Das Phantom der Fußball-Welt

von Redaktion

Bei der EM in Frankreich war er wegen seines Stadion-Hits in aller Ohren – doch inzwischen ist Nordirlands Will Grigg nicht mehr „on fire“

VON ANDREAS WERNER

München – Er war der Hit bei der EM 2016 in Frankreich, er war Wochen lang europaweit in aller Munde . . . in aller Ohren – und dennoch ist der nordirische Stürmer Will Grigg das Phantom der Fußball-Welt geblieben. Hat ihn denn je einer stürmen sehen?

Er kam bei keinem Turnierspiel zum Einsatz. Auch jetzt, wenn die deutsche Nationalmannschaft zum „Endspiel“ in der WM-Qualifikation in Belfast antritt, wird er fehlen. Eine Knieverletzung. „Will Grigg’s on fire – your defence is terrified“, hatten die Anhänger zwischen Nizza und Nantes, Marseille und Metz gejohlt. Aber Will Grigg ist längst nicht mehr „on fire“.

Nordirland ist im Fußball schwer einzuschätzen. Die Nation der Namenlosen liegt als Gruppenzweiter fünf Zähler hinter den Deutschen, zuhause kassierte man noch kein Gegentor und generell in der Qualifikation bisher nur zwei, beide beim 2:0 im ersten Duell mit Deutschland im Herbst letzten Jahres in Hannover. Zum abschließenden Spieltag geht es gegen den Tabellenvorletzten Norwegen. Die WM in Russland ist für das Land mit den sechs Grafschaften noch drin. „Für die Playoffs könnte ein Punkt schon reichen“, sagte Trainer Michael O’Neill, „Deutschland hat allerdings die beste Mannschaft der Welt.“

Bundestrainer Jogi Löw erwartet „eine besondere Atmosphäre in Belfast, die Nordiren werden ihre Mannschaft bedingungslos und lautstark 90 Minuten anfeuern“. Obwohl der Volksheld nicht mitspielt. Grigg, 26, wird wie bereits in den Qualifikationsspielen im September gegen San Marino (3:0) und Tschechien (2:0) fehlen. Auch im ersten Duell mit der DFB-Auswahl war er nicht dabei; als frischgebackener Vater blieb er lieber daheim bei seinem Nachwuchs. Es sind Entscheidungen wie diese, die seine Popularität mehr als die Auftritte auf dem Rasen nähren. Zwar hat er sich seinen Fan-Hit redlich verdient, indem er Wigan Athletic in der EM-Saison mit 25 Toren zum Aufstieg geschossen hat – doch wirkte er oft so, als hätten ihn diese zwei gegrölten Textzeilen bekannter gemacht als es ihm lieb ist. Und ob ihm die Fans damit damals einen Gefallen getan haben, ist zudem zweifelhaft. Grigg sei sein Stürmer Nummer vier, hatte O’Neill während der EM beharrt. Der Coach wollte nie den Eindruck erwecken, er stelle einen Spieler auf, nur weil die Massen einen 20 Jahre alten Discohit auf ihn umgetextet haben.

„Der Song ist großartig, und unsere Fans sind es auch“, so der Trainer, „aber ich lasse mir nichts vorschreiben.“ Als es im Achtelfinale gegen Wales um alles ging, wechselte er nicht den Torjäger, sondern Joshua Magennis ein, der bei Cardiff City einst vom Torhüter zum Stürmer umgeschult wurde. Die Nordiren verloren mit 0:1.

Dabei war Grigg ambitioniert zur EM gereist. Obwohl er erst kurz vor dem Turnier erstmals nach 15 Monaten nominiert worden war, hegte er nach einem Treffer im letzten Test gegen Weißrussland Hoffnungen, in den Planungen O’Neills eine Rolle einzunehmen. Die interne Konkurrenz war zudem nicht besonders, die „Green White Army“ erzielte in ihren vier Spielen gerade mal ein Törchen. Dass er keine Minute spielte, ist ein Misston in dieser Geschichte.

Grigg hat sich zu keinem Zeitpunkt beklagt, obwohl die britischen Boulevardzeitungen dankbare Abnehmer gewesen wären. Und er nahm seinen Ruhm auch nicht zum Anlass, einen Wechsel zu einem Verein voranzutreiben, bei dem sich mehr verdienen lässt als in der englischen Zweiten Liga, davon soll es ja einige auf der Insel geben. Bei der Wahl zu Europas Fußballer des Jahres landete er kurioserweise auf Rang 25. Er teilte sich den Platz mit Paul Pogba, für den Manchester United immerhin die Kleinigkeit von 105 Millionen Euro ausgegeben hat. Grigg, Popstar und Phantom – und eine Figur, die zeigt, welch obskure Blüten die Branche in der heutigen Zeit so treibt.

Artikel 1 von 11