Loch hofft auf den neuen, alten Felix

von Redaktion

Nach einer verkorksten Saison hat der Rodel-Olympiasieger einige Stellschrauben gedreht – alles ist auf Gold in Pyeongchang ausgerichtet

von hanna raif

Berchtesgaden – An diesem einen Tag soll nichts dem Zufall überlassen sein, und deshalb bereitet sich die Familie Loch seit geraumer Zeit auf den Ernstfall vor. Oma Brigitte ist im Sommer das eine oder andere Mal aus Schongau angereist, um ihre Tochter Lisa, ihren Schwiegersohn Felix und vor allem ihren Enkel im Berchtesgadener Land zu besuchen. Dass es dem kleinen Lorenz bei der Großmama gefällt, trifft sich bestens, denn am 11. Februar des kommenden Jahres soll er gemeinsam mit ihr vor dem TV sitzen – und im Idealfall seinem Vater zujubeln.

Ziemlich genau fünf Monate waren es in dieser Woche bis zu dem Sonntag, an dem bei den Olympischen Spielen in Pyeongchang die Entscheidung im Rodeln der Männer fallen wird. Und trotzdem ist der Tag – nicht nur wegen der privaten Situation – für Felix Loch schon sehr präsent. „Genau da gilt es, topfit zu sein, ich brauche 100 Prozent“, sagt der dreimalige Olympiasieger.

Er bezieht sich mit seinen Aussagen einerseits auf die Bahn, auf der er die Generalprobe im Frühjahr zwar krankheitsbedingt verpasste, um deren Tücken er aber dennoch weiß. Andererseits aber schwingt in Lochs Worten auch die Erkenntnis mit, dass er in der Form des Vorjahres nicht zu den Medaillenkandidaten zählt. Um die dritte Einzel-Goldmedaille nach jenen von Vancouver 2010 und Sotschi 2014 zu gewinnen, muss er sich anders präsentieren.

Sein Vater, Bundestrainer Norbert Loch, hatte nach der verkorksten vergangenen Saison angekündigt, bis zum olympischen Winter „einen neuen Felix Loch“ zu formen. Aber der Sohnemann stutzt, als er auf die Aussage aus dem Frühjahr angesprochen wird. „Neu“, sagt er lachend, „muss gar nicht sein. Der alte Felix Loch würde ja schon reichen.“ Heißt: Derjenige, der von 2012 bis 2016 fünf Gesamtweltcups hintereinander gewonnen und die Konkurrenz nach Belieben dominiert hat. Und nicht der, der im Vorjahr nur zwei Mal ganz oben stand, bei der WM das Podium verpasste und scheinbar ein Abonnement auf vierte Plätze hatte.

Es passt, dass Felix Loch die letzten Züge des Sommertrainings im Nationalpark Berchtesgaden verbrachte. Die leichtere Route am Hohen Göll kletterte er im Nu nach oben, eine echte Herausforderung sah der 28-Jährige in der Tour am überhängenden Fels. Bis die absolut letzte Kraft seine Finger verließ, gab er nicht auf, suchte krampfhaft nach einem Weg, ehe er sich mit einem lauten Schrei in das Kletterseil fallen ließ. Man merkte: Da zieht es einen wieder ganz nach oben.

Loch geht heuer in seine elfte Saison, die Vorbereitung aber verlief anders als die zehn vorherigen. Erfahrungswerte aus den letzten „vier, fünf, sechs Jahren“ wurden herangezogen, um Fehler wie im Vorjahr nicht erneut zu begehen. Der zwölfmalige Weltmeister spricht von einem „aufschlussreichen Winter, der rückblickend betrachtet vielleicht gar nicht so schlecht war“. Man habe sich sofort nach Saisonende gefragt: „Wieso? Weshalb? Warum?“ Die gewonnenen Erkenntnisse wurden zum Großteil schon umgesetzt: Trainingsinhalte zeitlich verschoben, das Material, bei dem sich Loch im letzten Winter „etwas versprochen hatte, wo nichts war“, weiterentwickelt. Stand jetzt sagt Loch: „Ich bin sehr, sehr gut im Fahrplan.“

Wie immer ist bis zu dem Moment, an dem die Schlitten wieder aufs Eis gehen, alles nur Spekulation. Heuer ist es am 29. September so weit: Während daheim das Oktoberfest steigt, läuten Loch und Co. in Lillehammer offiziell den Winter ein. Schon in den ersten Läufen will er den Grundstein dafür legen, „dass mir nicht mehr so viele Fahrfehler unterlaufen“. Stimmt das Gefühl von Beginn an, geht der Rest wie von selbst. Ist wie 2016 sofort den Wurm drin, „kommt einfach eins zum anderen“.

Loch geht mit zwei Schlitten in die Saison. Der alte bleibt als „Plan B“. Auch hier überlässt er nichts dem Zufall. Er sagt ganz klar: „Ich fliege nicht nach Korea, um irgendeine Medaille zu holen. Wer mich kennt, weiß, dass ich um Gold fahren will.“ Zu einem krönenden Abschluss? „Nein!“, sagt Loch, „ein paar Jahre habe ich schon noch vor mir.“

Wer weiß: Vielleicht sitzt Söhnchen Lorenz 2022 nicht mit der Oma vor dem TV, sondern darf mit der Mama mitfliegen. Das Reiseziel wäre dann Peking. Felix Loch: „Ausgeschlossen ist das nicht.“

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