Berlin/München – Die Position kam erfahrenen Beobachtern bekannt vor, nur der Urheber der Szene sah diesmal irgendwie anders aus. Der Mann, der den Ball aus dem Halbfeld in den Strafraum schaufelte, hatte das Deckhaar blondiert und die Seiten nach der neuesten Mode ausrasiert, das Styling war das komplette Gegenteil des unprätentiösen Haarschnitts, den Willy Sagnol in seinen neun Profijahren beim FC Bayern trug. Von Jerome Boateng kam die Vorlage, die Mats Hummels am Sonntag zur 1:0-Führung bei Hertha BSC Berlin nutzte. Das erste Tor unter der Verantwortung des Interimstrainers Sagnol war das Resultat einer klassischen Sagnol-Aktion.
Unter anderen Umständen wäre es ein hübscher Geschichtenansatz für dieses Spiel gewesen: Der Einfluss des Neuen, der ja eigentlich ein alter Bekannter ist; die Vorbereitung von Boateng, der es im letzten Spiel unter Carlo Ancelotti nicht mal in den Kader geschafft hatte; der Abschluss von Hummels, der mit seinem Bankplatz in Paris nicht viel besser bedient war. Das alles war am Ende aber nur ein Randaspekt.
Im Kern handelte diese Partie letztlich davon, dass es unter dem neuen Trainer so losgeht, wie es unter dem alten geendet hatte. Zum zweiten Mal in neun Tagen schafften es die Bayern beim 2:2 in der Hauptstadt nicht, einen Zwei-Tore-Vorsprung über die Zeit zu bringen. Nach Hummels’ Führung (10.) hatte Robert Lewandowski auf 2:0 erhöht (49.), doch innerhalb von fünf Minuten entglitt ihnen der scheinbar kommode Vorteil, weil Ondrej Duda (51.) und Salomon Kalou (56.) trafen. „Ohne Konzentration sind wir nicht mehr die stärkste Mannschaft in Deutschland, das ist klar“, beklagte Sagnol den defensiv zuweilen konfusen Auftritt seiner Mannschaft. Zumindest konnten sie froh sein, dass Schiedsrichter Osmers einen fragwürdigen Elfmeter für Hertha (Martinez sollte Darida gefoult haben/16.) nach Ansicht der TV-Bilder rückgängig machte.
Nun sind es schon fünf Punkte Rückstand auf Tabellenführer Dortmund, und nichts an dem Auftritt macht Hoffnung, dass rasche Besserung in Sicht ist, unter welchem Trainer auch immer. Viel mehr als ein kurzes Aufblitzen ihrer Klasse hatten die Bayern nicht zu bieten. Mitte der ersten Halbzeit hatten sie eine leidlich druckvolle Phase, in der zunächst Javi Martinez einen Kopfball über die Latte setzte (31.) und dann Lewandowski einen kunstvollen Lupfer produzierte, den Stark noch entschärfte (35.). Doch der Gesamtauftritt ließ auch in Berlin die unwiderstehliche Dominanz besserer Tage vermissen.
Eklatant zu erkennen war das, nachdem Lewandowski zu Beginn der Halbzeit schneller als Stark geschaltet und das 2:0 erzielt hatte. Statt die Partie nun in aller Abgeklärtheit zu beenden, vielleicht noch ein Törchen drauf zu legen, gaben sie den Vorteil gleich wieder aus der Hand. Vor dem 1:2 konnte Genki Haraguchi einen Slalom durch die Bayern-Abwehr starten, auf dem ihn weder Arjen Robben und David Alaba noch Boateng stoppen konnten (oder es auch nur ernsthaft versuchten). Hummels verkniff sich eine Grätsche aus Angst vor einem Elfmeter, so dass Duda das Zuspiel seines japanischen Vorarbeiters nur noch über die Linie befördern musste (51.).
Vor einer Woche beim 2:2 gegen Wolfsburg hatte es noch eine halbe Stunde gedauert, bis der zweite Gegentreffer fiel. In Berlin ging es wesentlich flotter. Die Bayern, eben noch in vielversprechender Position, agierten fünf Minuten später ein zweites Mal so nachlässig und passiv, wie es Pep Guardiola ihnen niemals hätte durchgehen lassen: Nach einem Freistoß und Tolissos zu kurzer Kopfballabwehr konnte Kalou ungehindert ausgleichen.
Zwei Punkte verspielt, dazu Franck Ribery verloren (siehe Text unten) und jeden Hauch von Befreiung nach dem Trainerwechsel vermissen lassen – den Bayern steht ein ungemütlicher Herbst bevor. Thomas Müller mahnt „eine harte Analyse“ an. Joshua Kimmich weiß: „Wir müssen das Glück wieder erzwingen.“ So weit ist es gekommen: In den letzten Jahren waren die Bayern national so dominant, dass sie Glück gar nicht nötig hatten.