München – Laura Dahlmeier kann den Satz allmählich nicht mehr hören. Er scheint sie auf Schritt und Tritt zu verfolgen. Und lautet: „Laura, kannst du mal schnell – nur eine Minute!“ Es geht dann um Autogramme, um Selfies, um die kleinen Wünsche der Fans eben. „Das ist brutal, wie oft ich das höre“, erzählt sie beim Medientag in Ruhpolding. Es gehe immer nur um eine Minute. Doch in der Summe würden daraus leicht eine Stunde. „Und die geht einem dann ab.“ Derlei Begegnungen, so schätzt die 24-Jährige, hätten „um 500 Prozent“ zugenommen. Da bleibt der begehrten Biathletin nur eines übrig: „Man muss knallhart sein und sagen: Nein.“
Die sechs WM-Medaillen (fünfmal Gold, einmal Silber), die Dahlmeier im Februar in Hochfilzen errang, haben sie zum Superstar ihres Metiers gemacht. Und für eine Popularität gesorgt, die nicht so einfach zu handhaben ist. Bundestrainer Gerald Hönig weist hierbei auch auf das enorme Medieninteresse hin: „Alle rufen: Laura, Laura, Laura!“ Eine zwiespältige Situation. Dahlmeier meint: So gefragt zu sein, „ehrt mich – aber es macht es auch nicht leichter.“
Dabei sind ihre Kräfte ohnehin über die Maßen gefordert worden im vergangenen Winter. Bei der WM in Tirol erlitt sie zwei Schwächeanfälle. „Ich habe mich voll und ganz verausgabt“, sagt sie, „ich habe da vielleicht meinen Körper austricksen können, so dass er 110 Prozent gab.“ Die Folge: „Da fährt dann der Kreislauf ganz runter.“ Nach der WM musste die Oberbayerin noch einmal alle ihre Energien mobilisieren, um den Gesamtweltcup zu gewinnen. „Ich habe die ganze Saison durchgeballert bis zum letzten Wettkampf.“ Das alles sei nicht spurlos an ihr vorübergegangen: „Ich war kaputt und k.o.“
Das ist nun schon einige Monate her. Inzwischen befindet sich Dahlmeier („ich habe mich relativ schnell wieder gefangen“) mitten in den Vorbereitungen für die Olympischen Spiele, die im Februar in Pyeongchang stattfinden. Im Juni hat sie sogar noch Zeit gefunden, ihren obligatorischen Bergsteigerurlaub – diesmal in den peruanischen Anden – einzuschieben, bestieg mit einer Freundin einen Sechstausender und zwei Fünftausender. „Das war ein sehr gutes Training für den Grundlagen-Ausdauerbereich.“ Gut möglich, dass sie bei ihren Wanderungen auch an den Extremkletterer Ueli Steck gedacht hat. Der weltberühmte Alpinist, Dahlmeiers erklärtes Idol, ist am 30. April dieses Jahres im Himalaja tödlich abgestürzt. „Das hat die ganze Szene erschüttert. Ich konnte es erst gar nicht glauben. Das zeigt, wie vergänglich das Leben ist“, sagt die ambitionierte Hobby-Bergsteigerin. Ob man daraus Lehren ziehen könne? Dahlmeier: „Ich versuche schon immer, riskante Aktionen zu vermeiden.“
Als Biathletin wird Laura Dahlmeier in diesem Winter natürlich wieder ans Limit gehen. „Olympia ist das Großereignis, da möchte ich fit sein.“ Momentan schwächelt ihre Gesundheit zwar ein bisschen, den Start an den Deutschen Meisterschaften auf Rollerski in Ruhpolding hat sie vorsichtshalber abgesagt. Ihre Zwischenbilanz im Hinblick auf Olympia ist aber positiv: „Es läuft alles nach Plan. Ich bin sehr zufrieden.“
In die Saison geht die weltbeste Biathletin zwangsläufig als große Favoritin. Wobei Bundestrainer Hönig anmerkt: „Wir müssen damit rechnen, dass uns die fünf Goldmedaillen von Hochfilzen so bisschen einen Rucksack mitgeben.“ Einen Rucksack, den vor allem Dahlmeier tragen muss. Auch sie bekennt: „Es ist schon ein Ballast, weil das ganze Umfeld viel, viel mehr erwartet.“ Anderseits seien ihre Erfolge „eine Superbestätigung“ dafür, alles richtig gemacht zu haben: „Das beflügelt auch.“
Wobei es hilfreich sein kann, dass Laura Dahlmeier nicht der Typ ist, der sich unbescheidene Ziele setzt. Auf die Frage, mit welcher olympischen Medaillenausbeute sie als fünffache Weltmeisterin denn zufrieden wäre, sagt sie: „Eine Goldene.“