„Drei Generationen, eine Leidenschaft“

von Redaktion

Neu-Bayerin Mandy Islacker über ihre motivierende Familiengeschichte, das Ziel WM, Schürfwunden in der Kindheit und erschnüffelte Tore

München – An diesem Samstag startet das Frauen-Team des FC Bayern in Essen in die neue Saison. Mandy Islacker, 29, ist wohl die unter den sieben Neuzugängen, die die höchsten Erwartungen begleiten. Sie soll die Torjägerin Vivianne Miedema vergessen machen. Im Interview erklärt die Torschützenkönigin der letzten beiden Spielzeiten, wie sie mit diesem Erbe umgeht – und warum der Auftakt in Essen Erinnerungen an ihre Familientradition weckt.

-Mandy Islacker, in den letzten Tagen vor dem Saisonstart gab es Teambuilding-Maßnahmen: Canopying, Hochseilgarten – ist das Ihr Ding, oder, Hand aufs Herz, hatten Sie da auch mal Muffensausen?

Nein, das war genau mein Ding. Auf dieser Seilbahn hatten wir bis zu 85 km/h drauf. Auch der Klettergarten hat super Spaß gemacht. Ich mag das alles, ich bin ein kleiner Adrenalinjunkie – auch wenn ich es in meiner Freizeit da nicht übertreibe. Muffensausen oder Schwindelgefühle hatte ich absolut nicht.

-Beides wären ja auch schlechte Ratgeber für die neue Saison. Sie waren schon von 2007 bis 2010 eine Münchnerin. Mit welchen Zielen sind Sie zum FC Bayern zurückgekehrt?

Mich hat die Herausforderung gefreut. Ich will um Titel spielen und in der Champions League dabei sein. Der neue Campus hat auch eine Rolle gespielt – so was sucht man ja in ganz Europa. Außerdem hatte ich hier schon mal schöne drei Jahre. Ich bin sicher, hier ist sehr viel möglich. Ich musste jedenfalls nicht lange nachdenken, als das Angebot aus München kam, ich war schnell Feuer und Flamme.

-Wer hat sich in den sieben Jahren, in denen Sie in der Ferne kickten, mehr verändert: Der FC Bayern oder Mandy Islacker?

Ich denke, der Klub hat sicher noch einen größeren Schub gemacht als ich persönlich – mit dem FC Bayern kann man ja wirklich nur sehr schwer mithalten (lacht). Bayern gehört inzwischen zu den Top-Teams in Europa. Ich bin auch froh über meine Entwicklung, ich bin ja mit 27 Jahren relativ spät noch in die Nationalmannschaft gekommen. Ich denke, weder Bayern noch ich sind schon am Ende unserer Möglichkeiten.

-Welche Erinnerungen haben Sie an Ihre erste Zeit hier denn noch konkret?

Ach, viele gute – und eine schlechte: Als wir damals wegen einem Tor Unterschied die Meisterschaft verpasst haben. Das wurmt einen . . .

-. . . und ist Antrieb, den Titel mit Bayern jetzt noch einmal nachzuholen.

(lacht) Auf jeden Fall.

-Ihre Aufgabe ist keine leichte: Miedema ersetzen.

Ich bin ein anderer Spielertyp und denke nicht an ein Erbe. Es bringt nichts, sich zusätzlichen Druck aufzubauen. Ich weiß, was ich kann und werde immer mein Bestes geben.

-Wie lief Ihre persönliche EM-Analyse?

Ich konnte bei meiner Familie abschalten, ein paar Tage war die Enttäuschung groß. Lange im Hinterkopf darf man so etwas nicht haben. Ich schaue immer schnell nach vorne.

-Nächste Woche nominiert Steffi Jones den Kader für das erste WM-Qualifikationsspiel am 16. September gegen Slowenien in Ingolstadt. Was sind Ihre Ziele im DFB-Team?

Wir wollen uns für die WM in zwei Jahren in Frankreich qualifizieren. Ich bin froh, dass Steffi Jones als Bundestrainerin weitermacht. Mein Ziel ist es, bei der WM dabei zu sein. Aber bis dahin kommen noch viele Etappenziele.

-Sie haben kein EM-Tor geschossen, Bayern-Trainer Thomas Wörle sagte aber, er mache sich keine Sorgen: Sie hatten Pech und hätten sich Chancen „erschnüffelt“ – sind Sie eine Tor-Erschnüfflerin?

(lacht) Ja. Ich handle instinktiv und stehe ab und zu einfach richtig – dann heißt es doch, man hat einen Riecher.

-Der ist Ihnen in die Wiege gelegt: Ihr Opa Franz „Penny“ Islacker war 1955 mit Rot-Weiß Essen Deutscher Meister, Ihr Papa Frank kickte für den VfL Bochum in der Ersten Liga. Verpflichtet der Name Islacker zu Toren?

Es ist jedenfalls witzig, dass wir alle drei Stürmer waren – wobei ich der einzige Linksfuß bin, ich weiß auch nicht, warum. Meinen Opa habe ich leider nicht mehr kennengelernt, aber ich bin schon stolz auf ihn, und gerade in Essen erinnern sich die älteren Leute bis heute an ihn. Ich habe nach der Schule mal ein Jahr im Krankenhaus gearbeitet, da trug ich so ein Namensschild, und ältere Patienten haben sich dann immer erkundigt: „Sind Sie verwandt mit Penny?“ Das war süß.

-Liegt der Fußball in Ihrer Familie in den Genen?

Ja, auf jeden Fall. Drei Generationen – eine Leidenschaft. Opa hat mit Helmut Rahn zusammen gespielt. Die beiden waren auch sehr gut befreundet, wurde mir erzählt. Mein Papa hat mit vier Jahren begonnen, und ich auch.

-Er hatte Pech, dass er wegen eines Kreuzbandrisses nach nur drei Erstligaspielen aufhören musste. Stimmt es, dass er dagegen war, dass Sie die Familientradition fortführen?

Er hat zu meiner Mama gesagt: „Wenn die Kleine das erste Mal auf Asche hinfällt, hört sie gleich auf, sie hat dann keine Lust mehr, wenn sie eine Schürfwunde hat.“

-Aber Sie gaben nicht auf. Wie viele Schürfwunden kamen zusammen?

Puh, das weiß ich nicht mehr. Aber schon ziemlich viele. Er hat dann auch bald eingesehen, dass er mit seiner Einschätzung falsch lag und dass ich ehrlich Spaße habe. Wobei Asche echt fies wehtut. Heute gibt es das ja fast gar nicht mehr. Papa hatte nur eine Bedingung: Ich durfte meine Haare nicht abschneiden (lacht). Bis heute ist er bei den Spielen mit Feuer dabei – und mein größter Kritiker.

-Ist Ihre Familiengeschichte eine zusätzliche Motivation für Sie?

Klar motiviert das. Opa wurde Deutscher Meister, Papa hatte ein bisschen Pech, ich wurde Olympiasiegerin – ich denke, es ist doch was Schönes, diese Fußballtradition weiterzuführen. Am liebsten mit dem einen oder anderen Titel mit dem FC Bayern.

Interview: Andreas Werner

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