„Ich sehe das Risiko nicht mehr ein“

von Redaktion

Fabian Hambüchen über die Turn-WM, waghalsige Russen, die neue deutsche Generation und Dampf vom Kessel

München – Beim letzten Großereignis holte er Gold – heuer ist er bei der WM nur noch Zuschauer. Wenn die Titelkämpfe am 2. Oktober in Montreal beginnen, wird Fabian Hambüchen von zuhause aus verfolgen, wie sich die deutsche Riege ohne ihn schlägt. Der 29-Jährige bereitet sich daheim auf seine Auftritte in der Bundesliga vor.

-Herr Hambüchen, mit Blick auf die WM – wie sehr juckt es Sie, mitzuturnen?

Eigentlich gerade wenig. Ich war zwei Wochen in den USA im Urlaub, bin gut in Form und habe einfach Spaß am Turnen. Ich verspüre aber nicht diesen Druck, diesen Heißhunger, wieder mitmachen zu müssen. Ich bin ehrlich gesagt sogar froh, dass ich den Druck nicht mehr so habe – auch wenn ich sehe: Ich kann immer noch mithalten.

-Wie bewerten Sie die deutschen WM-Chancen?

Es wird sehr schwierig mit einer Medaille. Es ist eine Einzel-WM, das bedeutet, dass die Top-Spezialisten an jedem einzelnen Gerät antreten. Wir haben zwei Final-Chancen: Andreas Bretschneider und Marcel Nguyen, Reck und Barren. Wenn Andreas alles reinpackt, kann es mit einer Medaille klappen. Es ist mittlerweile so eine immense Leistungsdichte, das hat man schon bei Olympia in Rio gesehen, der Wettkampf wird immer härter. Andererseits ist es auch immer so: Wenn man im Finale steht, kann man es auch gewinnen.

-Wie schwer ist es, junge deutsche Talente heranzuführen?

Leider haben sich schon zwei dieses Jahr verletzt. Lukas Dauser wäre vor seinem Kreuzbandriss sicher ein Medaillen-Kandidat am Barren gewesen. Jetzt hat es Nick Klessing erwischt, der mit seinen 19 Jahren bei der WM seine Erfahrungen hätte sammeln können. So richtig interessant wird es mit der Heim-WM in Stuttgart 2019, bei der es dann ja auch wieder um die Qualifikation für die Olympischen Spiele geht. Die zwei Jahre bis zu dieser WM sind als Aufbauphase ungemein wichtig. Es ist schwierig, weil sich der Turnsport gerade weltweit enorm entwickelt.

-Sie haben Bretschneiders Chancen jetzt bereits genau skizziert – aber wie sehen Sie Ihren alten Weggefährten Nguyen?

Ich habe einen riesigen Respekt vor Marcel, dass er alles auf diesem hohen Niveau weiter durchzieht. Barren ist leider mit das schwierigste Gerät, um heutzutage eine Medaille zu holen. Wenn er ins Finale kommt, wäre das bereits ein Riesenerfolg, und das traue ich ihm auch ohne Frage zu. Eine Medaille wird jedoch sauschwer.

-Sie begleiten den Unterhachinger Lukas Dauser in der Reha – wann ist wieder mit ihm zu rechnen?

Er ist heiß ohne Ende und gibt alles. Ich bin immer für ihn da, wir sind seit fünf Jahren gute Freunde. Er kommt wieder zurück, auf jeden Fall. Sein Comeback hat er für nächstes Jahr angepeilt, bei der Heim-WM 2019 wird man ihn in voller Stärke wiedersehen. Da bin ich sicher.

-Wie geht es mit Ihnen selber weiter?

Ich werde bei den nächsten beiden Olympischen Spielen 2018 und 2020 für Eurosport arbeiten. 2020 dann logischerweise fürs Turnen, 2018 ganz allgemein mit Interviews und Berichten aus dem Deutschen Haus. Ich werde vier Wochen in Korea sein. Wenn ich mein Studium abgeschlossen habe, würde ich gerne auch mal eine Weile als Trainer ins Ausland gehen. Ich habe da jetzt schon in den USA erste Kontakte geknüpft. Es sind viele Projekte, die ich gerade anschiebe. Bis nach den Spielen 2020 möchte ich einiges austesten. Eine Aufgabe beim Verband ist auch nie ausgeschlossen. Wir werden uns jetzt bald mal zusammensetzen mit Blick auf die WM 2019, wie ich mich da einbringen kann.

-Und dass Sie selber noch einmal bei der WM turnen, schließen Sie aus?

Ich schaue von Jahr zu Jahr. Ich beschränke mich aktuell auf drei Geräte. WM 2019 – sehe ich jetzt gerade überhaupt nicht. Wenn ich diese neue Generation anschaue, beispielsweise aus Russland, in welcher Geschwindigkeit die sich nach oben katapultieren, mit welchem Risiko, wie waghalsig. Wenn du da mithalten willst, musst du das gleiche Risiko gehen, und das sehe ich teilweise nicht mehr ein. Ich möchte in der Bundesliga Spaß haben und turnen, solange es die Gesundheit zulässt.

-Wie sehen Sie generell die Zukunft im deutschen Turnen?

Es könnte mehr drin sein, es geht immer mehr. Wir haben ein paar gute Junge, die müssen richtig Stoff geben. Ich habe ab und zu das Gefühl, dass das eine neue Generation ist, die sich nicht mehr so quält wie wir früher. Wenn ich überlege, wie heiß ich war, wie ich gearbeitet habe, wie ich alles dem Turnen untergeordnet habe – diese Bereitschaft bei der heutigen Jugend zu finden, ist schwer. Die Konstellation Sportler/Eltern/Trainer muss auch immer passen. Aber wenn die Jungen ranklotzen, sieht die Zukunft gut aus.

-Im letzten Jahr wurden Sie mit Ehrungen überhäuft, heuer war es ruhiger um Sie – eine bewusste Entscheidung?

Ja. Ich habe bewusst Dampf aus dem Kessel gelassen, obwohl die Anfragen nie weniger wurden. Nach der Schulter-OP stand alles im Zeichen der Reha, und ich musste mal raus aus den ganzen Fernseh-Shows. Im Herbst bringe ich ein neues Buch raus, ab dann werde ich wieder präsenter werden. Ich wollte die Leute ja auch nicht langweilen, es gab keine Neuigkeiten von mir zuletzt.

-Um was geht es in dem Buch?

Der Titel heißt „Den Ansprung wagen“. Das ist zweideutig, weil es natürlich im Turnen immer um einen sauberen Absprung geht, wir aber auch den Sprung vom Spitzensport in das Leben danach thematisieren. In diesem Buch stehen die mentalen Aspekte im Vordergrund, es soll ein Ratgeber für junge Sportler und ihre Eltern sein. Aber auch jeder andere kann für sich etwas daraus mitnehmen. In meinem ersten Buch konnte ich noch nicht so viel verraten, weil ich nicht wollte, dass meine Konkurrenten davon profitieren.

-Sie sind auch als Botschafter für die Laureus-Stiftung aktiv – welche Ziele sind Ihnen da wichtig?

Die Leute verbinden Laureus immer mit den Awards, aber da steckt viel mehr dahinter. Über den Sport kannst du so viele Kinder erreichen. Als Sportler und Botschafter ist es mir ein Bedürfnis, Kindern und Jugendlichen, die im Leben nicht auf der Sonnenseite stehen, zu helfen und ihnen über soziale Sportprojekte Halt zu geben und Perspektiven für ihre Zukunft zu ermöglichen. Genau das macht Laureus Sport for Good.

Interview: Andreas Werner und Hanna Raif

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