Möglichkeiten wie noch nie

von Redaktion

Die Topstars fehlen oder schwächeln bei den US Open – das ist die große Chance für Außenseiter wie Kohlschreiber

Von doris henkel

New York – Mit 33 ist er nicht mehr Jüngste in seinem Job, aber inzwischen reicht dieses Alter im Tennis längst nicht mehr, um damit aufzufallen. Mehr als ein Dutzend der 128 Spieler, die zu Beginn der Woche in die US Open starteten, ist noch älter als Philipp Kohlschreiber, angeführt vom 38 Jahre alten Kroaten Ivo Karlovic und vom zwei Jahre jüngeren Großmeister Roger Federer. Auf der anderen Seite des Spektrums stehen sieben Teenager, das ist nicht allzu viel. Die Karrieren der meisten Spieler dauern länger als früher, womit selbst auf der mittleren Ebene diverse Möglichkeiten verbunden sind. Zum einen, vielleicht Dinge zu erreichen, die einem nie zuvor gelungen sind.

Philipp Kohlschreiber spielt zum 15. Mal bei diesem Turnier. 2003 startete er mit einer Niederlage gegen den Argentinier David Nalbandian in New York in seine Grand-Slam-Karriere, und hätte man ihm damals gesagt, er werde anno 2017 immer noch dabei sein, hätte er es vermutlich nicht geglaubt. Zwischen 2012 – jenem Jahr, in dem er vorübergehend in der Weltrangliste auf Platz 16 stand –, und 2014 erreichte er dreimal das Achtelfinale und landete dabei auch in den Rekordlisten des Turniers. Sein Sieg in der dritten Runde vor fünf Jahren gegen den Amerikaner John Isner wurde um 2.26 Uhr notiert; später in der Nacht endete nie ein Spiel bei den US Open.

Zuletzt lief es nicht so gut für Philipp Eberhard Hermann Kohlschreiber, um dessen Namen in voller Breite noch mal zu erwähnen, und in diesem Jahr hatte es zwischendurch Zweifel gegeben, ob er in New York überhaupt mitspielen würde. Ein Einriss in den Adduktoren machte ihm lange zu schaffen, zwischendurch war er sich nicht sicher, ob er ohne Eingriff durchkommen würde, und deshalb dosierte er die Zahl seiner Turniere. Nach dem Titelgewinn in seiner österreichischen Wahlheimat Kitzbühel Anfang August verzichtete er auf den Start bei den Hartplatzturnieren in Nordamerika, aber nun sieht die Sache dieser Tage gar nicht schlecht aus. Mit einem Sieg gegen den Kolumbianer Santiago Giraldo, der im dritten Satz aufgab, landete er in Runde drei und hat nun eine sehr hübsche Chance, noch ein wenig länger zu bleiben.

Kohlschreibers Gegner in der nächsten Partie an diesem Samstag wird ein Australier vom Weltranglistenplatz 235 sein, der eine Leisten-Operation und zwei Eingriffe an der Schulter hinter sich hat, John Milman. Das alles ist Teil eines Szenarios, das von einer Serie von Ausfällen und Absage geprägt ist, angefangen ganz oben mit Andy Murray und Novak Djokovic. Früher habe es bei den großen Turnieren vier Einbahnstraßen gegeben, auf denen die Besten unterwegs gewesen seien, sagt Kohlschreiber. „Jetzt ist alles viel offener und interessanter, es gibt keinen Topfavoriten, bei dem man sagen kann: der macht’s. Die Chancen sind für alle größer.“

In der unteren Hälfte des Tableaus stand vor Beginn der dritten Runde nur einer, der schon einen Grand-Slam-Titel in der Tasche hat, Marin Cilic aus Kroatien. In Kohlschreibers oberer Hälfte sieht die Sache mit Rafael Nadal, Roger Federer und Juan Martin del Potro besser aus, aber selbst im Fall von Federer gibt es gewisse Zweifel. Der Mann des Jahres brauchte wie in Runde eins auch zum Sieg gegen den russischen Routinier Michail Juschni fünf Sätze. Zwei Fünfsatzspiele als Einstieg in ein Grand-Slam-Turnier leistete sich Federer noch nie, und obwohl er beteuert, es gehe ihm gut, der zuletzt lädierte Rücken mache ihm keine Sorgen mehr und grundsätzlich habe er sich viel besser gefühlt als in Runde eins, war von seiner Kunst in vielen Phasen nicht viel zu erkennen. Mit seiner Einschätzung, es habe ihm vielleicht „ein Spürli Explosivität“ gefehlt, lag er von außen betrachtet mehr als nur eine Spur daneben.

Was das mit Kohlschreiber zu tun hat? Nun, mal vorausgesetzt, der Augsburger besiegt den Australier Milman, was ja möglich sein sollte, könnte Federer im Achtelfinale sein nächster Gegner sein. Aber nicht nur der Schweizer tut sich schwer, auch Rafael Nadal spielt weniger souverän als gedacht. Beim Sieg in vier Sätzen gegen Taro Daniel, einen in New York geborenen und in Spanien lebenden Japaner vom Weltranglistenplatz 121, wirkte er zu Beginn wirklich nicht souverän. Daniel bot eine gute Show, er spielte so, als habe tatsächlich im Moment jeder einer Chance.

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