München – Als Daniel Bierofka vor drei Monaten das Amt des Cheftrainers übernahm, konnte man durchaus den Eindruck gewinnen, es handle sich um ein Himmelfahrtskommando. Nach dem Jahrhundert-Abstieg schien der TSV 1860 in Trümmern zu liegen. Die ganze Mannschaft war weg, ebenso der Präsident, der Geschäftsführer, der´bisherige Coach. Die Insolvenz drohte. Inzwischen haben die Löwen in der Regionalliga ihr neues kleines Glück gefunden. Die Mannschaft ist Tabellenführer, die Krisenstimmung verflogen, das Grünwalder Stadion stets ausverkauft. Vor dem Gastspiel beim Tabellenletzten FC Unterföhring unterhielt sich unsere Zeitung mit Chefcoach Bierofka – also mit dem Mann, der großen Anteil hat am nicht unbedingt zu erwartenden Aufwärtstrend.
-Daniel Bierofka, Ihre Mannschaft steht nach elf Spieltagen souverän auf Platz eins. Eine Zwischenbilanz, die doch ziemlich beruhigend sein dürfte. Trotzdem erlebt man Sie hier bei 1860 meistens total unter Strom. Wie stressig ist der Cheftrainer-Posten bei den Löwen?
Das war bei der U 21 nicht anders. Es ist einfach in mir drin und sieht manchmal vielleicht wilder aus als es ist. Ich leide eben mit meiner Mannschaft und freu mich mit ihr. Ab und zu kommt da der Spieler in mir durch, ich bin ja erst seit drei Jahren raus. Mir hat’s noch nie einer meiner Spieler übel genommen, im Gegenteil: Sie wissen, dass ich ihnen helfen will. Mir ist schon eine gewisse Harmonie wichtig, aber auf dem Platz will ich hundert Prozent sehen, egal ob im Training oder im Spiel.
-Durch die Erfolgsserie ist ja ein Riesenrummel um Sechzig entstanden, und die Verkörperung für die erfolgreichen Löwen sind Sie. Daniel Bierofka steht für Sechzig. Ist das eine Belastung?
Ich überleg da gar nicht lange, weil ich weiß, wie schnelllebig das Geschäft ist. Wenn du gewinnst, ist alles gut und bei zwei Unentschieden wird schon alles in Frage gestellt. Ich habe Leute um mich rum, meinen Trainerstab, meine Familie, die mir ein Feedback geben, auf das ich mich verlassen kann.
-Diese Konzentration auf Ihre Person ist ja auch einem Mangel an Alternativen geschuldet. Außer ihnen ist niemand regelmäßig in den Medien präsent.
Das war von Beginn an so. Als ich angefangen hab’ im Juni, war kein Mensch mehr da. Wenn Wolfgang Schellenberg und ich nicht so schnell reagiert hätten, dann weiß ich nicht, ob wir jetzt so dastehen würden.
-Ist die Installation eines Sportdirektors nicht überfällig?
Ich habe mit Geschäftsführer Markus Fauser darüber gesprochen, dieses Jahr wird da nichts mehr passieren. Die große Transferperiode haben wir jetzt hinter uns, von daher passt es im Moment.
„Die Jungs schmeißen ihr Herz auf den Rasen.“
-Der Verein lag vor drei Monaten noch in Trümmern, jetzt herrscht in Giesing und Umgebung eine überwiegend fast schon euphorische Stimmung. Wie war das möglich?
Die Ergebnisse waren wichtig, aber auch die Art und Weise, wie die Mannschaft gespielt hat. Im Unterschied zur letzten Saison sind die Leidenschaft und Identifikation wieder da, die Jungs schmeißen ihr Herz auf den Rasen, das honorieren die Zuschauer. Ich habe bis jetzt noch keinen einzigen Pfiff gegen uns gehört. Dass die Fans so hinter der Mannschaft stehen, das habe ich schon lange nicht mehr erlebt bei Sechzig.
-Es gibt auch Stimmen, die das Ganze als Selbstläufer betrachten. Da reagieren Sie allergisch…
Ja, weil ich die Liga kenne. Man sieht’s jetzt an Schweinfurt, die ein paar Mal Unentschieden gespielt haben. Oder unser Spiel in Seligenporten. Da hatten wir viel mehr Chancen und spielen 0:0. Was uns im Moment ein bisschen abhebt von den anderen Mannschaften, ist die Stabilität in der Defensive. Und vorne haben wir die Qualität, immer ein Tor schießen zu können.
-Fünf Punkte Vorsprung nach elf Spieltagen waren nicht zu erwarten.
In der Form nicht, das stimmt. Aber Selbstzufriedenheit wäre der Anfang vom Ende. Fünf Punkte, das ist einmal verlieren und einmal Unentschieden
-Sie müssen sich langsam vorkommen wie Matthias Sammer einst beim FC Bayern. Immer mahnend den Finger in die Wunde…
(grinst) Jaja, aber ich mach’s ja gern. Wer mich als Spieler kennt, der weiß, dass ich auch da immer selbstkritisch war und nie in Gefahr abzuheben. Natürlich lobe ich meine Spieler und sage ihnen, was gut war. Aber ich zeige ihnen auch gnadenlos auf, was schlecht war, egal ob wir gewinnen oder verlieren.
-Eine der positiven Überraschungen bisher war Timo Gebhart. Er galt für viele ja schon als gescheitertes Talent. Wie haben Sie ihn hinbekommen?
Ich kenne Timo ja schon lange. Als ich mit 27 aus Stuttgart zurück zu Sechzig gekommen bin, ist er gerade von der U 19 hochgekommen. Damals drehte sich alles um die Benders, aber nach dem ersten Training bin ich zu unserem Zeugwart Wolfi Fendt gegangen und hab gefragt: Was ist denn das für einer? Der ist ja überragend! Und dann hat sich mit der Zeit so eine Beziehung entwickelt, weil ich mich als erfahrener Profi auch besonders um die jungen Spieler gekümmert habe. Diese Verbindung hat bis heute gehalten, wir wissen, was wir aneinander haben. Wenn ich ihm ab und zu eine drüberknalle, dann weiß er, wie er das zu nehmen hat. Beim Timo gehört das dazu, weil er halt manchmal ein bisserl ein Luftikus ist. Er weiß ganz genau, dass ich nur das Beste für ihn will. Und wenn ich sehe, was er für ein Potenzial hat, dann ist das jeden Tag ein brutaler Ansporn für mich, das Maximale aus ihm herauszuholen.
-Wie ist sein Stand in der Reha?
Er fährt Rad und ist schon relativ weit. Der eine oder andere Einsatz ist vielleicht vor der Winterpause noch möglich, aber wir werden auf keinen Fall ein Risiko eingehen.
-Überrascht es Sie, dass die Mannschaft Gebharts Ausfall bislang so gut weggesteckt hat?
Timo gehört zu den Spielertypen, die ein Spiel entscheiden können, keine Frage, aber ich habe auch gelernt, dass eine Mannschaft in solchen Situationen zusammenrücken kann und eine Jetzt-erst-recht-Mentalität entwickelt. Ugur Türk, Nico Andermatt, Aaron Berzel, Nico Karger, Markus Ziereis – man sieht, dass die Mannschaft beweisen will, dass unser Erfolg nicht nur von Timo abhängt.
„Mich kann eigentlich nichts mehr schocken.“
-Sie erwähnten kürzlich, sich sportlich an Trainern wie Julian Nagelsmann oder Domenico Tedesco zu orientieren. Gilt das auch in Sachen Karriereplan? Bei Ihnen hat man den Eindruck, Sie seien mit Sechzig verheiratet.
(lacht) Ach, meinen Karriereplan hab ich längst über den Haufen geschmissen. Manchmal denk ich, dass ich schon seit 13 Jahren Trainer bin, nicht erst seit drei. Zweimal Interimstrainer in der Zweiten Liga, mit der jüngsten U 21 der Regionalliga Zweiter geworden, jetzt Cheftrainer der ersten Mannschaft. Das hat mich als Mensch schon extrem geprägt. Im heutigen Fußball kann man sowieso nicht sagen, ich bleibe mein Leben lang im selben Verein. Schauen wir mal, was die Zukunft bringt. Die drei Jahre waren jedenfalls wie ein Turbo. Wenn du einen Traditionsverein vor dem Abstieg in die Dritte Liga retten musst oder jetzt nach einem Totalabsturz den Neuaufbau angehst, dann kann dich eigentlich nichts mehr schocken. Ich bin ruhiger geworden, auch wenn’s manchmal nicht so ausschaut.
„Es ist nicht so, dass wir hier im Geld schwimmen.“
-Wenn es um die längerfristigen Ziele des Vereins geht, hört man von offizieller Seite öfter den Begriff „Projekt 1860“. Was bedeutet es genau?
Ich hasse dieses Wort Projekt. Das hat für mich etwas ganz Kaltes und passt nicht dazu, wie ich Sechzig sehe. Für mich ist dieser Verein pure Leidenschaft. Man braucht natürlich gewisse Orientierungspunkte, aber Fußball ist unheimlich schwer planbar. Für mich ist wichtig, mit Charakter zu spielen, damit erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass wir wieder nach oben kommen.
-An der Leidenschaft gibt es keinen Zweifel. Wann wird es Zeit, die nächsten Ziele zu formulieren?
Wenn wir gegen Ende der Saison ganz weit oben stehen. Dann können wir sagen, dass wir jetzt Platz eins angreifen oder verteidigen wollen. Aber wir sind jetzt am 11. Spieltag von 38, von daher …
-Mit Schweinfurt, Bayern, Augsburg und Bayreuth stehen in den kommenden Wochen vier Spitzenspiele gegen direkte Konkurrenten an. Wie ist 1860 gerüstet?
Blöd ist natürlich, dass uns Timo Gebhart und Felix Weber in dieser Phase fehlen, aber unser Kader ist stark genug, um das aufzufangen. Ich mach da auch keinen Unterschied zwischen den Gegnern. Für mich ist Unterföhring genauso wichtig wie Schweinfurt. Gegen die direkten Konkurrenten wird es auch Unentschieden geben, vielleicht verlierst du auch mal. Aber entscheidend wird sein, dass du gegen die Gegner in den unteren Tabellenregionen keine Punkte lässt.
-Ihr Ziel bis zur Winterpause?
Jedes Spiel zu gewinnen. Dass es wahrscheinlich nicht passieren wird, ist klar, aber mit diesem Ziel gehen wir in jede Partie.
-Haben Sie keine Angst, dass die Mannschaft auseinanderfällt, sollte der Aufstieg nicht gelingen?
Nein, wir haben viele Verträge, die über zwei Jahre gehen oder über drei, da mache ich mir keine Sorgen. Das Gros der Mannschaft würde stehen.
„Ich vertraue Markus Fauser zu tausend Prozent.“
-Der Etat würde schrumpfen nach allem, was man hört.
Der Etat ist jetzt schon nicht hoch. Die Spieler aus der U 21 verdienen 1600 Euro brutto, vereinzelt bekommen manche Spieler natürlich mehr. Aber diese Mär, dass wir einen größeren Etat hätten als Schweinfurt, die muss man mal streichen. Wir haben Lino Tempelmann (nach Freiburg) und Kilian Jakob (Augsburg) aus wirtschaftlichen Gründen abgegeben, weil wir nächstes Jahr keine Ablöse mehr bekommen hätten. Es ist nicht so, dass wir hier im Geld schwimmen.
-Gutes Stichwort. Werden Sie bei Ihrem Winterurlaub in Dubai auch mal rüberschauen zu Investor Hasan Ismaik?
(lacht) Nach Abu Dhabi sind schon ein paar Kilometer.
-Beunruhigt es Sie, dass man so gar nichts mehr von Ismaik und den Gesellschaftern hört?
Nein, ich interpretiere das so, dass der Investor zufrieden damit ist, was wir sportlich machen. Herr Fauser ist mit seinen Beratern im regelmäßigen Austausch. Und falls wir zu einem gewissen Zeitpunkt immer noch oben stehen sollten, dann müssen wir eh die Drittliga-Lizenz beantragen. Ich gehe jeden Tag davon aus, dass da hart gearbeitet wird. Ich vertraue Herrn Fauser zu tausend Prozent und glaube, dass alle das Beste für 1860 wollen.
Das Interview führte Armin Gibis