Kolumne

Kirche im Dorf lassen!

von Redaktion

Es macht ja gerade nicht allzu viel Spaß, Nachrichten zu hören. Nordkorea bringt den Weltfrieden in Gefahr, Trump droht mit der „totalen Vernichtung“ des Landes und ignoriert, unbeeindruckt von Hurrikans und Tornados, den Klimawandel, überall Angst vor Terror, in Mexiko bebt die Erde, Erdogan wütet weiter und morgen werden Leute ins Parlament gewählt, die längst überwunden geglaubtes Gedankengut ins Berliner Reichstagsgebäude zurückbringen. Eine zerrissene Welt.

Und nun der nächste Schlag, „Bayern-Schock“ lesen wir in fetten, blutroten Lettern auf der Titelseite der Bild, all die Katastrophen und Kriegsängste rücken in den Hintergrund. Horror pur: Wir bangen um Neuer, Manuel Neuer. Die nächste Operation im Fuß, der weltbeste Keeper wird seinem Verein fehlen, mindestens bis Jahresende. Damit dürfte der FC Bayern wohl nur mit einem Torverhältnis von 44:11 statt 45:8 als souveräner Herbstmeister in die Winterpause gehen, ach ist das bitter. Und, wenn es ganz übel kommt, nur als Gruppenzweiter in die K.o.-Phase der Champions League einziehen. Tags darauf legt Bild mit der Schlagzeile nach: „So schlimm steht es wirklich um Neuer“. Und verspricht, uns die OP zu „erklären“.

Das hilft bestimmt. Und der Bild auch. Weil sie wieder mal zeigen kann, wie dicht sie dran ist an Neuers Krankenbett, sicherlich stand mindestens ein Reporter am OP-Tisch. Das lässt sich super verkaufen, also alles ein bisschen aufbauschen, noch dramatischer machen als es ist. Nun erwarten wir sorgenvoll das tägliche Neuer-Bulletin, wir werden Fotos von ihm sehen, auf dem Weg aus der Klinik, gelangweilt daheim auf der Terrasse, dann bei der Reha, möglichst unscharf, der Leser soll schon wissen, dass es für den Fotografen nicht einfach ist, unsere Sensationslust zu stillen.

Natürlich ist es schade, wenn ein Neuer wieder einige Monate ausfällt, aber ist das nicht das ganz normale Berufsrisiko eines Fußballprofis? Müssen wir ihn, müssen wir den armen FC Bayern nun Tag für Tag bedauern? Neuer selbst wird uns Recht geben, es gibt Schlimmeres, viel Schlimmeres auf dieser aus den Fugen geratenen Welt, die nicht mal mehr die Bild so recht kitten kann.

Das Geschäft ist aber auch hart geworden, seit Exklusivität als Verkaufsargument nicht mehr zieht, weil ja alles vorher durchdringt dank der Geschwätzigkeit auf Twitter, Instagram und Facebook. Von praktisch jedem Fußballstar wissen wir inzwischen alles, von Mitchell Weiser sogar, welche Unterhosen er gerne trägt. Die Frage ist halt, müssen und wollen wir das alles wissen? Was ist so spannend am Leben dieser Leute, dass Meldungen über sie alles andere verdrängen? Kommen die Medien damit nur unseren Bedürfnissen nach oder wecken sie diese erst in uns?

Wir leben in einer Zeit, in der man ziemlich trübsinnig werden könnte. Dagegen hilft dann schon mal, unsere ganz banale Sensationsgier zu befriedigen. Oder den Radiosender zu hören, in dem, egal was draußen passiert, so sehr auf gute Laune gemacht wird, bis es einem dann mal mächtig auf die Nerven geht.

Lenkt zumindest ab und fürs Gewissen ist es schon ein wenig angenehmer, sich mit dem harten Schicksal völlig überbezahlter Kicker zu beschäftigen als mit dem von Flüchtlingen, man fühlt sich halt besser, wenn man einen Neuer bedauern muss, nicht ein Kind, das in unserem wohlhabenden Land unterhalb der Armutsgrenze aufwächst.

Wir sollten schon die Kirche im Dorf lassen. Fußball, heißt es, ist die schönste Nebensache der Welt. Zu schön wäre, er würde das einfach nur bleiben.

Zwischentöne

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