New York – Mordvorwurf gegen den Kreml, Abrechnung mit IOC und WADA: Der russische Doping-Kronzeuge Grigorij Rodtschenkow hat sich mit einem Rundumschlag an die Öffentlichkeit gewandt. In einem Gastbeitrag für die „New York Times“ bekannte der ehemalige Leiter des Moskauer Anti-Doping-Zentrums und Kopf des russischen Doping-Programms, dass er an Sinn und Zweck seiner spektakulären Beichte zweifle.
„Die Erwartung, die ich einmal hatte, dass es eine sinnvolle Reform geben könnte, beginnt zu verblassen“, schrieb Rodtschenkow, der 2015 in die USA geflüchtet war und dort nach seiner Aussage unter Zeugenschutz steht. Alles deute darauf hin, dass die WADA versuche, „einen Weg zu finden, vor den Ergebnissen davonzulaufen, die ihr eigener unabhängiger Experte ermittelt hat“, schrieb Rodtschenkow mit Blick auf die von Richard McLaren vorgelegten Beweise.
Die beiden Berichte des kanadischen Rechtsprofessors, die erwiesen haben, dass mehr als 1000 russische Athleten von dem staatlich orchestrierten Dopingsystem profitiert haben, fußen zu weiten Teilen auf den Aussagen Rodtschenkows. Er verwies darauf, dass die WADA zuletzt von den ersten 96 untersuchten russischen Fällen 95 aus Mangel an Beweisen eingestellt habe, betonte aber: „Niemand von der WADA oder den Verbänden hat jemals versucht, mich zu befragen, obwohl ich verfügbar und bereit für eine Aussage war.“ Von den beiden Kommissionen des IOC, die die russischen Dopingsünden derzeit untersuchen, habe sich bislang erst eine bei ihm gemeldet, und dies auch erst vor zwei Wochen: „Russland wird ermutigt, wenn es nicht zur Rechenschaft gezogen wird, und wir alle kennen die Konsequenzen.“.
Er warf dem russischen Vize-Premier Witali Mutko, der während des Skandals um die Winterspiele in Sotschi Sportminister war, erneut Mitwisserschaft vor. Mithilfe des Geheimdienstes FSB waren damals russische Dopingproben ausgetauscht und manipuliert worden.
„Wer glaubt, dass ich das alles ohne das Wissen und die Unterstützung des Sportministers tun konnte, weiß nichts über Russland“, so Rodtschenkow: „Lassen Sie mich deutlich sein: Herr Mutko wusste vom russischen Doping-Programm und war entscheidend für dessen Erfolg.“
Er entschuldigte sich dafür, Russland beim Betrügen geholfen zu haben, verwies aber darauf, wie schwierig es sei, im Angesicht drohender schwerer Konsequenzen die Wahrheit zu sagen. In diesem Zusammenhang erinnerte er an den Fall des ehemaligen Vorsitzenden der russischen Anti-Doping-Agentur RUSADA, Nikita Kamajew, der im Februar 2016 im Alter von nur 52 Jahren starb, angeblich an einem Herzinfarkt.
Kamajew habe es „auf die harte Tour“ erfahren müssen: „Ein gesunder Mann in der Blüte seines Lebens hat eine verhängnisvolle ,Herzattacke’ – Russlands bevorzugter Weg, Feinde zu beseitigen –, nachdem der Kreml erfahren hatte, dass er ein Buch über das Doping-Programm schrieb.“ Zwei Tage vor seiner Flucht habe ihn ein Freund aus der Regierung gewarnt, dass „Russland meinen ,Selbstmord’ plane. Da sagte ich mir, dass meine Familie sicherer wäre, wenn ich weg bin. Und wenn ich schon sterben müsste, wollte ich der Welt wenigstens die Wahrheit sagen.“
Rodtschenkow forderte das IOC auf, russische Athleten bei den Winterspielen in Pyeongchang als „Strafe für die Verstöße Russlands“ nur unter neutraler Flagge starten zu lassen. Er hoffe, dass IOC und WADA „Russlands Missetaten“ nicht „unter den Teppich kehren“ werden: „Die Welt – und viele Tausend saubere Athleten – werden es verfolgen.“