FC Bayern auf Trainersuche

Das Gegenteil von Carlo

von Redaktion

Die Wege eines Fußballtrainers sind unergründlich. Von Pep Guardiola zum Beispiel hätte man erwartet, dass er die Länderspielpause nutzt, um sich auf das Ligaspiel gegen Stoke vorzubereiten. Bis Manchester City übernächstes Wochenende den Tabellen-13. empfängt, ist taktisch noch allerhand zu klären, und irgendwo findet sich auch sicher noch ein Stoke-Video, das Guardiola bisher nur oberflächlich (also drei- bis fünfmal) studiert hat. Stattdessen flog er nach München.

Gut, München ist eine schöne Stadt und ein logisches Ausflugsziel, nicht nur zur Wiesn-Zeit. Die Branche hat deshalb aufgemerkt, aber sich nicht ernsthaft gewundert, als zu Wochenbeginn Bilder des früheren Bayern-Trainers mit Uli Hoeneß auftauchten. Größer wäre das Erstaunen gewesen, wenn Thomas Tuchel am Tag der Deutschen Einheit nach Dortmund gereist wäre, um einen Spaziergang im Westfalenpark zu machen und sich – Stichwort Wiedervereinigung – mit BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke zu treffen. Aber so eine Versöhnung kriegt man nicht mal an so einem Tag hin.

Es ist immer wieder erfrischend, wie im Fußball Personalentscheidungen getroffen werden und vor allem: wie sie publik werden. Hoeneß hätte am Dienstag beim Besuch der Bayern-Basketballer zu allen Fußballfragen einfach schweigen können, wie er es vor zwei Wochen noch gemacht hat. Aber offensichtlich ist er ziemlich stolz darauf, dass Karl-Heinz Rummenigge und er die vakante Trainerstelle zügig neu besetzen konnten – und dass die Bosse dafür auch noch Lob aus berufenem Munde bekommen haben. Der Hinweis auf Guardiola, den menschlich nicht immer einfachen, aber fachlich über jeden Zweifel erhabenen Trainer, soll auch ein Gütesiegel sein.

Taktisch wie charakterlich ist Tuchel schon oft mit dem stolzen Katalanen verglichen worden. Beide sind in nahezu jeder Hinsicht das Gegenteil des gemütlichen Carlo Ancelotti. Die vergangenen 15 Monate haben den Bayern gezeigt, dass eine Mannschaft dieses Kalibers nicht allein mit Freundlichkeit und einer Politik der langen Leine zu führen ist. Wie anstrengend die tägliche Arbeit mit Tuchel sein kann, werden Hoeneß und Rummenigge bei ihren Recherchen in Mainz und vor allem Dortmund detailliert erfahren haben. Dass das Ergebnis sie nicht abschreckt, ist dennoch wenig verwunderlich.

Auch die drei Guardiola-Jahre haben an den Kräften aller Beteiligten gezehrt, doch selten gab dieser stolze Verein auf dem Platz eine bessere Figur ab als zwischen 2013 und 2016. Am Ende hatte die Trennung zwar etwas Befreiendes. Mit etwas Abstand wissen die Bayern ihren Pep und seine spezielle Art aber wieder so sehr zu schätzen, dass sie ihn nur zu gerne baugleich ersetzen.

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