Oberschleißheim – Wenn sich Sebastian Brendel, Tom Liebscher und Co. auf wichtige Wettkämpfe vorbereiten, reisen sie meist nach Oberschleißheim an die Regattastrecke. Auf der Olympiaanlage von 1972 findet die deutsche Kanu-Elite ideale Bedingungen vor, um sich für das Kräftemessen mit den Besten der Welt in Form zu bringen. An diesem Wochenende sind sie wieder alle da – für die Deutschen Meisterschaften.
Ist Oberschleißheim also ein Zentrum der deutschen Kanuten? Weit gefehlt: In den Ergebnislisten muss man lange blättern, um überhaupt Sportler bayerischer Vereine zu finden. Und nach einem kurzen Blick über die 45 Jahre alte Regattaanlage ist klar, dass diese kaum als Vorzeigeobjekt herhält.
Der Zielturm wirkt akut einsturzgefährdet. Räumlichkeiten und Sanitäranlagen entsprechen nicht mehr heutigen Standards. Die viel zu große Tribüne – am Freitag tummelten sich darauf nur wenige Schaulustige und einige Betreuer – ist ein Sanierungsfall. „Seit den Olympischen Spielen 1972 wurde hier nichts mehr investiert“, beklagt sich Oliver Bungers, Präsident des Bayerischen Kanu-Verbandes (BKV): „Start- und Zielbereich gehören renoviert, genauso die Bootshallen, und auch neue Unterbringungsmöglichkeiten bräuchten wir.“
Hilfe könnte die Stadt München leisten, ihr gehört die Regattastrecke. Drei Varianten schweben der Landeshauptstadt für die Sanierung vor. Entweder das olympische Gewässer bleibt ein Ort für Spitzensportler oder es wird vollständig beziehungsweise teilweise für den Freizeitsport geöffnet. „München ist die deutsche Sportstadt Nummer 1“, sagt SPD-Stadträtin Verena Dietl: „Es ist deshalb unser Anspruch, die Regattastrecke für Wettkämpfe zugänglich zu halten.“
Wie aber passen eine marode Olympiaanlage und fehlende lokale Spitzen-Kanuten zum Image der angeblichen Sportstadt? Gar nicht, finden die bayerischen Meister Benno Berberich und Maximilian Karlstetter von der Kanu-Gemeinschaft München. „Die Leistungsdichte ist hier nicht so hoch. Das liegt vor allem daran, dass es hier keine hauptamtliche Trainerstelle gibt“, sagen die 27-Jährigen. Und obwohl sie ihre preiswerte Wohngemeinschaft direkt auf der Anlage vor einiger Zeit aus Brandschutzgründen verlassen mussten, sehen sie den Plänen der Stadt skeptisch entgegen: „Wir brauchen überhaupt keine große Renovierung, wir haben hier doch alles. Mit dem Geld, das dafür ausgegeben wird, könnte man stattdessen Trainer finanzieren.“
Die Münchner bangen um ihre geliebte Trainingsanlage. „Wenn der Freizeitsport erst mal auf der Regattastrecke gelandet ist, gibt es hier nie mehr Leistungssport“, fürchtet Berberich. Gleichzeitig kritisiert er die Argumentation der Stadt, die Gelder vom sportlichen Erfolg abhängig machen würde. Ohne Geld für Trainer ergibt das für ihn einen kaum zu durchbrechenden Teufelskreis.
Vom perfekten Wasser in Oberschleißheim schwärmen die Sportler. Das Drumherum ist weniger perfekt, von der Infrastruktur bis zur inhaltlichen Konzeption. In vier Jahren hätte der BKV gerne die 100. Deutschen Meisterschaften in Oberschleißheim. Bis dahin muss an der Anlage aber noch einiges geschehen.