Istanbul – Als Pau Gasol die Faust in die Luft streckte, sah er plötzlich ziemlich bedrohlich aus. Er presste die Lippen zusammen, an seinem Hals traten die Adern hervor, was ihn, den 2,13-Meter-Mann, noch bedrohlicher machte. Es war schwer, Gasol zu übersehen. Er blieb in diesem Moment aber unbemerkt – von seinen spanischen Mitspielern, von den 1800 Fans im Sinan Erdem Dome in Istanbul und ganz besonders von den Basketballern der deutschen Nationalmannschaft. Sie alle blickten auf einen anderen Mann, noch größer (drei Zentimeter) und noch etwas bedrohlicher: Marc Gasol, Paus Bruder.
Nur vier Minuten benötigte der Spanier im dritten Viertel, um 18 Punkte einzustreuen – und Deutschland im Viertelfinale der Europameisterschaft abzuhängen. Er setzte viele Tricks ein, traf von nah und fern. Einmal sprang er mit einem Bein ab, ehe er den Ball zurückfallend im hohen Bogen in den Korb beförderte, was dann schon sehr an Dirk Nowitzki erinnerte. Im Alleingang drehte Gasol einen Rückstand in eine Führung – und eine potenzielle Sensation in einen recht deutlichen 84:72 (34:33)-Sieg.
Natürlich hatten die Deutschen gewusst, mit welcher Wucht die Gasol-Brüder, die auch in der US-Profiliga NBA zu den Besten zählen, wüten können. „Unser Plan war, sie von außen werfen zu lassen“, sagte Danilo Barthel. „Wir wollten, dass sie unter dem Korb so wenige Ballkontakte wie möglich bekommen.“ Marc Gasol, der letztlich 28 Punkte, zehn Rebounds und vier Vorlagen einsammelte, durchkreuzte diese Strategie aber. Gleich vier Distanzwürfe jagte er durch den Ring, weshalb Barthel hinterher feststellen musste: „Wenn sie auch die schweren Würfe treffen, haben sie verdient gewonnen.“ Auch DBB-Präsident Ingo Weiss sagte: „Heute konnte man gegen Pau und Marc Gasol nicht gewinnen.“
Vorgenommen hatten sich die Deutschen das freilich. In den vergangenen zwei Wochen des EM-Turniers war die junge Auswahl bedrohlich nahe herangerückt an die europäische Elite, im Achtelfinale hatte sie sogar die favorisierten Franzosen überrumpelt. Schon davor hatten die Nationalspieler immer wieder betont, jeden Kontrahenten schlagen zu können. Selbst die hochbegabten Spanier, den Europameister.
Und tatsächlich war in den ersten 20 Minuten nichts von jenem Qualitätsunterschied zu sehen, den die Weltrangliste ausdrückt: Dort wird Spanien nämlich auf Position zwei geführt, Deutschland nur auf 29. Chris Fleming, der sein letztes Spiel als Bundestrainer bestritt, hatte seinen Schützlingen befohlen, sich mit Tempo auf die Spanier zu stürzen. Dennis Schröder (27 Punkte) flitzte trotz strenger Bewachung des flinken Ricky Rubios durch spanische Abwehr, Maodo Lo unterstützte ihn mit zwei Dreipunktewürfen. Schnell zog Deutschland auf 11:2 davon. Zur Halbzeit fehlte nur ein Punkt (33:34).
Johannes Thiemann eroberte die Führung im dritten Viertel sogar noch einmal zurück. Doch dann setzte die Marc-Gasol-Show ein. „Die letzten paar Minuten im dritten Viertel konnten wir nicht kompensieren“, analysierte Chris Fleming, fügte der schmerzlichen Niederlage aber noch ein paar versöhnliche Worte an: „Ich bin sehr stolz auf die Art und Weise, wie wir gewachsen sind. Die Jungs sind knapp dran, das können sie in den nächsten paar Jahren schaffen.“ Fleming weiß nämlich um das Alter der Gasol-Brüder. Pau, der 19 Punkte erzielte, ist schon 37, Marc 32. Vielleicht werden sie der deutschen Mannschaft in naher Zukunft nicht mehr im Weg stehen.