Alle lieben Timo Werner

von Redaktion

6:0 gegen Norwegen: Befreiender Abend für das DFB-Team und seinen umstrittensten Spieler

Von Günter Klein

Stuttgart – Die deutsche Nationalmannschaft ist zu bedauern. Sie macht alles richtig, gewinnt jedes Spiel, gestern Abend in Stuttgart mit 6:0 gegen Norwegen das achte von acht in der Qualifikation – und dennoch ist sie kein sicherer Russland-2018-Teilnehmer. Weil Nordirland ein renitenter Verfolger bleibt. Die Nordiren schlugen Tschechien 2:0, theoretisch haben sie bei zwei verbleibenden Spieltagen die Chance, ihren Fünf-Punkte-Rückstand auf Gruppen-Souverän Deutschland aufzuholen. Der nächste Termin am 5. Oktober: Nordirland – Deutschland. Es könnte spannend werden. Theoretisch. Doch eigentlich gibt es keine Anzeichen für ein Scheitern der DFB-Vertretung.

Was die deutsche Mannschaft und der deutsche Fußball neben einem überzeugenderen Spiel als am Freitag in Prag benötigt hatten, war: ein unbeschwerter Abend, eine Atmosphäre der Freundlichkeit, die auch die streift, denen sonst verhalten oder ablehnend begegnet wird. Das betrifft in der Nationalelf derzeit eine Person: Timo Werner.

Bei all seinen Länderspielen in Deutschland war er ausgepfiffen worden, und nun hatten ihn auch in Tschechien nach seinem Tor die Aversionen aus der Kurve getroffen. Er selber hatte es auf die Konstellation zurückgeführt, dass er Spieler des RB Leipzig ist und im Fanblock „viele aus Dresden waren, das nicht so weit weg ist“. Es klang schon auch so, als würde er sich die Situation schönreden.

Für Stuttgart drohte ebenfalls die Gefahr, dass kritische Töne Werner auf dem Feld begleiten würden. Bundestrainer Joachim Löw hatte versucht, dem entgegenzuwirken, indem er tags zuvor sagte. „Ich kann nur einen Appell an die im Stadion richten, fair zu sein und die Spieler, die für Deutschland spielen, respektvoll zu behandeln.“ Für seine Schwalbe vorige Saison beim Leipziger Bundesligaspiel gegen Schalke habe er sich entschuldigt. Dass man in Stuttgart dem Sturmjuwel den Abgang verüble – also bitte: „Timo Werner ist nach dem Abstieg vom VfB weggegangen. Das war völlig legitim, er wollte nach über 100 Bundesligaspielen den nächsten Schritt machen. Es ist nicht verwerflich, dass er da an seine Karriere denkt.“

Man bangte also schon ein wenig, wie das Publikum reagieren würde. Doch der Standort Stuttgart enttäuschte den DFB nicht. Die Stadt umarmte Timo Werner, und dieses Wunder nahm in der 16. Minute des Matches gegen Norwegen seinen Anfang. 1:0 führte die deutsche Elf da schon durch Mesut Özil, der einen Pass von Jonas Hector technisch perfekt ins norwegische Netz gesetzt hatte (10.). Dann versuchten die Skandinavier ein wenig anzugreifen, waren schon fast an der Grundlinie und kurz davor, den deutschen Strafraum zu betreten, und da fleißlieselte Timo Werner herbei, der in diesen hintersten Regionen nicht verteidigen muss, weil er Sturmspitze ist, und schaufelte dem Norweger Aleesami den Ball von der Fußspitze. Und was hörte man durchs Stadion hallen? Szenenapplaus, der überging in „Timo Werner“-Sprechgesang. Sie verstummten sofort wieder – aber nur, weil Julian Draxler das 2:0 schoss (17.). Sie lebten aber umgehend auf, weil Werner das 3:0 selbst besorgte (21.). Und noch einmal Werner: Kopfball zum 4:0 (40.).

Es stimmte alles im deutschen Spiel. Die Angriffe erfolgten über beide Seiten, Thomas Müller war superagil, flankte, legte mit der Hacke auf, ließ durch, war ein glänzender Assistgeber. Einige deutsche Aktionen verfehlten nur knapp das Tor von Hertha-Keeper Rune Jarstein.

Es folgten 5:0 (Goretzka/50.) und emotionale lokale Momente mit den Einwechslungen der Stuttgarter Söhne Sami Khedira und Mario Gomez, der das 6:0 lieferte (79.). Ein „Oh, wie ist das schön“-Abend. Trotz Nordirlands Ergebnis.

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