„Ich nehme mir den WM-Titel vor“

von Redaktion

Steffi Jones über die Ziele der DFB-Frauen, EM-Lehren, deutsche Tugenden und die Bundestagswahl

Neustadt an der Donau – Steffi Jones kommt leicht vergrippt zum Interview. Doch die Bundestrainerin lässt sich nicht bremsen. In ihrem ersten Interview nach der EM spricht die 44-Jährige über ihre Lehren und die Ziele in der WM-Qualifikation, die morgen in Ingolstadt gegen Slowenien startet (14 Uhr).

-Frau Jones, wenn Sie auf die EM zurückblicken: Wie sehr tut es noch weh?

Ich habe es gut verarbeitet, aber es tut noch immer weh. Weil es auch nach der Analyse rein faktisch so ist, dass wir in allen Spielen mehr Ballbesitz hatten und überlegen waren. Wenn wir den Spielerinnen jetzt die Szenen zeigen, können sie selbst nicht glauben, dass wir uns das Leben so unnötig schwer gemacht haben. Aber die EM ist aufgearbeitet. Wir blicken nach vorne und wir werden unseren Faden wieder aufnehmen.

-Die Schlagzeilen lauteten „Darf Jones weitermachen?“ – haben Sie sich selbst gefragt: Will ich überhaupt weitermachen?

Es stand für mich immer außer Frage, dass ich weitermachen möchte. Dafür bin ich mit zu viel Leidenschaft dabei. Ich bin glücklich, dass ich diesen Prozess weiterführen darf. Denn genau das ist es: Ein Prozess. Ganz klar.

„Ich habe viel abbekommen – und meine Gutgläubigkeit zurückgeschraubt“

-Als Spielerin konnten Sie mit Kritik schwer umgehen – wie war es jetzt, als Bundestrainerin?

Einfach sicherlich nicht. Da braucht man Menschen im Umfeld, die einen stärken und einem auch sagen: Es war nicht alles falsch. Ich sage mir selber, ich darf Kritik nicht persönlich nehmen. Aber das ist nicht leicht. So etwas geht nicht spurlos an mir vorbei. Aber es macht mich stärker, es motiviert: Jetzt erst Recht!

-War die Kritik berechtigt – oder überzogen?

Jeder darf seine Meinung äußern. Ich kann nicht mehr als meinen Job machen. Mich zu allem zu äußern, das würde zu viel Kraft kosten.

-Was waren Ihre größten Fehler, glauben Sie?

Ich habe alle Entscheidungen aus voller Überzeugung getroffen. Nur mit der Erfahrung, die ich jetzt sammeln konnte, würde ich manches anders machen heute. Durch die vielen Wechsel wurde unser Spiel etwa nicht schlechter. In einem Turnier würde ich es trotzdem nicht mehr so machen, weil es nicht den gewünschten Effekt brachte. Auch die Idee, jeder Spielerin einen Comic-Charakter zuzuordnen, war als Motivation intern gedacht. Es wurde aber dann ganz anders dargestellt. So etwas mache ich in Zukunft auch nicht mehr.

-Wenn Sie ein Jahr zurückreisen könnten – was würden Sie der Steffi Jones raten, die vor dem Debüt als Bundestrainerin steht?

Das gibt es nicht. Aber wenn es auf die WM zugeht, mache ich einiges anders.

-Aber wie haben Sie sich persönlich verändert – inwiefern würden sie auf dieser Zeitreise auf eine andere Person treffen?

Man reift mit so einer Turniererfahrung. Ich habe viel abbekommen und denke, dass ich dadurch stärker wurde. Meine Gutgläubigkeit und Offenheit habe ich allerdings sicher auch etwas zurückgeschraubt. Wobei ich jetzt keine bin, die sich künftig komplett verschließt.

-Sie wollen das Team künftig straffer führen.

Ja, straffer. Aber das hört sich so an, als hätten die Spielerinnen alles ohne Regeln machen können. So war es ja auch nicht. Ich werde aber in Zukunft noch aufmerksamer sein. Lange Leine war nie mein Führungsstil, aber ich schenke den Spielerinnen schon viel Vertrauen. Wenn man dann bei der einen oder anderen feststellt, sie braucht mehr Anleitung, weil sie selbst noch keine Erfahrungen hat, schwenkt ja nicht alles in Misstrauen um. Es bedeutet einfach nur, dass man die eine oder andere noch mehr mitnehmen muss. Ich war immer der Typ, der dachte: Die Spielerinnen werden schon wissen, was sie machen. Das ist in Einzelfällen vielleicht nicht immer richtig.

-Wo setzen Sie jetzt bei der Trainingsarbeit an?

Die anderen Teams waren bei der EM entschlossener, sie haben die nötigen Meter gemacht. Bei uns war zu viel Kleinklein, und die Umschaltphase hat nicht gestimmt. Ich habe jetzt öfter die deutschen Tugenden angesprochen. Ich werfe keiner Spielerin vor, dass die Einstellung nicht gestimmt hat. Aber wir müssen wieder verinnerlichen, die entscheidenden Meter zu machen. Auch die, von denen man glaubt, sie sind unnötig. Das sind sie nämlich nicht. Unsere Spielidee bleibt die gleiche, auch wenn wir das eine oder andere feinjustieren. Es geht darum, dass sich die Spielerinnen wieder sicherer fühlen.

-Sie traten mit dem Vorhaben an, mehr Offensiv- und Dominanzfußball zu spielen. Haben Sie zu früh zu viel gewollt und Ihr Team überfordert?

Das will ich nicht sagen. Wir hatten ja Chancen. Aber das Defensivverhalten war nicht gut. Von daher habe ich kein Problem damit, jetzt mal einen Schritt zurückzugehen, um dann über die Stabilität wieder vorwärts zu kommen.

-Bei Ihrem Amtsantritt sagten Sie: „Sagen Sie mir eine Nation, die stärker ist!“ Bleiben Sie dabei, dass die deutsche Frauennationalmannschaft Spitze ist?

Ich bleibe dabei. Wir gehören immer noch zu den Top-Teams und ich bin überzeugt, dass wir jede andere Nation schlagen können, wenn wir alles abrufen. Ich sehe das in jedem Training, wie hoch die Qualität hier ist. Auch bei den Jungen, die nachkommen.

-Sie traten offensiv auf und sagten: Unser Ziel ist der EM-Titel. Ein Fehler? Wie gehen Sie die WM an?

Im letzten Sommer hatten wir gerade Olympia gewonnen. Außer drei Leistungsträgerinnen gab es keine personellen Einschnitte. Da muss man als DFB-Auswahl sagen, wir wollen den Titel gewinnen. So viel Selbstbewusstsein müssen wir haben. Und es bleibt so. Ich gehe in jedes Turnier und will es gewinnen. Meine Spielerinnen sollten genauso rangehen. Dieser Anspruch ist legitim. Es wäre schade, wenn wir uns kleinmachen.

-Also ist auch bei der WM der Titel das Ziel?

Das ist immer das Ziel. Das können Sie mich vor jedem Turnier fragen und werden immer wieder die gleiche Antwort bekommen.

-Die EM endete mit dem Eindruck, die anderen Nationen seien vorbeigezogen. Schon bei den WM-Turnieren zuvor deutete sich an, dass der deutsche Vorsprung schmilzt.

Sie haben Recht. Die vier Teams standen zurecht im EM-Halbfinale. Wir haben aber schon vor der WM 2015 darauf hingewiesen, dass es für uns immer enger wird. Den Vorsprung werden wir nicht halten, wenn wir uns auf unseren Lorbeeren ausruhen. Wir müssen aufpassen. Ein Selbstläufer ist es auch mit unseren tollen Spielerinnen nicht mehr. Schon gar nicht, wenn wir meinen, es geht so ein bisschen mit Tiki-Taka. Wir müssen uns alles hart erarbeiten und jeden Gegner ernstnehmen – jeden. Da spielt die Weltrangliste keine große Rolle, denn auch die vermeintlich Kleinen lernen stetig dazu.

„Es ist schwierig, zu akzeptieren, wie manche Politiker auftreten“

-Ihr Vertrag wurde verlängert, zunächst bis 2019, mit einer Option sogar bis 2020. Spüren Sie Druck, jetzt liefern zu müssen?

Ja. Ich habe jetzt zwei Jahre Zeit. Aber der Druck ist groß, das will ich gar nicht verhehlen. Weil man jetzt wieder den WM-Titel erwartet, den man aber nie versprechen kann. Ich nehme mir den WM-Titel vor, dazu stehe ich. Das schafft Druck, ganz klar.

-Wie gehen Sie generell mit Druck um?

Ich ziehe die Kraft aus meiner Lebensgeschichte. In meinem Leben musste ich viel mitmachen und weiß daher, wie stark ich bin.

-Sie wuchsen in einem Frankfurter Problemviertel auf, haben aber Ihren Weg gemacht. Wie sehen Sie Deutschland im Herbst 2017, auch mit Blick auf die anstehenden Wahlen?

Ich habe Briefwahl gemacht und ich finde es wichtig, dass man wählt, weil man nur so Einfluss auf die Richtung hat, die sein Land nimmt. Es ist schwierig, zu akzeptieren, wie manche Politiker auftreten. Wie respektlos mit den Menschenrechten umgegangen wird. Das ist nicht meins. Ich trete jedem Menschen, egal welchen Hintergrund er hat, immer mit Respekt gegenüber, und wenn das nicht allgemein so ist, habe ich damit schon ein Problem. Das heißt für mich auch, dass ich eine Partei, die eine andere Haltung vertritt, nicht wählen kann. Der DFB bekennt sich schon seit vielen Jahren zu den Themen Toleranz und Integration, und dafür werde auch ich immer stehen. Ich bin farbig, ich lebe mit einer Frau zusammen – und ich fühle mich in der deutschen Gesellschaft akzeptiert. Ich wünsche mir, dass das auch so bleibt.

Interview: Andreas Werner

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