München – „Locker, locker“, sagt Markus Rehm, und ja, tatsächlich, er lacht. Aber vielleicht muss man sich nach einem jahrelangen und vor allem zähen Kampf auch einfach in Galgenhumor üben. Der dreimalige Paralympics-Sieger erzählt auf dem Podium im Audimax gerade von seiner üblichen Antwort auf die Frage, ob er mit seiner Prothese am rechten Bein irgendwann mal neun Meter weit springen könne. Eine aus dem Standardrepertoire jener Zeitgenossen, die sich nur oberflächlich mit seinem Fall beschäftigen.
An Freitag, auf dem von der Fakultät für Sport- und Gesundheitswissenschaften der TU München organisierten Hochschultag der Deutschen Vereinigung für Sportwissenschaft, sind von ihnen kaum welche zugegen. Die Zuhörer kennen die Causa Rehm, sie sind menschlich, aber vor allem fachlich interessiert. „Innovation und Technologie im Sport“ ist das Thema des Kongresses, und die Diskussion um die Inklusion von technologisch unterstützen Behindertensportlern in die Wettkämpfe gesunder Leichtathleten zurecht ein Thema. Für Rehm war es eine Herzensangelegenheit, dabei zu sein. Und man merkt ihm an, dass er nicht müde wird, Gerechtigkeit einzufordern.
Tatsächlich ist es etwas leiser geworden um Rehm, seitdem ihm der Start bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro vor rund einem Jahr verwehrt worden ist. Das liegt aber vor allem daran, dass er den Ton in der von ihm angestoßenen Diskussion bewusst entschärft hat. „Ich möchte keinen Vorteil haben, ich wollte nie unfair sein“, sagt er heute. Trotzdem hält er fest an seiner Mission, „zu beweisen, was mit Handicap möglich ist. Zu zeigen, dass ein Schicksalsschlag nicht das Ende ist.“
Genau acht Meter weit ist der 29-Jährige bei der Para-WM in London vor zwei Monaten gesprungen; 40 Zentimeter kürzer als bei den Paralympics in London, trotzdem mit großem Abstand am weitesten. Auch bei den Deutschen Meisterschaften gelang ihm im Frühsommer der größte Satz (8,19 m). Der deutsche Verband erlaubt – anders als der kontinentale und weltweite – den Start von Behindertensportlern außer Konkurrenz. Als Rehm zum Sieg gratuliert wurde, sagte er: „Sieg? Ich bin Tagesbester. Mehr nicht.“
Rehm muss nicht im Mittelpunkt stehen, die Rolle als geduldeter Mitstreiter reicht ihm. Er sagt: „Ohne Klarheit muss getrennt gestartet werden“ – und Klarheit gibt es nach wie vor nicht. Eine Studie, die unter an der Sporthochschule Köln durchgeführt wurde, konnte weder eindeutig Vor- noch Nachteile beweisen. Professor Wolfgang Potthast spricht von „zwei unterschiedlichen Bewegungsarten“. Zehn bis 15 Zentimeter gewinnt Rehm beim Absprung, dafür hat er im Anlauf Nachteile.
All das ist nicht neu – und wurde auch schon beim Weltverband IAAF vorgetragen. Seit dem ersten Treffen der Arbeitsgruppe vor mehr als einem Jahr herrscht aber Stillstand. Friedhelm Julius Beucher erzürnt das, er sagt: „Kommunikation ist immer schwierig, wenn sie einseitig ist. Die Nebelkerze der AG steckt immer noch im Nebel von Monaco.“ Der Präsident des Deutschen Behindertensportverbandes ist aber nicht überrascht über das Vorgehen. „Man lässt bewusst Zeit verstreichen“, sagt er, denn „die wollen keine Teilnahme.“
Rehm hofft auf die EM in Berlin im kommenden Jahr, er kämpft aber weiter mit seinen Mitteln. Vor ein Gericht werde er nie ziehen, sagt er, „das ist nichts für mich“. Er fügt hinzu: „Trotzdem bin ich zäh.“ Bei dieser Aussage lacht er nicht. hanna raif