Alle Türen wieder zu

von Redaktion

Der Mangel an Selbstvertrauen hat Angelique Kerber ins Mittelmaß abrutschen lassen – der Weg zurück ist steinig

Von Doris Henkel

New York – Sicher, eine Niederlage in einer anderen Arena als in diesem gigantischen Arthur Ashe Stadion hätte Angelique Kerber auch wehgetan. Aber in der Verbindung mit den Bildern, die sie aus dem vergangenen Jahr im Kopf hat und die sie immer noch spüren kann, schmerzte sie noch mehr.

Vor einem Jahr minus einer Woche und drei Tagen hatte sie nach dem Sieg im Finale der US Open gegen die Tschechin Karolina Pliskova platt auf dem Boden gelegen, nur den New Yorker Himmel über sich. Mit dem zweiten Grand-Slam-Titel nach dem dem dritten Finale in der Tasche, als neue Nummer eins des Frauentennis. Am nächsten Tag präsentierte sie beim Fototermin zwei Trophäen in zwei verschiedenen Kleidern, den Pokal für die US Open und jenen für die Nummer eins. Es war die Krönung eines Jahres, in dem es so aussah, als gingen auf einmal alle Türen auf. Jetzt sind die Türen wieder zu, und es gibt zwei Fragen. Erstens: Warum ist das so? Zweitens: Wo ist der Griff, um sie wieder zu öffnen?

Bei der Suche nach den Gründen der Niederlage gegen Osaka sollte man nicht vergessen, dass die junge amerikanische Japanerin zu den größten Talenten des Frauentennis gehört. Und man kann Angelique Kerber auch nicht vorwerfen, sie bemühe sich nicht. Aber es fehlt ihr zum einen jene Autorität auf dem Platz, mit der sie im vergangenen Jahr überzeugte, es fehlt ihr auch eine gewisse Sicherheit, und das eine hat sehr direkt mit dem anderen zu tun. Sie habe von Anfang an wieder mit angezogener Handbremse gespielt, meinte Bundestrainerin Barbara Rittner. Vieles im Spiel erinnert an die Zeit vor 2016, als es oft so ausgesehen hatte, als könne Kerber den Schritt von einer sehr guten zu einer absoluten Spitzenspielerin einfach nicht machen.

Der Vergleich der Bilanzen sagt viel. 2016 absolvierte Kerber bis nach dem Ende der US Open insgesamt 63 Spiele, von denen sie 47 gewann. Diesmal sind es nur 43 mit 25 Siegen, darunter in zehn Spielen kein einziger gegen eine Konkurrentin aus den Top 20 der Weltrangliste. Aber der entscheidende Punkt ist die Anzahl der Spiele. Angelique Kerber ist kein Mensch mit einem gottgegebenen, unerschütterlichen Selbstvertrauen; manchmal genügen Kleinigkeiten, um sie nervös zu machen und an sich zweifeln zu lassen. Im vergangenen Jahr stieg der Kontostand ihres Zuversicht mit jedem Sieg, und in kritischen Situationen eines Spiels war genug auf diesem Konto, um weiter zu investieren. Mut zu zeigen ist deutlich leichter, wenn man sich sicher fühlt. Sie selbst sagt: „Ich brauche einfach mehr Matches. Ich weiß, wie gut ich spielen kann, und ich weiß auch, wie gut ich trainiert habe.“ Aber wer in der ersten Runde verliert, der schafft keine Rücklagen. Niederlagen sind eine schwere Last für das Konto des Selbstvertrauens, und das wissen auch die Gegnerinnen.

In gewisser Weise zahlt sie jetzt für die Erfolge des vergangenen Jahres, so kurios sich das anhören mag. Sie wurde ausgezeichnet, eingeladen, hier eine Fernsehshow, da ein roter Teppich, und natürlich nahm sie das alles mit Freude wahr. Es war ja auch völlig richtig; wer will dem Leben schon sagen: hau ab, wenn es dir eine Kiste Champagner, dekoriert mit Luftschlangen vor die Tür stellt? Sie sagt, das alles würde sie beim zweiten Mal genauso genießen, mit einem Unterschied. „Ich hätte vielleicht zwei Wochen länger Urlaub machen sollen. Alles resetten und neu beginnen.“

In der virtuellen Weltrangliste des Augenblicks rutscht Kerber nach der Niederlage in der ersten Runde der US Open auf Platz zwölf ab, es kann aber sein, dass sie bis zum Ende des Turnier weiter zurückfallen wird. Aber darauf kommt es im Moment nicht an. Jetzt geht es erst mal darum, sich bei den Turnieren in Asien für die Herausforderungen des nächsten Jahres zu sortieren. Die Trainerfrage zu klären. Will sie bei Torben Beltz bleiben, der sie seit Ewigkeiten kennt und ein treuer Begleiter ist? Will sie einen zweiten Versuch mit Benjamin Ebrahimzadeh wagen, der ein ganz anderer, temperamentvoller Typ ist, Kollisionskurs inbegriffen? In New York litten die beiden nebeneinander auf der Tribüne, als sie verlor.

„Ich gebe jetzt nicht auf“, versprach Angelique Kerber, bevor sie die große Stadt verließ. „Und ich werde stärker zurückkommen. Ich bin immer noch die gleiche Spielerin und die gleiche Person.“

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