München – Der Mann wusste, was sich gehört. Fescher roter Janker zur Trachtenhose, auf dem Kopf einen Gamsbarthut – ist ja Wiesnzeit, da geht man standesgemäß ins Stadion. Die Bilderbuchbayer-Ausstattung kaschierte die Bochumer Herkunft bestens. Hermann Gerland machte mords was her. Seit er nicht mehr als Co-Trainer unten auf der Bank sitzt, kann man den „Tiger“ stets ganz gut auf seinem Beobachterplatz beobachten. Gestern wippte der Gamsbarthut immer wieder heftig, mal, weil sein Träger zustimmend nickte, mal, weil er den Kopf schüttelte. Zur Wiesnzeit sind die Münchner nahezu unbesiegbar; 14 der letzten 15 Heimspiele gewannen sie, bei einem Remis. Die Siegesliste wurde nicht fortgesetzt; beim schwachen 2:2 gegen den VfL Wolfsburg ließen die Bayern ihren jüngsten Aufwärtstrend wieder abreißen. Standesgemäß und fesch war allein der „Tiger“. Zum Abschied gab es Pfiffe.
Es war eigentlich eine gute Fügung, dass die Niedersachsen an diesem Abend vorstellig wurden – exakt an diesem Tag vor zwei Jahren hatte Robert Lewandowski an gleicher Stelle gegen den gleichen Gegner die Kleinigkeit von fünf Toren binnen neun Minuten erzielt. Als die Wolfsburger im letzten Dezember zu Gast waren, gelangen dem Polen beim 5:0 zwei Treffer. Der VfL kommt ihm immer Recht, auch diesmal ging das 1:0 fast schon logischerweise auf das Konto des Torjägers. Einen an ihm verschuldeten Elfmeter setzte er nach 33 Minuten trocken ins rechte Toreck. Da wippte der Gamsbarthut oben auf der Tribüne mal besonders freudig.
Die Bayern kombinierten nach der Führung recht gemütlich durch die Wolfsburger Reihen, doch vor dem Tor gab es so wenig Raum wie an einem Samstag in einem Bierzelt auf dem Oktoberfest. Das 2:0 resultierte aus einer Kombination von Glück und Geschick. Arjen Robben schoss, Rafinha fälschte ab. In die Pause verabschiedete man sich mit dem Gedanken, dass die Partie den üblichen Verlauf nehmen würde, wenn Wolfsburg zu Gast ist. Tatsächlich aber kam es nach dem Seitenwechsel zu einer unerwarteten Wendung.
Sven Ulreich hatte in der ersten Halbzeit eine Ballkontaktquote, die an einer Hand abzuzählen war. In der 56. Minute aber ließ er einen Freistoß von Maximilian Arnold aus 30 Metern tölpelhaft passieren. Der Vertreter von Manuel Neuer riss die Arme hoch, die Kugel flog dennoch ungebremst in seine Maschen. Ulreich sah aus, als habe er auf der Wiesn eine Fahrt zu viel im Voodoo-Jumper gemacht. Gar nicht gut. Übel.
In der Folge verpasste Robben bei einem Konter, die Angelegenheit wieder im Sinne der Münchner zu regeln, sein Flachschuss verfehlte den Kasten aber knapp. Generell wirkte das Spiel des Meisters einmal mehr ziemlich ideenlos, und die Wolfsburger erhielten viel zu oft die Chance, sich zu befreien. Mit Blick auf die am Mittwoch in Paris anstehende Partie gegen Neymar und Kollegen dürften sich die Sorgenfalten der Bosse mal wieder vertieft haben. Zu allem Überfluss werden bis zum Anpfiff gegen PSG auch die Bilder von Ulreich ihren Weg nach Frankreich gefunden haben; die Kunde, dass die Bayern zwischen den Pfosten ein Sicherheitsrisiko haben, hören Paris’ Präzisionsschützen nur zu gerne.
Schon gegen Wolfsburg entglitt dem Meister die Partie gründlich. In der 83. Minute besorgte Daniel Didavi das 2:2. Die Quittung für eine schwache Leistung der Platzherren. Womöglich wird den Bayern am Mittwoch eingeschenkt – fern der Wiesn. Hermann Gerland sitzt dann vor dem Fernseher. Vermutlich ohne Gamsbarthut.