München – Musikalisch gab es auch an diesem Abend nichts zu bemängeln. Angefangen bei der Champions League-Hymne, für den FC Bayern so etwas wie die Titelmelodie der besonders stimmungsvollen Abende, bis hin zu den Fangesängen. „FC Bayern München, du machst mich verrückt“, tönte die Südkurve laut und fröhlich, als das Spiel gegen den RSC Anderlecht knapp eine Stunde lief. Das Problem nur: Die Musik war zu diesem Zeitpunkt das Beste an diesem Auftakt der Gruppenphase.
Der Auftritt der Bayern war 60 Minuten lang eher zum Verrücktwerden, uninspiriert und fahrig, das Gegenteil des angestrebten Wiedergutmachungskicks für Hoffenheim. Erst spät fanden die Gastgeber nach der vielversprechenden Führung durch Robert Lewandowski (12.) zurück in die Spur und machten dem Anhang mit dem 3:0-Sieg durch weitere Tore von Thiago (65.) und Joshua Kimmich (90.) doch noch etwas Spaß. Aber überschäumende Freude hatte die Königsklasse diesmal nicht zu bieten.
Dabei ließ die Dramaturgie des Abends zunächst nichts zu wünschen übrig. Bereits nach zwölf Minuten lagen die Gastgeber nicht nur nach Toren vorne, sie waren auch personell im Vorteil. Corentin Tolisso, der Mann mit der 40-Millionen-Durchschnittsablöse (Quelle: Lewandowski), schlug einen weit überdurchschnittlichen Pass in den Lauf des Polen, den der vermutlich problemlos zum 1:0 verwertet hätte. Weil Innenverteidiger Kums aber nach Lewandowskis Schulter griff (allerdings nicht zweifelsfrei im Strafraum), musste der Stürmer den Umweg über einen Foulelfmeter nehmen. Und Kums schlug den direkten Weg in die Kabine ein.
Nach so einem Auftakt kann man in München durchaus unter die Räder geraten. Oft genug ist es in der Champions League schon so geschehen, doch das waren stets Abende, an denen die Gastgeber eine Menge Energie und Ideen investierten, um ihren Gegner kunstvoll zu zerlegen. Die Bayern von gestern ließen die Steilvorlage zum Stimmungsaufschwung ungenutzt. Als sie zur Pause in die Kabine gingen, stand es immer noch 1:0, und von den Rängen ertönten einzelne, aber doch unüberhörbare Pfiffe.
Dem turbulenten Auftakt waren kaum noch vielversprechende Szenen gefolgt. Im Zentrum, wo James sein Pflichtspiel-Debüt gab, stockte der Spielfluss, bevor es überhaupt brenzlig für die Belgier werden konnte. Arjen Robben rannte sich mehrmals in der Deckung fest, und als er einmal seine Gegner abgeschüttelt hatte, spielte er einen Pass genau in die Beine eines Gegners. Aktiver war da noch Franck Ribery, sein Pendant vom anderen Flügel, ohne dass aus dessen Antritten eine konkrete Bedrohung fürs RSC-Tor hätte entstehen können. Fast am spannendsten wurde es, als kurz vor der Pause Dendoncker einen der allerersten Gäste-Angriffe startete und im Zentrum Stanciu fand. Der war aber offenbar ebenso überrascht wie die Abwehr der Bayern (41.).
Als Tolisso, gestern in einer müden Bayern-Mannschaft noch der Beste, kurz nach der Pause Sels zu einer Parade zwang, war das ein trügerischer Auftakt. Zwei Minuten später hatte Chipciu den Ausgleich für die dezimierten Gäste auf dem Fuß, traf aber nur den Pfosten. Erst als Thiago nach 65 Minuten eine Kimmich-Flanke ins Netz beförderte, war die Gefahr der erneuten Ernüchterung gebannt. Süles Kopfballtor (67.) hätte die Stimmung weiter ins Positive gedreht, wenn es nicht wegen Aufstützens aberkannt worden wäre. So wurde es erst wieder emotional, als Jerome Boateng und Thomas Müller eingewechselt wurden – und als Kimmich zum Endstand traf (90.). Die Fans sangen danach vom Champions League-Titel.