Karl-Heinz Fliegauf, Manager der Grizzlys Wolfsburg, erlebte als Zuschauer in Amerika ein wundersames Eishockeyspiel mit.
Es begann an einem Wochentag um 11 Uhr vormittags. In der Halle waren lauter Kinder, „Schulklassen auf Ausflug. Es war ein Höllenlärm.“ Doch Schlag 13 Uhr, das letzte Drittel war noch in vollem Gange: Stille in der Halle. Um 13 Uhr war Schulschluss. Alle gingen nach Hause. Ohne Rücksicht auf das Spiel. Und das im gelobten Eishockeyland.
Das Spiel war eines der American Hockey League, kurz AHL. Sie ist eine alte, seit den 30er-Jahren existierende Profiliga. Doch sie steht im Schatten der NHL, der National Hockey League. Die Klubs der NHL sind weltbekannt, New York Rangers, Pittsburgh Penguins und Edmonton Oilers wertvolle Marken. Wer aber sind Hartford Wolf Pack, Wilkes-Barre/Scranton Penguins oder Bakersfield Condors? Sie sind ihre Farmteams, die zweiten Mannschaften, die Anhängsel der NHL-Klubs. Und sie spielen in der American League.
Für die Deutsche Eishockey-Liga, die DEL, ist die AHL der wichtigste Markt. 142 Spieler, die in der kommenden Freitag beginnenden DEL-Saison aufs Eis gehen werden, haben in der American League gespielt. Das ist fast die Hälfte des Personals in Deutschlands Profiliga.
Deswegen sichten DEL-Manager wie Charly Fliegauf regelmäßig in den AHL-Stadien. „Ich versuche, mir zweimal pro Saison, meist in den Länderspielpausen im November und Februar, einen Überblick über die AHL zu verschaffen.“ Er ist dann im Osten Amerikas unterwegs, da ist die Dichte an AHL-Teams am höchsten und lassen sich in acht Tagen neun Spiele sehen. Und Fliegauf wundert sich nicht, dass er Tausende von Kilometern von zuhause entfernt immer wieder Kollegen aus der DEL trifft. Im Jagdrevier AHL.
Viele verdienen nur 60 000 Dollar im Jahr
Was macht diese ferne Liga für deutsche Vereine so interessant? Und warum verlassen so viele AHL-Spieler ihre Liga für einen Job in Europa, speziell Deutschland?
„Die AHL ist eine sehr starke Liga“, erklärt Sean Simpson, Trainer der Adler Mannheim, bei denen 17 Spieler – Höchstmarke in der DEL – AHL-Vergangenheit haben. „In die NHL können es nicht alle schaffen, da fehlt oft nur ein winzig kleines Stück. Und die AHL hat auch Top-Leute.“ Tugenden: gut ausgebildet, mental stark, da die Spieler sich in ständigem Konkurrenzkampf beweisen müssen.
Doch dass viele die AHL verlassen, zeigt auch: Diese Liga, so gut sie sein mag, macht nicht glücklich.
„Man hat viele Spiele, ist meist mit dem Bus unterwegs“, weiß Charly Fliegauf um die strapaziöse Seite der AHL. Sonderlich gut bezahlt – im Vergleich zur NHL mit ihren Multi-Millionen-Verträgen – ist der Job in der AHL auch nicht. „Spitzenleute verdienen 300 000 bis 400 000 US-Dollar, doch die Standardverträge bewegen sich zwischen 60 000 und 70 000.“ Der Spieler müsse davon alle Lebenshaltungskosten bestreiten – anders als in der DEL, wo der Klub dafür sorgt, dass seine Angestellten Wohnung und Auto umsonst bekommen. Fliegauf: „Von einem AHL-Gehalt bleiben 25 000 bis 30 000 Dollar übrig.“ Da sei ein Nettovertrag in Deutschland über 40 000 Euro für manchen Spieler eine Verlockung.
Trotzdem geben vor allem die nordamerikanischen Spieler in der AHL so schnell nicht auf. „Sie leben ihren Traum von der NHL“, sagt Sean Simpson. Die AHL hat sich als Ausbildungsliga für die NHL definiert, jeder AHL-Klub ist Bestandteil einer NHL-Organisation.
Mit 18 können Talente gedraftet werden von den NHL-Klubs. Nur in seltenen Fällen schaffen sie den direkten Sprung nach ganz oben, in der Regel kommen sie zuerst ins Farmteam.
Konrad Abeltshauser, 25, vom EHC München, vergangene Saison als „bester Verteidiger der DEL“ ausgezeichnet, hat auch versucht, sich über die AHL den Traum von der NHL zu verwirklichen. Er ist im Juniorenalter von Bad Tölz nach Amerika gegangen, gespielt hat er in der AHL für Worcester Sharks und Chicago Wolves.
Die Worcester Sharks waren damals das Farmteam der San Jose Sharks, die die Rechte an Abeltshauser erworben hatten. San Jose liegt an der Westküste, Worcester, eine Stadt mit 180 000 Einwohnern, in Massachusetts, im Osten.
„Man hatte schon das Gefühl, zu einer größeren Organisation zu gehören“, erzählt er, „zum Training und den Spielen waren Development Coaches und Scouts aus San Jose da.“ Dennoch fühlte sich Worcester weit entfernt an vom Stammsitz, „das sind drei Stunden Zeitunterschied“. Das erschwerte es San Jose, auf Verletzungen im NHL-Team schnell zu reagieren – heute legt man mehr Wert auf Nähe. „Darum wechseln Farmteams auch öfter mal die zugehörige NHL-Organisation“, sagt Sean Simpson. Beispiel: Die Toronto Maple Leafs halten sich als Zweigstelle die Toronto Marlies, beide trainieren sogar in der selben Halle.
Das Kuriose in Worcester, sagt Abeltshauser, sei gewesen, „dass wir nahe an Boston lagen. Die Fans der Boston Bruins gingen, wenn sie AHL sehen wollten, natürlich zu den Providence Bruins, dem Farmteam von Boston. Das war eine gerade mal eine Viertelstunde längere Autofahrt als zu uns.“ Worcester wurde San Jose zugerechnet und war der Feind. Abeltshauser: „Als würde die zweite Mannschaft des FC Bayern in Bremen daheim sein.“
Legendäre Reisen nach Neufundland
Die Atmosphäre in einem AHL-Team könne man nicht vergleichen mit der in der DEL. „Entspannter, angenehmer“ sei es in einem deutschen Verein. Es ist von Beginn an klar, dass eine Mannschaft sich personell nicht groß verändern wird in den nächsten Monaten.
In der AHL ist das ganz anders. Jeder Spieler wartet auf den „Call-up“, den Beförderungsruf vom NHL-Mutterklub. Wobei manche Spieler pendeln müssen. Sean Simpson kennt den Fall eines AHL-Cracks, „der in einer Saison neun Call-ups bekommen hat.“
Der Konkurrenzkampf innerhalb eines AHL-Teams ist hart. Konrad Abeltshauser: „Da bilden sich Gruppen. Die obere Gruppe fährt die Ellbogen aus, weil sie sich für die NHL empfehlen will. Die untere Gruppe kämpft darum, in der AHL zu bleiben.“ Denn es gibt auch noch eine tiefere Liga: Die East Coast Hockey League. Dort spielen die Farmteams der Farmteams.
In seinen drei AHL-Jahren hat Kony Abeltshauser je gut 40 Teamkollegen gehabt, es herrscht ein Kommen und Gehen. „Mit der Zeit“, das war Abeltshausers Erfahrung, „wächst man aber als Mannschaft zusammen und will was gewinnen. Die persönlichen Ziele sehen hintan.“
Was helfen konnte, Spieler zusammenzuführen, war eine Reise nach St. John’s. Einer der legendären Spielorte der AHL, in Neufundland. „Das Stadion mitten in der Stadt, in der Nähe der George Street mit vielen Bars. Oft war Nebel in St. John’s, man ist erst am nächsten Tag weggekommen“, so Abeltshauser. „Da haben abends viele Mannschaften auf der George Street Teambuilding betrieben.“ St. John’s oder Hershey – an manchen Standorten entwickelte sich eine eigene Farmteam-Identität.
Trotzdem, darauf verweist Sean Simpson, würde das nordamerikanische Publikum die Strukturen akzeptieren. „Wenn in Deutschland der Fan zu seinem Verein geht und die zwei besten Spieler zum größeren Klub abberufen wären, würde er sich ärgern. In den USA und Kanada versteht man das.“
Manches, was in der AHL passiert, würde den europäischen Fan verstören. Bei der Aufstellung gibt es oft politische Entscheidungen. Es müssen nicht immer die Besten spielen. Oft wird ein AHL-Trainer von oben angewiesen, bestimmte Akteure bevorzugt einzusetzen, meist die am höchsten gedrafteten jungen Spieler.
Von den 18 Feldspielern, die für ein Match nominiert werden, dürfen nur fünf mehr als 260 Profispiele (NHL, AHL, europäische Eliteliga) aufweisen, und von den fünfen nur einer mehr als 320.
Die Rechnung sei ganz einfach, sagt Sean Simpson: „Für bestimmte Spielertypen gibt es pro AHL-Team nur vier, fünf Plätze.“ Die DEL bietet pro Klub bis zu elf Ausländerplätze. „Europa ist ein beliebtes Ziel“, erklärt Simpson, „das allein oder mit der Familie zu machen, ist eine wertvolle Lebenserfahrung“. Er selbst ist einst diesen Weg gegangen und hat sich in Europa erst als Spieler, später als Trainer etabliert. Er wurde als Coach Deutscher Meister mit den München Barons, erlebte als Schweizer Nationaltrainer ein WM-Finale.
Die AHL war ein wichtiger Teil seines Lebens. „Wenn du dort den Calder Cup gewinnst“, sagt er, „das zählt wirklich was im Eishockey.“
Simpson sagt noch: „Hey, ich habe als Spieler den Calder Cup übrigens gewonnen. Und ich bin stolz darauf.“