicken.
Interview: Andreas Werner