München – Das Programm der vergangenen Wochen war für Marcel Nguyen Routine. WM-Qualifikation, Trainingslager in Kienbaum – der Unterhachinger hat all das schon mehr als zehn Mal hinter sich. Inzwischen ist der Olympiazweite von London in der DTB-Riege der erfahrenste Turner – und auch der älteste. Die am kommenden Montag in Montreal (Kanada) startende Einzel-WM bestreitet er als 30-Jähriger.
-Herr Nguyen, Sie sind vor wenigen Wochen 30 geworden. Und ab einem gewissen Alter fragt man ja als Erstes: Wie geht’s?
Ach ja (lacht), ganz okay soweit. Klar, es gibt immer so ein paar Kleinigkeiten, die kratzen oder jucken. Und natürlich merkt man schon, dass man keine 20 mehr ist. Aber die Belastung ist vor der Einzel-WM jetzt auch nicht so hoch, wie wenn ich einen Mehrkampf turnen würde. Ich gehe ja nur an zwei Geräten an den Start, Ringe und Barren.
-Man merkt, dass Sie mit Ihren Kräften haushalten. Gibt es einen 30er-Blues?
Nein nein, soweit fühle ich mich ganz normal. Mit einem Schlag ändert sich da nichts, trotzdem merke ich halt einfach, dass ich nicht mehr der Jüngste bin. Aber ich komme damit zurecht (lacht). Ich hadere es nicht mit der Zahl – es ist ja nur eine Zahl.
-Auf Facebook haben Sie Glückwünsche von zahlreichen Wegbegleitern und Prominenten bekommen. Unter anderem die Bayern-Spieler Sven Ulreich und Joshua Kimmich waren unter den Video-Gratulanten.
Ja, das war auch richtig cool. Da haben sehr, sehr viele Leute an mich gedacht. Das sind Momente, in denen man merkt, dass man in seiner Karriere vieles richtig gemacht hat. Wie viele Menschen man auf seinem Weg kennengelernt hat. Und dass der Weg schon sehr lange geht. Da waren viele Leute, die ich ewig nicht gesehen habe. Und sie haben mich nicht vergessen.
-Wenn Sie als kleiner Junge an die Zahl 30 gedacht haben: Was wollten Sie bis dahin erreichen?
Früher habe ich mir eigentlich immer nur Ziele gesetzt, die mit dem Sport zu tun hatten. Und ich glaube, da habe ich schon mehr erreicht als ich mir damals hätte vorstellen können. Ich bin heute noch Turner, mit 30 – besser hätte es doch bisher eigentlich gar nicht laufen können.
-Im deutschen Team sind Sie der „Opa“.
Stimmt, wenn ich drüber nachdenke: Ich bin der Älteste, seitdem Fabi (Hambüchen, d.Red.) aufgehört hat. Aber mich zieht zum Glück keiner damit auf . . . und ich merke auch kaum, dass die anderen jünger sind. Zumal sie ja auch nicht so viel jünger sind.
-Die WM 2013 – also jene zum selben Zeitpunkt im letzten Olympia-Zyklus – haben Sie ausgelassen. Gab es diese Gedankenspiele heuer auch?
Ja, die gab es, ich habe schon länger darüber nachgedacht – und ich bin ehrlich: Wenn das jetzt eine Mannschafts-WM gewesen wäre, weiß ich nicht, ob ich da in meiner Form hätte teilnehmen können. Ich wusste nicht, wie schnell ich wieder fit werde. Ich wollte es aber auf jeden Fall versuchen, und ich merke halt auch jeden Tag, dass es mir nach wie vor sehr viel Spaß macht. Ich habe da einfach ein paar neue Herausforderungen gesehen, Dinge, die ich noch erreichen möchte. Und bei so einer Einzel-WM ist der Aufwand ja auch nicht so groß. Ich fahre dahin, versuche es für mich selber. Wenn es nicht klappt, ist es für mich nicht so cool – aber ich ziehe keine Mannschaft mit runter.
-Was sind die Herausforderungen?
Nach jedem Olympiazyklus gibt es neue Wertungsvorschriften – da schaut man dann: Liegen die mir? Was muss ich verändern? Werden Elemente rausgenommen? Oder aufgewertet? Das bringt Abwechslung rein, da kann man was Neues ausprobieren. Das reizt mich nach wie vor.
-Turnen Sie dieselbe Übung wie bei der EM im Frühjahr?
Ich hatte einiges ausprobiert und hatte auch etwas anderes vor. Aber jetzt ist es dann doch wieder dieselbe Übung, die ich in Cluj gezeigt habe. Ein Zehntel mehr hätte ich rausholen können – aber für dieses eine Zehntel lohnt es sich nicht, mehr Risiko zu gehen. Da setzte ich lieber auf Sicherheit.
-Wie stehen Sie im internationalen Vergleich?
Das ist leider für Barren-Spezialisten immer sehr schwer zu sagen, weil die Dichte an guten Leuten am Barren aus irgendeinem Grund am allerhöchsten ist. Mit der Übung, die ich jetzt anbiete, habe ich einen Ausgangswert von 6,5, im Vergleich: Der Olympiasieger (Oleg Wernajew, d. Red.) zeigt eine 6,7. Also bin ich in einem Bereich, in dem ich durchaus Chancen habe. Mit einer guten Übung komme ich ins Finale – dann ist alles möglich.
-Fahren Sie noch zu Großereignissen mit dem Gedanken: Ich will unbedingt eine Medaille?
Das Ziel ist immer erst mal das Finale, so bin ich da aber schon immer dran gegangen, auch in meinen besten Zeiten. Es kommt nur auf die Qualifikation an – danach werden die Karten neu gemischt. So wird es auch dieses Mal sein.
-Trotzdem sind Sie neben Andreas Bretschneider (Reck) der einzige Medaillenkandidat der DTB-Riege.
Das mag stimmen, aber bei einer Einzel-WM schickt jede Nation ihre Spezialisten, deshalb ist die Konkurrenz da traditionell sehr, sehr groß. Wenn es keine Medaille wird, ist niemand enttäuscht.
-Startet man als Turner nicht trotzdem lieber im Einzel, also ohne den Druck der Mannschaft?
Nein, überhaupt nicht. Mir macht das nicht ganz so viel Spaß. Im und für ein Team zu turnen, ist deutlich besser.
-Haben Sie inzwischen einen Freifahrtschein in der deutschen Riege?
Nicht wirklich, glaube ich zumindest (lacht). Vielleicht habe ich aber eine etwas andere Stellung als jemand, der neu dazu kommt. Was nichts daran ändert, dass ich meine Leistung zeigen muss und konkurrenzfähig bin. Ich habe in den letzten Jahren jede Qualifikation mitgemacht. Ich sehe da keinen Sonderstatus für mich.
– Hambüchen hat zuletzt in unserem Interview gesagt, er habe den Eindruck, dass sich die jungen Turner nicht mehr so quälen wie Sie und er es früher getan haben. Zurecht?
Ja, ehrlich gesagt schon. Aber ich glaube, dass unser Sport für die Jungen einfach nicht mehr so interessant ist. Der Nachwuchs ist schon deutlich weniger geworden. Als ich angefangen habe, waren bei einer Bayerischen Meisterschaft 50 Kinder in meinem Alter, heute sind es zehn pro Jahrgang, Tendenz weniger. Die Situation in Deutschland macht es im Moment nicht so attraktiv, Leistungssport zu betreiben.
-Liegt es nur an der Quantität – oder auch der Mentalität?
Man geht mit einer anderen Einstellung rein, wenn die Konkurrenz im Land schon größer ist. Wenn man von Vornherein weiß, es gibt sowieso niemand anderen, dann hat man einfach eine andere Motivation. Man kann sich dann nicht so antreiben. Nehmen wir doch mal Russland als Beispiel: Da müssen die Turner um jeden Platz im Kader kämpfen. Das ist bei uns halt nicht mehr so.
-Haben Sie und Fabian Hambüchen sich zur Höchstleistung getrieben?
Unser Jahrgang war richtig, richtig stark damals. Da gab es Fabi, aber auch Philipp (Boy, d. Red.) und auch noch andere, die wirklich gut waren. Wir mussten richtig kämpfen, schuften, uns beweisen.
-Haben Sie einen Lösungsvorschlag?
Leider nein, denn die Probleme sind weitgreifend. Meiner Meinung nach gibt es zu wenige qualifizierte Trainer im Jugendbereich, die Attraktivität der Sportart wird immer geringer. Das Turnen zieht so keine Kinder mehr an. Dabei ist es so eine schöne Sportart.
-Und inzwischen – auch dank Ihnen – so populär, dass Sie als Promi in der Tanzshow „Dance Dance Dance“ aufgetreten sind.
Es ehrt mich, bei so was dabei, zu sein. Ich habe coole Leute kennengelernt, es hat Spaß gemacht – auch wenn es sehr zeitintensiv war, mehr als ich dachte. Von April bis Juli waren wir eingespannt, zusätzlich zum Training.
-Sie haben – teils gemeinsam mit Andreas Bretschneider – unter anderem die Backstreet Boys, aber auch „Singing in the rain“ aus den sechziger Jahren performed. Da waren Sie als Rundumtalent gefragt.
Das kann man so sagen, wobei ich das Gefühl habe, dass wir mit der Songauswahl nicht so viel Glück hatten. Ich hätte mir andere Lieder ausgesucht, wenn ich die Wahl gehabt hätte. Vielleicht etwas Moderneres. Das, was wir da bekommen haben, war ja alles von vorgestern und vorvorgestern. Also: So alt bin ich ja jetzt auch noch nicht (lacht).
-Sagen wir es so: Zumindest für einen Turner sind Sie alt. Apropos: Wie steht es mit den Jahreszahlen Ihrer drei Olympiateilnahmen als Tattoos?
Gut. Ich war schon beim Tätowierer, habe aber noch nicht die perfekten Stellen für alle gefunden. Ich wollte nicht alle untereinander schreiben. Die Jahreszahl 2012 habe ich jetzt auf meinem Rücken, unter dem Nacken. Für die anderen muss ich noch Stellen finden.
-Und eine für 2020 freilassen?
Auf jeden Fall (lacht).
Interview: Hanna Raif