Von Meuselwitz nach Monaco

von Redaktion

Leipziger Euphorie vor dem ersten internationalen Auftritt seit 1988 – Timo Werner angeblich bei Real im Gespräch

von jörg soldwisch und emanuel reinke

Leipzig – Europa, wir kommen! Vor fünf Jahren spielte RB Leipzig noch in der Regionalliga gegen Meuselwitz, heute (20.45 Uhr) feiert der Emporkömmling gegen den AS Monaco die mit Spannung erwartete Premiere in der Champions League. Seinen unaufhaltsamen Aufstieg will der erst 2009 gegründete Klub auch in der Königsklasse fortsetzen – ein Fußballexperte traut den Bullen sogar den ganz großen Coup zu.

„Leipzig ist für mich der Geheimfavorit auf den Champions-League-Titel!“, schrieb der frühere Bundestrainer Berti Vogts in seiner Kolumne bei „t-online.de“. Mit seinem Überfallfußball werde der Vizemeister auch die Königsklasse rocken: „Das sind einige große Vereine gar nicht mehr gewohnt. Das ist das Moderne, das ist RB Leipzig. Sie haben tolle Spieler.“

Allen voran Timo Werner, der Vogts „an den jungen Lionel Messi“ erinnert. Der 21 Jahre alte Nationalstürmer dürfte sich mit starken Auftritten in der Champions League noch interessanter für Topklubs machen, schon jetzt soll Titelverteidiger Real Madrid erste Kontakte geknüpft haben. Die spanische Zeitung AS titelte: „Real nimmt Werner ins Visier.“

RB reagiert nach außen gelassen auf die Gerüchte. „Wir spielen Champions League, wir bieten Timo damit die nächste Entwicklungsstufe“, sagte Geschäftsführer Oliver Mintzlaff in der Sendung „Sky90“. Das gilt auch für alle anderen Spieler, denn nur zwei Kader der Gruppenphase haben weniger Champions-League-Erfahrung als der des Neulings. Leipzig-Trainer Ralph Hasenhüttl hält das für einen Vorteil: „Wir wollen selbst die Erfahrungen sammeln. Da ist man scharf und fokussiert.“

Das soll zum Auftakt Monaco zu spüren bekommen. Die Chancen stehen gut, der französische Meister hat durch den Abgang einiger Leistungsträger viel Qualität eingebüßt. Die Generalprobe setzte der Vorjahres-Halbfinalist beim 0:4 gegen OGC Nizza in den Sand.

Dabei verletzte sich Thomas Lemar. Der französische Nationalspieler, für den der FC Arsenal im Sommer 100 Millionen Euro geboten hatte, fällt gegen Leipzig aus. Auch deswegen sagt RB-Geschäftsführer Ralf Rangnick: „Wenn wir unsere PS auf den Platz bringen, trauen wir uns zu, so ein Spiel zu gewinnen.“

Die Profis können den Anpfiff kaum erwarten. Offensivspieler Emil Forsberg freut sich vor allem „auf die Hymne kurz vor dem Anpfiff“. Der Schwede dürfte nach einer Angina ebenso rechtzeitig fit werden wie Spielmacher Naby Keita (Adduktorenprobleme), der zur kommenden Saison für 70 Millionen Euro zum FC Liverpool von Trainer Jürgen Kloppwechselt.

Mindestens genauso fiebern die Leipziger Fans dem Europapokal-Comeback entgegen. Seit 1988 spielte keine Leipziger Mannschaft mehr international – damals verlor der 1. FC Lok Leipzig beim SSC Neapel um Diego Maradona mit 0:2.

Noch gibt es für das Spiel gegen Monaco zwar ein paar Restkarten. Das hat nach Klubangaben aber nichts mit fehlendem Interesse zu tun. Man halte die Tickets absichtlich zurück, um den Schwarzmarkt einzudämmen.

Das Champions-League-Fieber hat jedenfalls auch den Leipziger Dichter Jan Lindner gepackt. Er schrieb in der Leipziger Volkszeitung im Gedicht „Wellkamm Schämpiens Lieg“ auf sächsisch zum RB-Debüt: „Dor Großraum Leipzich kricht sich nich mehr ein: Das middor Schämpiens Lieg is echt ä Draum. De Euphorie steht im Fünfmeedorraum, steigt hoch, nimmt Maß und drückt de Pille rein.“

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