Der Sport zu Zeiten des Oktoberfests

von Redaktion

Von Günter Klein

„A bisserl was geht immer“, das ist so ein Leitspruch für München und seine Lebensart. Er könnte aber auch für Meppen stehen. Meppen im Emsland.

Der SV Meppen spielt in der 3. Fußball-Liga. Er muss bei der SpVgg Unterhaching antreten, am Samstag, den 23. September. Bei diesem Datum weiß der Münchner sofort: Wiesn-Zeit, der Höhepunkt, Italiener-Wochenende, Stadt und Umland ausgebucht.

Zwischen Meppen und München liegt die ganze Republik, da kann man nicht einfach am Spieltag (Anpfiff 14 Uhr) anreisen. Man muss einen Tag zuvor kommen und übernachten. Beim SV Meppen ist Co-Trainer Mario Neumann für die Reiseplanung zuständig. Es war schwierig, sagt er, aber a bisserl was ging eben. „Wir haben im Hachinger Hof Zimmer bekommen, da war zufällig noch was frei.“ Für 18 Spieler, zwei Trainer, zwei Physiotherapeuten, zwei Busfahrer, Zeugwart, Antidoping-Beauftragten. Angereist wird am Freitag, per Flug von Münster. Am Airport München wartet der Mannschaftsbus.

Und a bisserl was geht auch in Sachen Oktoberfest. Also, wenn man schon mal in München ist in der zweiten Septemberhälfte, muss man das ausnutzen„Unsere Physiotherapeutin kennt jemanden“, so Mario Neumann über die Beziehungen, die dem SV Meppen einen Tisch in einem Bierzelt ermöglicht haben. „Nach dem Spiel. Bis Zeltschluss um 23 Uhr?“

Es ist absoluter Hochbetrieb in der Stadt gerade am mittleren Wochenende. Auch der VfL Wolfsburg muss nach München. Freitag, 22. September, 20.30 Uhr, FC Bayern – VfL. „Wir reisen wie immer am Tag vorher an, und weil das Spiel am Abend ist, bleiben wir noch eine zweite Nacht“, sagt Unternehmenssprecherin Barbara Ertel-Leicht. Die Hotelbuchung war für die Wolfsburger kein Problem, „wir haben frühzeitig gebucht“. Die Preise? Nun, es trifft keinen Armen.

Am Sonntag, den 24. September, spielen die Eisbären Berlin in München Eishockey. Auch hier gilt: Anreise am Vortag. Manager Stephane Richer hat ein Hotel am Flughafen bekommen – und ächzte unter den Preisen. Allerdings, kleiner Trick, machte der Kanadier ein Kombinationsgeschäft: Es wurde billiger, dafür werden die Berliner auch dann, wenn sie zum zweiten Mal in dieser Saison in München spielen müssen, im gleichen Haus nächtigen. Um 14 Uhr geht die Partie München – Berlin los. Früh genug, damit das Eishockey-Team danach abreisen kann.

Fürs Eishockey ist die Wiesn Kassengift

Der EHC München spielt während der Wiesn-Zeit gar nicht gerne zuhause. Die Erfahrung über viele Jahre zeigt: Es kommen weniger Zuschauer. Gäste-Fans werden von der Erwartung des Trubels abgehalten – und die Einheimischen sitzen dann halt schon mal lieber im Bierzelt als im Eisstadion.

Im Grunde würde dem EHC ein Heimspiel während der Wiesn genügen. So kann er das Folkloreprogramm aufrecht erhalten, das er irgendwann in den unteren Ligen aufgenommen hat: Zum Oktoberfest gab es immer ein eigenes Trikot, das der Schlager im Merchandising war, und die Mannschaft spielte im Trachtenlook – aber niemals auswärts, da fürchtete man den Spott der Preißn. Mittlerweile gehört ein Trachtengeschäft zum Sponsorenpool, und der EHC schafft es auch immer, dass das jeweilige Wiesn-Playmate den Puckeinwurf vornimmt. Das war auch das einzige Mal in der Saison, dass Verteidiger Florian Kettemer, der Schönling der Mannschaft, am Bullypunkt auftauchte – dieses Jahr ist er verletzt. Ein Unglück. Passierte ihm 2016 auch schon.

Voriges Jahr war es eine explizite Bitte des EHC München an die Deutsche Eishockey-Liga, von Wiesn-Spielen weitgehend verschont zu bleiben, er kam mit einem davon. 2017 jedoch war die DEL ungnädig. Köln, Berlin, Augsburg, drei Heimspiele fallen in die zwei Wochen, und am 3. Oktober, dem Verlängerungs- und Abschlusstag des Bierfestes auf der Theresienwiese, ist noch Champions-League-Spiel gegen Gävle aus Schweden.

Einen sehr offensiven Umgang mit der Wiesn pflegt der FC Bayern. Es ist immer ein mediales Thema in München, wenn ein neuer internationaler Star oder der nächste Trainer verpflichtet wird: Wie mag er wohl in Lederhosen aussehen? Man sieht es dann immer gegen Ende des weltgrößten Volksfestes: Wenn sie eine stressige Phase mit Bundesliga und Champions League hinter sich gebracht haben, absolvieren die Bayern ihren Pflichtbesuch in der Käfer-Schänke. Zutritt für Normalsterbliche ist dann nicht möglich, die Fans werden aber mit Bildern versorgt von Spielern mit seltsamen Hüten, die, Bavaria im Hintergrund, die bedirndlte Gemahlin im Arm halten, von Trainern, die mit Edmund Stoiber anstoßen, von Südamerikanern, die erstmals in ihrem Leben einer Portion Obazder begegnen. Und es darf/soll Bier getrunken werden – schließlich hat man da auch einen Sponsor.

Zur Wiesn-Zeit seien die Bayern unschlagbar, heißt es. Statistisch ist das nicht zu erhärten; sie haben auch schon verloren, 2010 etwa in Dortmund. Früh in der Saison war der FC Bayern als Meister vom Emporkömmling BVB schon zehn Punkte entfernt – da fiel noch in der Gästekabine im Westfalenstadion der Beschluss: Der Besuch der Mannschaft auf dem Oktoberfest, vorgesehen für den nächsten Tag, würde abgesagt: Man wolle keine Motive von Fröhlichkeit liefern, die nicht gepasst hätten.

2017: Rugby lockt die internationalen Gäste

Gehen Spieler des FC Bayern auch privat auf die Wiesn? Immer wieder gibt es exklusive Sichtungen. Aber es ist nicht mehr so wie früher, während der ersten Münchner Zeit von Claudio Pizarro, der in einem Jahr gleich zweimal disziplinarisch auffällig wurde – einmal stoppte ihn auf dem Nachhauseweg die Polizei. Der Peruaner war alkoholisiert, die Bild-Zeitung verpasste ihm den Namen „Don Promillo“. Für den offiziellen Besuch der Mannschaft war er dennoch fest eingeplant. Der damalige Trainer Felix Magath mit bittersüßer Ironie: „Ich denke, er empfängt uns im Bierzelt.“

Wofür Mannschaftsabende auf dem Oktoberfest gut sind: Teambuilding. Vor allem die trainingsfreien Montage werden von Eishockey- und nicht ganz so bekannten Fußballteams aus ganz Bayern genutzt, um nach München zu fahren. Der FC Augsburg bekam 2011 als sportlich noch schwacher Aufsteiger in einem Bierzelt reichlich Häme ab. „Absteiger, Absteiger“, rief das Volk, es kam zu Rangeleien. Dem FCA hat das Erlebnis nicht geschadet. Sechs Jahre später ist er noch immer Erstligist.

Heimspiele des FC Bayern während der Wiesn haben ein folkloristisches Rahmenprogramm; da spielt die Blasmusi auf, das Volk trägt Tracht. FC Bayern und Oktoberfest – zwei Attraktionen, die sich verbinden.

Andere Sportarten haben es schwer, wenn München voll ist von Feier-Biestern. Vitali Klitschko wollte 2007 dennoch seinen Comebackkampf gegen Samuel Peter in der Olympiahalle stattfinden lassen. Wortverspieltes Motto: „Oktoberfist.“ Eine Verletzung kam dazwischen; mit einem Jahr Verspätung wurde dann in Hamburg geboxt.

Dieses Jahr traut sich das Rugby nach München. Mit einem Zwölf-Nationen-Turnier in der olympischen Siebener-Variante und mit Rio-2016-Sieger Fidschi als Attraktion. Für 29./30. September (Freitag/Samstag) ist das Olympiastadion belegt. Der Name „Oktoberfest 7s“ zeigt die bewusste Anlehnung an die Wiesn und definiert das Zielpublikum. In Deutschland ist Rugby ein universitärer Nischensport, weltweit jedoch eine große Nummer. „Das größte Bierfest der Welt trifft die spektakulärste Sportart“, heißt es in der Werbung für die Rauferei ums Ei, die ja nicht ganz so weit entfernt ist von einem Oktoberfest-Szenario. Die „big hits“ und „fast runs“ möge man „mit einem Krug in der Hand genießen“.

Einen genussvollen Ausklang ihrer München-Reise wünschen sich auch die Meppener Fußballer nach dem Drittliga-Spiel kommenden Samstag in Unterhaching. „Um 23 Uhr“, sagt Co-Trainer Mario Neumann, „kommt der Bus, es geht nach Hause.“ Zehn Stunden durch die Nacht, erfüllt vielleicht von einem Sieg und sicher von bayerischem Bier. Womöglich a bisserl zu viel.

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