Am Sonntag hat Benedikt Höwedes seinen letzten typischen Schalke-Moment erlebt. Die Mannschaft hatte gerade in Hannover verloren und derart kläglich agiert, wie es in jüngerer Vergangenheit fast schon Standard geworden ist. Doch die Fans feierten. Allerdings nur einen Spieler. Eben Höwedes.
Die Aktion auf den Rängen spiegele „die Menschlichkeit und den Charakter des Vereins“ wider, schwärmte sein Mitspieler Leon Goretzka, der selbst tief im Ruhrgebiet verwurzelt ist. Aber da erliegt er wohl dem romantischen Irrglauben, dass die Fans den ganzen Verein repräsentieren. In Wahrheit ist der einzelne Mensch auch im Profikosmos Schalke 04 austauschbar, und die Verdienste von gestern spielen schon heute keine Rolle mehr.
Höwedes wird den Klub wohl verlassen und sich Juventus Turin anschließen. Am Ende ist es ein fast normaler Vorgang, der die Branche nicht mehr überrascht. Doch die zentrale Frage ist nicht beantwortet: Wieso muss er eigentlich gehen?
Dass es so weit kommen würde, war lange undenkbar. Als es für den Verein schlecht lief – also ziemlich oft – hat er Wechselgedanken verworfen und Operationen verschoben. Was immer er tat, tat er mit der Maxime, den Königsblauen zu dienen. Er verkörperte diesen speziellen Klub auf eine Weise, die man im modernen Fußball nicht mehr oft erlebt.
In Erinnerung bleiben wird nun ein schnöder Satz, den Domenico Tedesco vor einer Woche formulierte: „Reisende soll man nicht aufhalten.“ Natürlich hat der neue Trainer auch Nettes über den Mann gesagt, der immerhin der einzige Weltmeister in seinem Kader war. Aber ehrliche Wertschätzung und Respekt vor dem Geleisteten klingen anders.
Es ändert sich gerade eine Menge in Schalke. In Tedesco hat der Verein einen jungen Trainer, der wenig Erfahrung, aber viel Kredit hat. Er bedient die Sehnsucht nach umfassender Veränderung, nach einem Ausbruch aus der taktischen und spielerischen Starre der letzten Jahre. Jetzt wird der Klub mit Macht umgekrempelt. Erst war für Höwedes als Kapitän kein Platz mehr, bald wohl als Spieler.
Die Risiken, die damit verbunden sind, nimmt der Verein in Kauf, obwohl der Kader keineswegs so luxuriös besetzt ist, dass man auf Höwedes als Spieler und Persönlichkeit verzichten könnte. Als sich der Wechsel anbahnte, stand man unter dem berauschenden Eindruck des Sieges über Leipzig. Nun ist der Ur-Schalker bald weg. Und die Ernüchterung ist da. Vorerst nur wegen der Pleite in Hannover.