Dahoam is dahoam

von Redaktion

Nagelsmann baut ein Haus in München – und betont erneut sein Faible für den FC Bayern

VON ANDREAS WERNER

München – Wenn man mit alten Weggefährten spricht, sagen sie oft, dieser Julian Nagelsmann habe schon immer erstaunlich vorausschauend agiert. Das begann bereits auf dem Platz, als er in der Jugend des TSV 1860 als rechter Innenverteidiger das Handicap, nicht gerade als Sprinter geboren zu sein, mit einer fast seherischen Gabe kompensierte. Damals stoppten ein paar Operationen am Sprunggelenk seine Karriere, ein Jammer, es hätte interessant werden können. Obwohl er nicht der Schnellste war, verlor er kein Laufduell. Er war immer einen Tick vorher vor Ort, als man ihm zugetraut hatte. Nun hat er ein Haus in München in Auftrag gegeben.

Vorausschauend?

Der 30-Jährige hat schon einige Mal bemerkenswert offen kommuniziert, bei einem Angebot des FC Bayern werde er ins Grübeln kommen. Initiativbewerbungen sind in der Branche eher selten, doch obwohl nun auch noch der Hausbau publik wurde, sah sich der Hoffenheimer Trainer kein bisschen veranlasst, seine Heimatliebe etwas weniger offensiv vor sich herzutragen. Im Gegenteil. Gegenüber „Eurosport“ erneuerte er sein Faible für den Meister. „Der FC Bayern spielt in meinen Träumen schon eine größere Rolle“, so Nagelsmann, „ich bin sehr, sehr glücklich in meinem Leben. Der FC Bayern würde mich noch ein Stück glücklicher machen.“

Trotz seiner für einen Bundesliga-Trainer jugendlichen 30 Jahre muss er wissen, dass man bei solchen Aussagen im notorisch aufgeregten München nur noch einen Funken für einen recht ordentlichen Bumms benötigt. Zumal Nagelsmann gerade die Zündschnur verkürzt hat, indem er dem angezählten Carlo Ancelotti mit einem 2:0-Sieg frech eine lange Nase gedreht hat.

Unclever ist Nagelsmann dabei keineswegs. Seitdem er regelmäßig offen mit den Bayern flirtet, schafft er es dennoch stets, wieder die Brisanz aus der Sache zu nehmen. Diesmal entschärfte er die Hausbau-Nachricht mit dem Verweis auf seine Herkunft. Seine Frau und sein Kind ziehen demnächst nach München – na und? „Das ist unsere Heimat, ich habe viele Jahre dort gelebt und stamme aus Landsberg am Lech.“ Es haben sich schon ganz andere für einen Umzug nach München entschieden, Zuagroaste nennt man sie, doch im Falle des 30-Jährigen gilt ja eher: „Dahoam is dahoam“.

Und dennoch ist zu beobachten, wie sich Nagelsmann mehr und mehr beim FC Bayern positioniert. Tatsächlich haben ja auch die Klubchefs bereits begonnen, Ancelottis Erben zu sondieren. Es gilt als sehr wahrscheinlich, dass der Italiener trotz seines Vertrags bis 2019 bereits nach dieser Saison geht. Womöglich ist sogar schon vorher Schluss. Für die Zeit danach brauchen die Bayern mal wieder einen Entwickler, keinen Verwalter wie den 58-Jährigen. Die Frage ist, ob Nagelsmann schon reif ist – und ob man nicht sogar als Übergang noch etwas ganz außerhalb der üblichen Schablonen ausprobiert, einen Christian Streich aus Freiburg etwa. Hätte Charme.

Nagelsmann sammelt freilich die spektakulärsten Wirkungstreffer. Zudem haben die Bayern seine Schlüsselfiguren Sebastian Rudy und Niklas Süle schon vorausverpflichtet. Man glaubt fast, Parallelen zu den 90ern zu sehen, als sie Sommer für Sommer so viele Karlsruher holten, dass es nur mehr eine Frage der Zeit schien, ehe sie KSC-Coach Winfried Schäfer übernehmen. Der wurde nie ein Münchner, aber das sollte Nagelsmann nicht irritieren. Ihn und Schäfer trennen Welten – und für einen Mann, der klug vorbaut, ist die Vergangenheit kaum stilbildend.

Artikel 1 von 11