München – Die Übungen, die Lukas Dauser derzeit Tag für Tag absolviert, sehen anders aus als jene seiner Kollegen in Kienbaum. Zwei Tippelschritte, Hopser auf ein Bein, zwei weitere Tippelschritte, Hopser auf das andere Bein. Eine stupide Bewegungsabfolge in Dauerschleife, vorwärts und rückwärts. Und trotzdem macht dieses Minimum an sportlicher Betätigung den Unterhachinger schon so glücklich wie die anderen DTB-Turner eine gelungene Wettkampf-Übung.
Während sich die deutsche Riege am Stützpunkt nahe Berlin auf die Einzel-WM vorbereitet, die Anfang Oktober in Montreal stattfindet, ist der eigentliche Hoffnungsträger Dauser voll eingespannt in sein Reha-Programm. Aktuell pendelt er zwischen Berlin und seiner Heimat Unterhaching hin und her, zur Wiesn-Zeit hat sich ein kleiner Abstecher auf das Oktoberfest angeboten – natürlich mit geschientem Knie. Abwechslung tut dem Deutschen Mehrkampfmeister nach seiner Kreuzband-Operation vor drei Monaten gut, denn er gibt zu, dass die Zeit, die hinter ihm liegt, schwer an ihm genagt hat. „Am schlimmsten“, sagt der 24-Jährige, „war es für meinen Kopf.“
Bewegungsmangel tut keinem Menschen gut – einen aber, „der es gewohnt ist, jeden Tag Gas zu geben“, macht er richtig fertig. „Du fühlst dich gefangen“, sagt Dauser über die Wochen, die er sich kaum vom Sofa bewegen konnte, weil ihm „bei jedem Aufstehen Blut ins Knie geschossen“ sei. Knapp acht Wochen musste er überstehen, weil die Verletzung, die er sich beim Deutschen Turnfest im Juni zugezogen hatte, eine sehr komplizierte Operation erfordert hatte. Anders als etwa bei Andreas Toba, der sich bei den Olympischen Spielen in Rio das Kreuzband riss, war bei Dauser der Außenminiskus in Mitleidenschaft gezogen, „er war in Trümmern“. Geschichten wie die seines Teamkollegen, der in Montreal vor seinem Comeback steht, machen Dauser dennoch Mut: „Er ist ein echter Kämpfertyp.“ Nach dem Unglück in Berlin war Toba der Erste, der sich meldete und Unterstützung anbot.
Dauser, Vize-Europameister am Barren, muss sich in Geduld üben, obwohl es schon kribbelt, wenn er die Turnhalle betritt. Neben Aquajogging, Physiotherapie und Reha-Übungen darf er zumindest an seinem Paradegerät ein wenig turnen. Der Plan sieht vor, Ende des Jahres an vier Geräten zu trainieren, „mein Ziel“, sagt Dauser, „ist die WM in einem Jahr“. Da will er „um Medaillen kämpfen“ – und nicht wie heuer passiver Beobachter sein.
Der zweite Härtetest für Dausers Kopf erfolgt ab der kommenden Woche. „Es tut weh, bei der WM zuzuschauen. Man kann gar nicht beschreiben, wie das schmerzt“, sagt er. Wenn das geschafft ist, soll es aber endgültig nur noch bergauf gehen.