Es sind die Momente, die schmerzen. Was, fragt sich dann der Trainer, hätte werden können aus dem Athleten, was wäre möglich gewesen? „Wir haben viele Talente verloren“, bedauert Alexandra Grießenböck, „entweder oder“ habe es oft geheißen, als die Schule zu Ende war. Entweder weiter Leistungssport oder eben eine berufliche Karriere, „und zu viele haben sich gegen den Sport entschieden“, oft auf Drängen der Eltern, die sich um die Zukunft ihrer Kinder sorgten.
Für Grießenböck, als Trainerin an den Christophorus-Schulen in Berchtesgaden einst nahe dran am Ski-Nachwuchs, muss es aber ein „sowohl als auch“ geben, ein effektives, forderndes, aber nicht überforderndes Zusammenspiel von Leistungssport und schulischer oder beruflicher Ausbildung: „Plant man es geschickt, ist das möglich.“ Wer aber hilft dabei?
Nicht nur der DOSB als Spitzenverband des deutschen Sports hat sich die „duale Karriere“ auf die Fahnen geschrieben, ein „zweites Standbein“, darin sind sich fast alle einig, muss sein. Noch aber, so Grießenböck, „passiert zu wenig“. Am Olympiastützpunkt gibt es die Laufbahnberater, doch deren Hilfe setzt oft zu spät ein. Zuständig sind sie nur für Athleten der Bundeskader, häufig aber müssen wegweisende Entscheidungen früher getroffen werden, bei 14- bis 17-jährigen Mitgliedern der Landeskader, „die wissen meist noch wenig über die Möglichkeiten“. Vor gut zwei Jahren also hat man sich im Bayerischen Skiverband mit der Problematik intensiver befasst, der früheren Präsidentin Miriam Vogt ist das ein großes Anliegen gewesen. Unter dem Namen „Dualer Karriere Kompass“ hat Alexandra Grießenböck jungen Athleten Tipps gegeben, hat Kontakte vermittelt und Türen geöffnet, vor allem Mut gemacht. Und bald gespürt, dass dieses Thema ja keineswegs nur Skisportlern quasi auf den Nägeln brennt. Sondern ein heikles Thema des gesamten deutschen und bayerischen Sports ist.
Seit Jahresbeginn kämpft sie nun unter dem Dach des Bayerischen Landes-Sportverbandes um die Karrieren junger Athleten, berät, hilft, hält Referate bei Trainingslehrgängen, nimmt den Sportlern, vor allem aber deren Eltern die Angst, die Doppelbelastung könne zu der Erkenntnis führen, die den erfolgreichen Hürdenläufer Silvio Schirrmeister vor zwei Jahren zur Aufgabe bewogen hat: „Das aktuelle System führt einen an Grenzen, was weder Sport noch Beruf guttut.“
60-Stunden-Woche
Natürlich, die Herausforderung ist enorm. Doch es geht nicht anders, nicht in Sportarten, die später keine Millionen versprechen, nicht hierzulande, wo es sich kaum einer leisten kann, allein auf die Karte Sport zu setzen. Die deutsche Sporthilfe hat errechnet, dass die „dualen“ Athleten durchschnittlich 59,8 Stunden pro Woche arbeiten, sie trainieren, regenerieren, kümmern sich um Sponsoren und ihre Homepage, nebenbei lernen sie für Klausuren oder bedienen Kunden in einer Bankfiliale. Das erfordert Disziplin, Durchhaltevermögen, eisernen Willen. Aber es funktioniert, wenn man die nötige Unterstützung erfährt.
Der Eisschnellläufer Moritz Geisreiter, der aktuell vor seiner zweiten Olympiateilnahme steht, ist diesen Weg gegangen, „für mich“, sagt er, „war immer klar, dass ich neben dem Sport auch an meiner beruflichen Karriere arbeite.“ Geisreiter ist Quereinsteiger, kam vom alpinen Skisport, erst mit 17 spürte er, dass aus dem Eisschnelllauf mehr werden könnte als nur ein Hobby. Für einen Wechsel auf eine Eliteschule des Sports war es zu spät, an einem „normalen“ Gymnasium in Traunstein machte er sein Abitur, ohne Privilegien. Die bekam er erst, als er, wie viele seiner Eisschnelllauf-Kollegen, in die Sportfördergruppe der Bundeswehr aufgenommen wurde.
Finanziell war er damit abgesichert, Geisreiter aber wollte mehr als nur Sport. Über Klaus Sarsky, Laufbahnberater am OSP Bayern, bekam er Kontakt zur Hochschule Ansbach, die einen speziellen Studiengang anbietet, der mit Leistungssport vereinbar ist. Als „bereichernd und motivierend“ beschreibt er seine ersten Erfahrungen, „mich hat die Doppelbelastung sportlich sogar weitergebracht.“ Natürlich sei es nicht einfach, nach einem harten Trainingstag, wenn die Kollegen chillen oder an der Playstation entspannen, Bücher zu wälzen oder an Studienarbeiten zu feilen, „bald aber merkte ich, dass mich diese Herausforderung stärker machte“, während die anderen schon mal mit Langeweile zu kämpfen hatten. Alexandra Grießenböck zitiert gern aus einer Studie der Australian Football League Players Association, die bei Spielern, die einer Beschäftigung neben dem Sport nachgingen, eine Leistungssteigerung von 13 bis 21 Prozent im Vergleich zu den Akteuren nachgewiesen haben will, die sich nur auf den Sport konzentrierten.
Geisreiter als Blogger
Dem Bachelor in Ansbach schob Geisreiter den Master an der FH Erding nach, das Thema seiner Masterarbeit in Wirtschaftspsychologie prädestinierte ihn quasi für eine Mitarbeit in Grießenböcks Team: „Unterstützung dualer Karrieren im Spitzensport“, Geisreiter hatte dafür ein Coaching mit seinen Teamkollegen als Basis für seine wissenschaftliche Analyse herangezogen. Am Ende eines dreitägigen Workshops erkannte Geisreiter bei den 14 Teilnehmern eine leichte Motivationssteigerung und größeres Selbstbewusstsein im Vergleich zu einer Kontrollgruppe von acht nicht beteiligten Sportlern: „Die Verdeutlichung eigener Stärken und Entwicklungspotenziale verschaffte den Athleten Zugang zu einem vergrößerten potenziellen Tätigkeitsfeld und erweiterten beruflichen Optionen“, so Geisreiters Fazit. „Die Ergebnisse legen nahe, dass der Workshop den Eisschnellläufern zu gesteigerter Attraktivität auf dem Arbeitsmarkt und zu erhöhter Zufriedenheit mit ihrer gegenwärtigen Beschäftigung als Leistungssportler verhelfen konnte.“
Moritz Geisreiter wird nun seine Erfahrungen aus Leistungssport und wissenschaftlicher Arbeit weitergeben an junge Athleten, „wer das alles selbst durchgemacht und erfolgreich bewältigt hat, ist glaubwürdiger“, sagt Alexandra Grießenböck, die Geisreiter als Autor eines Blogs auf der Internetseite „Dualer Karriere Kompass“ gewinnen konnte. Die wichtigste Botschaft, die der Eisschnellläufer jungen Athleten mit auf den Weg geben will: „Traut euch selbst viel zu, habt den Mut, beides zu schaffen, Leistungssport und Berufsausbildung.“
Erfolgreichen Leistungssport, das steht für ihn fest, kann man heute nicht mehr nebenher betreiben, „dafür ist die Konkurrenz im professionalisierten Sport mittlerweile zu groß.“ Wer sich aber entschließen könne, nach dem Training noch ein paar Stunden extra in ein gut abgestimmtes Programm der dualen Karriere zu stecken, „der kann am Ende ein erfolgreicher Athlet sein und gleichzeitig auf einem Gebiet schon richtig was draufhaben, was ihn über seine Zeit im Sport hinaus begeistern wird.“ Die Kombination könne berufliche Türen öffnen, „wie ich jetzt selbst sehe.“
Doppelt profitiert
Geisreiter jedenfalls hat doppelt profitiert, die Beschäftigung mit kognitiven Herausforderungen hat ihn auch im Sport zusätzlich motiviert und vorangebracht. „Die Frage ist: Schaffe ich das, unterstützt mich wer?“ Ein semivirtuelles Studium, das zum Beispiel die FH Erding anbietet, ist quasi maßgeschneidert für Sportler, „anders geht es nicht“. Die Vorlesungen erhält man über eine Lernplattform im Internet, man kann sich die Zeit selbst einteilen, nur zu bestimmten Phasen ist Präsenz an der Hochschule gefordert. Doch das Studium kostet. Geisreiter finanzierte es aus dem Fördertopf der Bundeswehr, der ihm für Weiterbildungsmaßnahmen zur Verfügung gestellt wurde. Von einem System aber wie in den USA, wo es großzügige Sportstipendien an den Universitäten gibt, ist man hier deutlich entfernt.
Nicht alle Leistungssportler aber machen Abitur, wer nicht mehr Schüler ist, hat es noch schwerer, den dualen Weg zu gehen. Für „fast unmöglich“ hält es Geisreiter, Leistungssport und eine konventionelle Lehre zu kombinieren, doch Alexandra Grießenböck kann auch spezielle, auf Sportler zugeschnittene Ausbildungsplätze etwa bei der Bahn anbieten: „Da hat sich in Zusammenarbeit mit der Industrie- und Handelskammer einiges bewegt.“
So müssten Eltern keine allzu großen Ängste mehr haben, dass ihre Kinder nur Nachteile haben, wenn es um die Zukunft nach dem Sport geht: „Sie bekommen wieder Vertrauen in den Leistungssport“, hofft Grießenböck, zumal viele Unternehmen durchaus die Eigenschaften zu schätzen wissen, die ein Sportler mitbringt: Ehrgeiz, Zielstrebigkeit, Teamfähigkeit zum Beispiel. Und er ist klar strukturiert. Wer Training und Studium unter einen Hut bringt, muss das sein. „Es geht“, sagt Geisreiter.
Sowohl als auch, das funktioniert. Es muss nicht entweder oder heißen.