Tel Aviv – Auch am Tag danach erhielt Dennis Schröder das schönste Kompliment. Es sei „etwas Besonderes“ mit ihm zu spielen, erzählte Johannes Voigtmann, der im Anschluss an das Training sämtliche Vorzüge des Spielmachers aufzählte. Die Schwärmerei des Nationalspielers verwunderte nicht, durfte er am Donnerstag doch aus der ersten Reihe mitansehen, wie Schröder, der Anführer der deutschen Basketballer, schon im ersten Spiel der Europameisterschaft seine Überlegenheit vorführte. Wie er die hilflosen Ukrainer mit Finten und schnellen Richtungswechseln ins Leere laufen ließ, wie er den Distanzwurf zielsicher traf, wie er eine verkrampfte deutsche Mannschaft mit fast jeder Aktion entspannte.
32 Punkte sammelte Schröder am Ende ein – mehr als jeder andere Spieler am ersten EM-Tag. Und nicht nur deswegen durfte man hinterher irgendwie feststellen: Dennis Schröder hatte mit 75:63 gegen die Ukraine gewonnen.
Nun lassen sich daraus mit Blick auf die verbliebenen vier Vorrundenspiele zwei Erkenntnisse ableiten. Einerseits müssen sich die Deutschen freuen, dass ihr NBA-Legionär in Tel Aviv große Angriffslust ausstrahlt. Ohne Schröders Extraklasse fehlt dem Team schlicht die Qualität, um auf diesem Niveau mitzuhalten. Andererseits droht sich die Nationalmannschaft schon früh in die Abhängigkeit eines Einzelspielers zu begeben, was im Basketball meistens neue Probleme aufwirft.
Diese dürfte sich bereits am Samstag offenbaren, wenn Deutschland auf Georgien trifft (14.45 Uhr), das Gruppenfavorit Litauen mit 79:77 überrumpelte. „Das hat uns ganz und gar nicht überrascht“, sagte Bundestrainer Chris Fleming. „Sie spielen seit ein paar Jahren mit fast der gleichen Mannschaft und zwar sehr, sehr gut.“ Dass das Ukraine-Spiel als Gradmesser nicht taugt, verhehlt im deutschen Lager keiner. „Die besseren Mannschaften werden die Wege für Dennis deutlich enger machen. Das wird dazu führen, dass die anderen mehr Verantwortung übernehmen werden.“
Wen aber meint Fleming? Wer hilft Dennis Schröder?
Vorgesehen ist dafür der Mann, der Schröder am Freitag gelobt hat. Johannes Voigtmann, der deutsche Center, verfügt über ein feines Passspiel und einen guten Wurf, was in Kombination mit Schröders Zug zum Korb „sehr gut“ harmonieren kann, wie der Bundestrainer glaubt.
Weitere Kandidaten sind Daniel Theis und Robin Benzig, dessen Frau Donnerstagnacht eine Tochter zur Welt brachte. Der athletische Theis verpasste jedoch einen großen Teil der Vorbereitung, weshalb er mit dem System noch ein wenig fremdelt. Kapitän Benzing steuerte gegen die Ukraine die zweitmeisten Punkte bei (17), verfehlte jedoch einige offene Würfe, die ihm Schröder verschaffte, wenn sich zwei Verteidiger auf ihn stürzten.
Neben den drei Zwei-Meter-Riesen setzt Fleming auch auf den Bamberger Guard Maodo Lo. In der Spielanlage ähnelt er Schröder, auch ihn drängt es zum Korb. Auf ihn kommt es in den wenigen Minuten an, die Schröder auf der Bank verbringt. Lo muss dann den Schröder machen.
Wenn die deutschen Basketballer den Kurs fürs Achtelfinale setzen wollen, sollte gegen Georgien und Israel (Sonntag, 20.30 Uhr) mindestens ein Sieg herausspringen. Und vor allem sollten ab jetzt auch andere Spieler die schönen Komplimente erhalten.