Das Problem beim Videobeweis

Fußball ist zu träge

von Redaktion

Sport soll gerecht sein. Und wenn es ein Hilfsmittel gibt, das zu erreichen, dann her damit! Das war der naheliegende Konsens, daher ist der Videobeweis im professionellen Fußball freundlich begrüßt worden. Die Sorge, die die Skeptiker äußerten, war ja eher: Den Stammtischen wird der Stoff ausgehen, sie werden keine Fehler mehr zu diskutieren haben.

Das ist schon mal nicht eingetreten, obwohl das Eingreifen des Videoassistenzreferees nachweislich einige Fehlentscheidungen revidiert und zu einer Verbesserung der Gerechtigkeitsquote geführt hat. Doch es sammeln sich auch Fälle, in denen die Entscheidungsfindung eine so umständliche ist, dass man fragen darf: Ist der Preis für das Streben nach dem klinisch reinen Ergebnis nicht ein zu hoher?

Es ist noch nicht einmal ein Jahr her, dass der deutsche Fußball, vertreten durch seine Nationalmannschaft, bei einem Länderspiel in Mailand den ersten „Semi-Livetest“ erlebte. Damals erklärten Marco van Basten für die FIFA und Hellmuth Krug für den DFB, dass bei der Einführung des Videobeweises darauf zu achten sein würde, den Spielfluss nicht zu stören. Es wurde auch ein In-etwa-Zeitraum genannt, in dem eine Korrektur stattfinden sollte. Sechs bis zehn Sekunden.

Die Praxis kann diese Vorgabe nicht erfüllen, offensichtlich ist diese auch nicht mehr existent. Es rückt der Fall näher, der zu Tumulten führen würde: Mannschaft B schießt ein Tor, das aber nicht zählt, weil zuvor, 100 Meter entfernt, auf der anderen Seite des Feldes, Team A nachträglich einen Elfer bekommt. Bei Augsburg – Dortmund kam es zum Szenario: Statt Ecke für den FCA Elfer für den BVB.

Grundsatz ist: Die videogestützte Entscheidung fällt erst bei der nächsten Unterbrechung. Das mag in einem schnellen Teamsport wie Eishockey umsetzbar sein, nicht jedoch im vergleichsweise trägen Fußball (in dem Manchester City neulich ein Tor mit einer Stafette von 53 Pässen einleitete). Dortmund war in Augsburg Begünstigter des Videobeweises, doch die BVB-Fans sangen: „Ihr macht unser’n Sport kaputt.“ Und ja: Dass dieser Eindruck aufkommt, ist eine Gefahr, die man übersehen hat.

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