München – Das hätte sich Friedhelm Funkel auch nicht gedacht, als er im Mai mit Mühe den Absturz in die dritte Liga verhinderte. Vier Monate später belegt der Trainer von Fortuna Düsseldorf wieder einen hinteren Platz, aber diesmal darf er ihn als Auszeichnung empfinden. Am Donnerstag, als Carlo Ancelotti beim FC Bayern kaum entlassen war, tauchten bald die ersten Quoten der Wettanbieter für potenzielle Nachfolger auf. Favorit war erwartungsgemäß Thomas Tuchel (1,90), auch Julian Nagelsmann (4,50) erschien plausibel, während der Ruheständler Heynckes (8,00), der Eurosport-Experte Matthias Sammer (10,00) und der Nationaltrainer Joachim Löw (17,00) es kaum an die Säbener Straße schaffen werden. Und dann war da noch Friedhelm Funkel (40,00). Der Spitzenreiter der Zweiten Liga als ironische Pointe.
Es ist ein naheliegender Gedanke, Tuchel und den FC Bayern in Verbindung zu bringen. Allein schon, weil der frühere Dortmunder sofort verfügbar wäre, während die anderen Großkaliber eine WM vor sich oder TV-Expertisen abzugeben haben, die Bayern auf dem Rasen ärgern (Ralph Hasenhüttl/25,00) oder eben die Zweite Liga weiter aufmischen wollen.
Man vergisst es in diesen Tagen leicht, weil so ungeheuer viel geschehen ist, aber die Saison ist noch jung. Für die Bayern bedeutet dies, dass sie nicht nur eine Übergangslösung suchen, um im Sommer mit voller Kraft wieder anzugreifen. Es ist noch alles drin, selbst in der Champions League, auch wenn der Gruppensieg nur schwer zu realisieren sein wird. Dass Tuchel das erforderliche Format hätte, bestreitet niemand. Schon im Sommer 2016 nannte Karl-Heinz Rummenigge ihn in einem FAZ-Interview „spannend. Ich finde seine Entwicklung, seine Fußballphilosophie sehr gut.“ Fachlich würden die Bosse ihre Mannschaft bestens aufgehoben sehen bei Tuchel, dessen Salz-und-Pfefferstreuer-Gespräch mit Pep Guardiola zum Legendenschatz der Bundesligageschichte gehört und der praktischerweise ein Haus in München besitzt.
Schwieriger zu beantworten ist die Frage, wie der nicht ganz pflegeleichte Mensch Tuchel in den Bayern-Kosmos passen würde. Rummenigge weist zwar das Szenario, sich in Taktik- und Aufstellungsfragen einzumischen, weit von sich. Doch weder der Vorstandsboss noch Uli Hoeneß, gleichermaßen erfahren wie erfolgreich, stehen in dem Ruf, einen Trainer widerspruchslos gewähren zu lassen. Auch in Paris versuchten sie – vergeblich –, Ancelotti seine fatale Aufstellung auszureden.
Tuchel wiederum ist niemand, der einem Konflikt aus dem Wege geht, wenn es darauf ankommt, Ziele und Vorstellungen durchzusetzen. Sowohl in Mainz als auch in Dortmund hat er deshalb bei allen Erfolgen und handwerklich tadelloser Arbeit reichlich verbrannte Erde hinterlassen. Beim BVB eskalierten die Spannungen derart, dass Chefscout Sven Mislintat, der als Entdecker etlicher Talente (Dembélé, Aubameyang, Kagawa) einen Ruf wie Donnerhall genießt, auf dem Trainingsgelände nicht mehr erwünscht war. Den selben Mislintat hätten die Bayern im Sommer gerne als Nachfolger ihres Kaderplaners Michael Reschke geholt, doch in Dortmund galt er als unverzichtbar. Dem Rekordmeister könnte dadurch – falls Tuchel tatsächlich kommt – ein diplomatischer Drahtseilakt erspart bleiben.
Einfach würde es wohl trotzdem nicht werden. Wenn die Bayern-Bosse sich nun mit einem Schaudern daran erinnern, wie umfassend Carlo Ancelotti in den letzten Wochen gestandene Spitzenspieler brüskiert hat, sollten sie an Tuchels letzte Tage in Dortmund denken.
Was Franck Ribery, Arjen Robben oder Mats Hummels für den Italiener waren, war für den damaligen BVB-Trainer Nuri Sahin. Der Türke, im Ruhrgebiet geboren und längst im Stand eines Vereinsheiligen, war auch in schwierigen Zeiten immer einer der Chefs im Team – also während der gesamten zwei Tuchel-Jahre. Beim DFB-Pokal-Finale war er als Vertreter des schwer verletzten Julian Weigl in der Startelf erwartet worden, stand dann aber nicht mal im Kader. Die konsternierte Reaktion von Kapitän Marcel Schmelzer („Wir stehen komplett hinter Nuri“) gilt bis heute als beispielloser Beleg für die Entfremdung zwischen Team und Trainer.
Sportlich war Tuchels Zeit beim BVB über jeden Zweifel erhaben. Der Fußball, den er spielen ließ, war ähnlich komplex und ästhetisch anspruchsvoll wie der seines Freundes und Vorbildes Guardiola. Tuchel war ein kompromissloser Talentförderer (Dembélé, Pulisic, Weigl) und scheute nicht davor zurück, während eines Spiels die Taktik mehrfach zu ändern. Langweilig würde es mit ihm in München garantiert nicht werden. Weder auf dem Platz noch hinter den Kulissen.