New York – 20 Jahre steht sie nun da, die größte Tennisarena der Welt mit Platz für 23 771 Zuschauer, und irgendwie ist es kaum zu glauben, dass Venus Williams vom ersten Tag an dabei war. Beim dritten Grand-Slam-Turnier ihres jungen Lebens landete sie mit 17 gleich im Finale, und obwohl sie dieses Spiel gegen die Schweizer Zauberin Martina Hingis verlor, ahnten damals alle, dass daraus Großes werden würde. Nach all den Jahren gehören Williams und das Arthur Ashe Stadion zusammen, und wenn die Ältere der berühmten Schwestern heute im Viertelfinale gegen Petra Kvitova spielen wird, dann wird das große Stadion bis zum Dach mit Empathie gefüllt sein. Nicht nur für eine, sondern für beide.
Klar, dass die Amerikaner und viele Gäste einen speziellen Draht zu Williams haben, die in den vergangenen Jahren oft im Schatten der jüngeren Schwester stand, klaglos und stolz. Doch schon als sie zu Beginn des Jahres bei den Australian Open nach acht Jahren wieder im Finale eines großen Turniers landete, wurde sie von einer Welle der Bewunderung getragen, und dass sie das Finale gegen die Schwester verlor, änderte nichts an dieser Verbindung. In Wimbledon war es nicht anders, aber natürlich fiel es ihr auch in diesem Fall nicht ganz leicht, am Ende mit der kleineren Trophäe auf dem Rasen zu stehen. Zwei Grand-Slam-Finals mit 37 Jahren – mal sehen, ob Roger Federer das auch schaffen wird.
Von ihrer eigenen Gefühlswelt gibt sie außer in den Momenten großer Siege nicht allzu viel preis, aber die Voraussetzungen sind diesmal anders als in Wimbledon. Damals litt sie unter den Nachwirkungen eines Autounfalls zuhause in Florida, in dessen Folge ein älterer Mann gestorben war. Ohne ihre Schuld, wie festgestellt wurde, aber die Seele ist taub bei Freisprüchen dieser Art. In New York dagegen gab es schon in der ersten Woche Grund zur Freude nach der Geburt ihrer Nichte, Serenas Tochter. Alle Versuche, Genaueres zum Befinden von Mutter und Kind zu erfahren, scheiterten, und dabei wird es vermutlich auch bleiben. An der Bewunderung für die beste und größte große Schwester im Sport ändert das nichts.
Aber wenn es jemanden gibt, der noch mehr bewundert wird, dann ist das Petra Kvitova. Die Geschichte ihrer Rückkehr nach dem Überfall in ihrem Apartment zuhause in Tschechien im Dezember vergangenen Jahres ist überall bekannt. Und jedem läuft bei der Vorstellung, in der eigenen Wohnung ein Messer an der Kehle zu spüren, ein eiskalter Schauer über den Rücken. Es gibt seither zwei gleichermaßen bemerkenswerte Geschichten einer Heilung.
Kvitova kann zwar ihre linke Schlaghand, die der Angreifer mit dem Messer fast zerfetzte, nach wie vor nicht zur Faust ballen, und in zwei Fingern fehlt ihr immer noch das Gefühl. Es war ein Meisterstück der Ärzte, die die Hand reparierten, und es ist kaum zu glauben, dass sie seit drei Monaten tatsächlich wieder Tennis spielen kann. Aber fast noch erstaunlicher ist es, wie sie die Messerstiche in ihre Seele täglich ein bisschen mehr überwindet. In der eigenen Wohnung angegriffen zu werden und acht Monate später den Menschenmassen einer Stadt wie New York mit relativ großen Vertrauen zu begegnen – das ist ein sehr weiter und harter Weg, aber sie geht ihn lächelnd und auf eine Art, die Herzen öffnet.
Das sieht auch Venus Williams so. „Was Petra hinter sich hat, ist unvorstellbar, eine absolute Zumutung. Es ist so wunderbar zu sehen, wie sie es schafft, dabei zu sein und alles zu tun, damit es ihr wieder besser geht. Und ich glaube, es ist ein Segen für sie, dass sie wieder so gut spielt.“
Petra Kvitovas steinige Wanderung führte sie zunächst im Mai zu den French Open, wo sie ein Spiel gewann, nach Birmingham, wo sie ein Turnier gewann, nach Wimbledon und schließlich nach Nordamerika. Im vergangenen Jahr verlor sie in New York in der vierten Runde gegen Angelique Kerber, nun hat sie im Spiel gegen Venus Williams die Chance, im Halbfinale zu landen. Beim Erfolg gegen die spanische Wimbledonsiegerin Garbiñe Muguruza machte sie den Eindruck, als sei sie auf alles vorbereitet und könne mit jeder Herausforderung umgehen. Danach sagte sie: „Wenn ich nicht weiterkomme und das hier das Ende ist, dann ist es ein Happyend.“ Weil jede sorgenfreie Minute ihres Lebens schon ein Happyend ist.