Oberstdorf – Irgendwie kommt er sich vor, als sei er in die Vergangenheit zurückgekehrt. Stunden um Stunden verbrachte Christopher Dean Anfang der achtziger Jahre im Leistungszentrum des deutschen Eiskunstlaufs in Oberstdorf. Er kennt jeden Winkel, es war sein Zuhause. Amüsiert stellte er dieser Tage fest, da habe sich nicht viel verändert, und gerührt blieb er vor dem Schaukasten mit den alten Fotos im Gang stehen, die ihn und seine Partnerin Jayne Torvill zeigen. In dieser nüchternen Umgebung ersann er seine meisterhaften Programme, vor allem das eine, mit dem er Menschen weltweit berührte und verzauberte. In Oberstdorf, zu Füßen des Nebelhorns, entstand der Bolero, mit dem Torvill und Dean 1984 in Sarajevo mit Traumnoten Olympiasieger wurden.
Dieser Tage findet im Allgäu ein traditioneller Wettbewerb statt, die Nebelhorn-Trophy, bei der es auch um die letzten Startplätze für die Olympischen Spiele in Pyeongchang geht, und Dean ist aus den USA gekommen, um ein britisches Paar moralisch zu unterstützen. Aber natürlich wollte er auch die Kür der Deutschen Meister im Paarlauf sehen, Aljona Savchenko und Bruno Massot, die in Südkorea Gold gewinnen wollen. Er wollte sehen, was aus dem Programm geworden ist, das er für die beiden im Frühjahr kreierte. Savchenko sagt, es sei immer ihr Traum gewesen, mit Dean zu arbeiten, und nach der gemeinsamen Woche im April in Tampa weiß sie, dass die Realität Träume übertreffen kann.
Dean beobachtet Savchenko schon lange, auch in der Zeit, als sie mit Robin Szolkowy fünf Weltmeistertitel gewann. Er sah auch zu, als sie mit ihrem neuen Partner Ende des vergangenen Winters in Helsinki bei den Weltmeisterschaften lief und Zweite wurde. Er findet, das sei ein toller Auftritt gewesen. „Sie sahen künstlerisch und wunderschön aus. Als sie sich bei mir meldeten und fragten, ob ich mit ihnen arbeiten würde, fühlte ich mich sehr geehrt.“
Nach der gemeinsam in Florida verbrachten Zeit schwärmt er jedenfalls nicht weniger von Aljona Savchenko als sie von ihm. „Ich mochte ihren Stil und ihre Power schon immer. Du musst sie vom Eis ziehen, sonst würde sie da schlafen.“
Die Idee für die Kürmusik stammt von den Läufern, ein Stück des zeitgenössischen französischen Komponisten Armand Amar mit dem verträumten Titel: La terre vue du ciel – die Erde vom Himmel aus gesehen. Dean setzte sie in Bewegungen um. In fließende Linien und sich sanft begegnenden Armen, zur gleichen Zeit zunehmend voller Schwung und Kraft, zum Ende hin immer intensiver.
Seine Ideen sind nun ein Teil der ganzen Geschichte, an der diverse andere Spezialisten beteiligt sind: die beiden Trainer des Paares, Alexander König in Oberstdorf und der Franzose Jean-François Ballester in Megève, die Choreografen John Kerr und Silvia Fontana in Tampa und Eistanz-Bundestrainer Martin Skotnicky in Oberstdorf. König findet, die Zusammenarbeit funktioniere bestens, folgend dem Motto: Niemand weiß alles und kann alles. Obwohl er als Paarläufer bisweilen zur gleichen Zeit aktiv war wie Dean gab es keine Berührungspunkte. „Der“, so der Berliner im besten Slang, „war ne andere Liga als icke. Das ist ein Global player.“.
König stand am Freitag hinter der Bande, als Aljona Savchenko und Bruno Massot die neue Kür zum ersten Mal in einem Wettbewerb liefen, Dean saß in Reihe acht fast versteckt auf der Tribüne. In diesem Fall stimmte der Titel des Programms noch nicht ganz; es war eher der Himmel, von der Erde aus betrachtet, zwei Stürze inklusive. Oder wie die Eiskunstläufer sagen: Eine Septemberkür; man erkennt den Plan, folgt der Musik und den Bewegungen, aber man sieht auch, dass es noch Arbeit gibt. Sie wurden Zweite, aber darauf kam es nicht an.