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Gefühlschaos in acht Minuten

von Redaktion

Deutscher Nationalmannschaft bleiben zwei Spiele, um aus der Niederlage gegen Israel zu lernen – heute gegen Italien

von Christopher Meltzer

Tel Aviv – Johannes Thiemann peitschte sein Handtuch durch die Luft, als wollte er eine lästige Fliege vertreiben. Doch natürlich plagte ihn in diesem Moment keine Fliege. Der deutsche Basketballnationalspieler feuerte am Sonntagabend mit dem Handtuch seine Teamkameraden an, die gegen Israel gerade ihr drittes Vorrundenspiel der Europameisterschaft bestritten. Acht Minuten vor Spielende war der handtuchwedelnde Thiemann in bester Laune. Als die Schlusssirene ertönte, schlich Thiemann jedoch zügig in die Kabine, das Handtuch schlaff über die Schulter gelegt. Die Gefühlswelt des deutschen Basketballs war in nur acht Minuten auf den Kopf gestellt worden.

In dieser Zeit verspielte die Nationalmannschaft nämlich nicht nur einen 16-Punkte-Vorsprung gegen Israel, sondern auch eine komfortable Ausgangslage für das Rennen ums Achtelfinale. „Am Ende haben wir einfach naiv gespielt“, befand Daniel Theis. Kapitän Robin Benzing sagte: „Wir haben uns ein kleines Loch gegraben, sind da reingefallen und nicht mehr herausgekommen.“

Jetzt, da noch zwei Vorrundenspiele in Tel Aviv verblieben sind, türmt sich daher die große Frage auf: Wie sehr können acht schlechte Minuten ein junges Team beeinflussen, das zuvor mit Siegen gegen die Ukraine (75:63) und Georgien (67:57) selbst die großen Figuren des deutschen Basketballs beeindruckt hatte?

„So gut habe ich die deutsche Nationalmannschaft lange nicht mehr gesehen“, hatte der frühere Bundestrainer Svetislav Pesic noch im Anschluss an das Georgien-Spiel gesagt. Andere Nationen hätten „mehr Erfahrung und mehr Qualität“, doch Deutschland zeige „echten Teambasketball“.

Tatsächlich überzeugten die deutschen Basketballer als Kollektiv. Der angriffslustige NBA-Profi Dennis Schröder stürmte voran, die übrigen Spieler gefielen in ihren Spezialrollen. In den letzten acht Minuten des Sonntagspiels ging diese Aufteilung schief. Schröder schloss zweimal überhastet ab, auch seine Mitstreiter verfehlten offene Würfe. Israel holte auf, die Fans in Tel Aviv tobten. Erstmals wurden die jungen Deutschen Opfer ihrer fehlenden Abgeklärtheit.

„Wenn du jetzt den Kopf hängen lässt wegen diesem Spiel, dann gewinnst du das nächste ganz sicher nicht“, sagte Bundestrainer Chris Fleming. Vielmehr sehe er „eine Möglichkeit, zu lernen“. Dieser Lerneffekt muss schnell einsetzen. Schon heute (17.30 Uhr) wartet Italien, morgen Litauen (14.45 Uhr) – die beiden Schwergewichte der Gruppe. Theoretisch könnte Deutschland auch mit zwei weiteren Niederlagen ins Achtelfinale rutschen. Verlassen will sich Benzing darauf aber nicht. „Das sind zwei schwere Spiele, davon sollten wir eins gewinnen.“ In acht Minuten hat die junge Nationalmannschaft ihre gute Ausgangslage verzockt. Ihr bleiben nun 80 Minuten, um den Aussetzer zu korrigieren.

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