München/Stuttgart – Manchmal ist das bei Joachim Löw so: Erst begegnet er einem Spieler über viele Jahre reserviert, dann lässt er sich auf ihn ein, und schließlich liebt er ihn heiß und innig.
Im Fall von Roman Weidenfeller war das so. Der Dortmunder wurde ihm ans Herz gelegt (Jürgen Klopp nannte ihn den „weltbesten Nichtnationaltorwart“), unter öffentlichem Druck nominierte Löw ihn dann für zwei Testspiele im November 2013, stellte ihn gegen England auf und verabschiedete ihn mit einem „Danke, tschüssle, gell“, was alles offen ließ. Er holte Weidenfeller aber auch in den nächsten Monaten, nahm ihn mit zur WM nach Brasilien und lobte ihn danach – auch wenn er ihn nicht eingesetzt hatte – als einen seiner Schlüsselspieler. Weidenfeller durfte einmal sogar die Mannschaft in der Kabine heißmachen.
Wiederholt sich die Geschichte nun mit anderen Spielern? Wenig begeistert wirkte Löw, als er Mitte Mai in Frankfurt seinen Kader für den Confederations Cup in Russland („Fakt isch: Er findet statt“) bekannt gab. Und noch in Sotschi fiel der abschätzige Satz „Was mit dieser Mannschaft eben möglich ist“. Doch diese Mannschaft aus lange unberücksichtigt gebliebenen Spielern (Paradebeispiel: der Mönchengladbacher Lars Stindl) oder schlicht übersehenen (wie dem in Amsterdam kickenden Amin Younes) gewann das FIFA-Turnier, Löw strahlte fast wie nach dem WM-Titel. „Zwei, drei“ aus dem Aufgebot, so hatte er es sich gewünscht, sollten auch zum Team für die Weltmeisterschaft 2018 in Russland gehören – gestern hat sich „Die Mannschaft“ in Stuttgart zum Wiedereinstieg in die WM-Qualifikation getroffen. Und das Verhältnis von Confed-Cup-2017-Gewinnern zu 2014-Weltmeistern, die zuletzt Pause hatten, hat sich dramatisch verändert: 17:6.
Viele, von denen man glaubte, man würde sie nur diesen einen Sommer sehen, sind wieder dabei. Und es sind Ernstfall-Spiele: am Freitag (20.45 Uhr/RTL) in Prag gegen die Tschechische Republik, am Montag (20.45 Uhr/RTL) in Stuttgart – unter günstigen Umständen kann die WM-Qualifikation danach schon vollbracht sein. Nordirland als verbliebener Verfolger in der Gruppe müsste patzen.
„Ich erwarte, dass es den härtesten Konkurrenzkampf geben wird, den wir je erlebt haben“, sagt Joachim Löw. Der Bundestrainer will Historisches erreichen (noch nie hat eine deutsche Mannschaft einen WM-Titel verteidigen können) und von Beginn an alles richtig machen. Warnendes Beispiel sind ihm die Spanier, die weiter auf ihre Prominenz bauten, zu wenig personelle Blutauffrischung betrieben und 2014 und 2016 bei WM und EM früh ausschieden. „Man muss sich ein Stück weit neu erfinden“, sagt Löw.
2014 hatte er drei Monate vor der WM in Brasilien einen Weckruf platzieren müssen – so weit soll es nicht noch einmal kommen. Schon jetzt lenkt Löw, wie er in einem Interview mit den Stuttgarter Zeitungen sagte, die Aufmerksamkeit der Nationalspieler auf die Weltmeisterschaft. „Wie lebe ich? Wie professionell bin ich in meinem Tagesablauf? Tue ich alles dafür, um mich ständig zu verbessern? Darüber müssen sich die Spieler an jedem Tag im klaren sein. Jeder braucht einen klaren Plan, den er abarbeiten muss.“
Mit einem Angebot von 35 bis 40 Spielern, so seine Berechnung, geht er in die WM-Saison. „Auch die etablierten Spieler wissen: Sie müssen immer an ihrem Leistungslimit spielen, um in der Mannschaft zu bleiben.“ Sonst hört auch ein gestandener Weltmeister womöglich ein „Danke, tschüssle, gell“.