Als die Löwen noch Fußball-Wunder schafften

von Redaktion

1860 startete 1977 in den Aufstiegsspielen gegen Bielefeld eine legendäre Aufholjagd – Auch 40 Jahre später wird deswegen noch gejubelt

VON ARMIN GIBIS

München – Ein schönes Tor. Dribbling im Strafraum, dann präziser Flachpass, Direktabnahme – und rums! Die Fans in der voll besetzten Fußball-Gaststätte „Stadion an der Schleißheimer Straße“ springen hoch, jubeln, schreien, schütteln die Fäuste. Das Erstaunliche an dieser Szene: Der so lautstark gefeierte Treffer fiel nicht am vergangenen Sonntag, als er auf dem Monitor der Kneipe zu sehen war – sondern schon vor 40 Jahren. Vor einer kleinen Ewigkeit. Doch das Ereignis, dem an diesem Jubiläumsabend gehuldigt wurde, brachte die Gemüter in Wallung wie ehedem. Schließlich ist der TSV 1860 auch ein Verein der Fußball-Nostalgiker. Und die bekamen ein ganz besonderes Schmankerl serviert: Das 40-jährige Jubiläum des, wie sich Gastgeber Roman Beer, 37, ausdrückte, „Wunders von München“.

Mit Fußball-Wundern werden die Sechziger nun ja schon seit Jahrzehnten nicht mehr in Verbindung gebracht. Aber anno 1977 lieferten die Sechziger ein Husarenstück, das wohlverdienten Legendenstatus erlangt hat. In der damals zweigeteilten 2. Bundesliga waren die Blauen überraschend Zweiter im Süden geworden. Das Aufstiegs-Duell mit dem Nord-Zweiten Arminia Bielefeld schien früh entschieden. Die Sechziger verloren die erste Partie mit 0:4. Doch dann die mirakulöse Wende: 1860 siegte im Rückspiel 4:0. Im entscheidenden dritten Kräftemessen in Frankfurt machten die Löwen den Aufstieg durch ein 2:0 perfekt. Allesfahrer Franz Hell, der als Fan tausende Löwen-Spiele erlebt hat, erinnerte sich: „Es herrschte eine unglaubliche Fan-Euphorie. Kein Mensch hat vom FC Bayern gesprochen, alles war nur noch weiß-blau in München.“

Das waren also noch Zeiten. Wobei sich die Sechziger auch schon damals in finanziellen Nöten befanden. Aufstiegsheld Alfred Kohlhäufl (70), der mit seinen früheren Gefährten Willi Bierofka (64), Peter Falter (67), Toni Nachreiner (62), Dieter Agatha (60) und Ersatzkeeper Rainer Krebs zum Jubiläums-Treffen gekommen war, sah sich als Kapitän vor knifflige Prämien-Verhandlungen gestellt: „Der Präsident und der Schatzmeister sagten: Wir haben kein Geld.“ Letztlich wurde folgender Schlüssel ausgehandelt: Für jeden Heimpunkt gab es 225 Mark, für jeden Auswärtspunkt 375 Mark. Der kalkulierte Zuschauerschnitt lag bei 12 500. An etwaigen Mehreinnahmen wurde die Mannschaft mit 50 Prozent beteiligt. Am Ende kamen 19 500 Besucher pro Spiel. Das Aufstiegsjahr lohnte sich also für die, wie Agatha sagte, „Mannschaft der Namenlosen“.

Die Sechziger hatten aufgrund ihrer Schulden (3,5 Millionen Mark) die meisten Spitzenkräfte verloren, der Aderlass an spielerischer Klasse wurde jedoch mit Teamgeist kompensiert. „Wir waren eine geschlossene Kämpfertruppe“, erzählte Toni Nachreiner. Er war als 21-Jähriger vom Landesligisten SpVgg Deggendorf gekommen, erkämpfte sich als Rechtsaußen auf Anhieb einen Stammplatz und studierte nebenher Jura. Die Büffelei hat sich übrigens ausgezahlt: Heute ist Nachreiner Präsident des Landgerichts Deggendorf und zudem Vorsitzender des DFB-Kontrollausschusses. Peter Falter, einst Torjäger und heute als musikalischer Alleinunterhalter unterwegs, beschrieb das Erfolgsgeheimnis so: „Es hat so viel Spaß gemacht, dass es hingehaut hat.“

Den Spaß ließen sich die Sechziger dann auch von Bielefeld nicht verderben. Wobei es in Spiel 2 überaus rau zugegangen ist. „In den ersten zwanzig Minuten war fast jeder Zweikampf eine Tätlichkeit“, meinte Bierofka. Von Ewald Lienen, damals Bielefelds stärkste Offensivkraft, wird berichtet, dass er noch Jahrzehnte später als Löwen-Trainer behauptete, niemals wieder ein Spiel mit so „aufgeheizter Stimmung“ erlebt zu haben. Seiner Meinung nach hätte es zehn Platzverweise geben müssen. Der Reporter der TV-Bilder, die am Sonntag vorgeführt wurden, sprach von „einem Kampf ohne Gnade“.

Die Löwen spielten sich jedenfalls in einen Rausch. Nachreiner (23. Minute), Hans Haunstein (25.), Jimmy Hartwig (51.) und Schorschi Metzger (54.) stifteten mit ihren Toren tumultartige Szenen in der Fankurve. Die Leute seien, so Hell, reihenweise umgefallen, vor Freude und Aufregung. Ein Freund habe sogar „einen halben Herzinfarkt“ bekommen. Nachreiner meinte: „Das war das Spiel meines Lebens. Für mich war das wie der Gewinn der Weltmeisterschaft.“

Die Bielefelder beschwerten sich nachher bitter über die Münchner Härte. In der Woche bis zum fälligen Entscheidungsspiel in Frankfurt wurde in einem Bielefelder Kaufhaus rund um die Uhr ein Video mit einem Zusammenschnitt aller Münchner Fouls gezeigt. 1860-Präsident Erich Riedl drohte deswegen mit einer Anzeige wegen „Volksverhetzung“. In Frankfurt mussten die Löwen unter Polizeischutz trainieren.

Im ausverkauften Waldstadion – von den 60 000 waren 40 000 1860-Fans – dauerte es dann 77 Minuten, ehe das erlösende (und eingangs geschilderte) Tor fiel: Solo Falter, Hartwig verwandelt das Zuspiel – 1:0, Metzger erhöhte kurz vor Schluss noch auf 2:0. „Die ganzen Münchner Fans sind nach dem ersten Tor übereinander gepurzelt“, erzählte Hell, „der Torschrei war wie ein Donnerhall.“ Sein Nachklang war 40 Jahre später noch in München zu hören.

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