München – Colaflasche aufgeschraubt, zurückgelehnt. Kurzzeitig schien es Daniel Bierofka so zu gehen wie seinen Spielern zuvor auf dem Rasen. Seine Spannung war raus, die Konzentration weg. Schon nach der ersten Frage bei der Pressekonferenz zum 3:1-Sieg gegen Schweinfurt hatte der Löwen-Trainer gedanklich abgeschaltet. „Ach, ich noch mal“, sagte er, stellte die Colaflasche ab – und war dann wieder bei der Sache.
Seinen Spielern war das zuvor nicht ganz so leichtgefallen. Nach furioser Anfangsphase mit zwei ähnlich gestrickten Toren (Ziereis 6., Mölders 13.) sah es nach einer vernichtenden Niederlage für den Tabellenzweiten aus, ehe ein Sonntagsschuss von Fery (33.) Schweinfurt zurück ins Spiel brachte. Ab diesem Zeitpunkt, Ende der ersten Hälfte, war es ein Duell auf Augenhöhe, das optisch sogar zu Gunsten der Gäste kippte, als Helmbrecht nach einem harmlosen Foul mit Gelb-Rot vom Platz musste (55.).
Dass die Partie nicht auch ergebnismäßig kippte, lag an einer artistischen Rettungstat von Jan Mauersberger (73. gegen Willsch) – und an der noch immer herausragenden Klasse des Sascha Mölders, die in der Zitterphase der Sechziger (Aaron Berzel: „Wir haben mit Mann und Maus verteidigt“) höchst gelegen kam. Weiter Diagonalball hinter die Schweinfurter Innenverteidigung, Annahme mit der Brust, trockener Abschluss (86.). Fertig war der Big Point im Kampf um die Regionalliga-Meisterschaft.
„Wir haben in der ersten halben Stunde mit das beste Spiel der Saison gemacht“, sagte Bierofka unwidersprochen. Doch auch Gerd Klaus war nicht unzufrieden, wie er zugab. „Wir hatten Glück, dass wir nicht das dritte Tor schlucken mussten“, sagte Schweinfurts Coach: „Ab der 25. Minute waren wir dann das bessere Team.“ Selten hat man zwei Trainer so einträchtig und inhaltlich einig auf dem Podium sitzen sehen.
Dienstag Eichstätt, Freitag Pipinsried
Dass Klaus seinen Ausführungen eine Kampfansage vorausschickte („Ich möchte eins klarstellen: Ich habe die Meisterschaft noch nicht abgehakt“) und Bierofka trotz des Sieges im „Sechs-Punkte-Spiel“ (Mölders) nicht restlos zufrieden war, hatte seine Ursache in der Psychologie des Sports. „2:0 ist immer das gefährlichste Ergebnis“, sagte Mölders. „Du denkst, du hast den Gegner im Griff“, präzisierte Bierofka: „Plötzlich bist du nicht mehr so konsequent, schiebst nicht mehr nach vorne, machst einen Schritt weniger, gehst nicht mehr so aggressiv in die Zweikämpfe.“ Die logische Folge: Ein Gegner, der schon tot war, erwacht wieder zum Leben.
Ein Umstand, der Bierofka genauso wurmte wie das erste Gegentor nach fast zwei Monaten bzw. 575 Spielminuten. „Das juckt mich richtig“, schoss es aus dem Löwen-Coach heraus: „Die Serie ist mir nicht so wichtig, aber es ärgert mich einfach, dass wir nach der 2:0-Führung zu leichtfertig geworden sind. Das werde ich auch noch mal deutlich ansprechen.“
Überträgt man das Spiel vom Samstag auf die Saison und die Tabelle, könnte es schließlich so ähnlich laufen. Acht Punkte Vorsprung nach 13 Spielen sind gefühlt mindestens so komfortabel wie eine 2:0-Führung nach 13 Minuten. Was also ist zu tun, um die Konzentration auch hochzuhalten, wenn die Gegner jetzt Eichstätt (Dienstag) und Pipinsried (Freitag) heißen? Für Berzel ist der Fall klar: „Wir müssen jedes Spiel aufs Neue annehmen und an die Leistungsgrenze gehen, dann können wir Großes schaffen.“ Sagt sich so leicht. Bierofka würde es zwar ähnlich formulieren, zieht es aber vor, zusätzlich noch genauer auf Anzeichen von Hochmut zu achten. „Die Jungs wissen: Wenn ich das Gefühl habe, wir lassen nach, dann werden das sehr ungemütliche Trainingswochen. Ich vertraue ihnen aber, denn charakterlich sind sie alle top.“
Und trotzdem könnte es sein, dass am Dienstag in Eichstätt ein anderes Team aufläuft als am Samstag gegen Schweinfurt. „Wir haben hintendran sehr gute junge, auch hungrige Spieler, die sich beweisen wollen“, erklärte Bierofka: „Es kann sein, dass ich was ändere, aber nicht aus Aktionismus, sondern auch auf den Gegner bezogen.“ Was er nicht sagt, aber wohl denkt: So eine Rotation ist auch immer ein gutes Rezept, um die Spannung hochzuhalten – jetzt, da der härteste Gegner Schlendrian heißt.