München – Nach allem, was man von Pep Guardiolas jüngstem München-Besuch gesehen und gehört hat, ist jetzt eigentlich nur noch eine Frage offen: Mit welchen Worten hat der frühere Bayern-Trainer auf die Bekanntgabe des künftigen Bayern-Trainers reagiert? In Frage kommen die Prädikate „Super, super“ und „Top, top, top“, wobei drei Tops die wahrscheinlichere, weil hochkarätigere Variante sind. Einmal, vor anderthalb Jahren, hat Guardiola sogar mal ein viertes Top spendiert. Schon damals ging es übrigens um Thomas Tuchel.
Wenn nicht alles täuscht, ist das überschwängliche Lob auch diesmal wieder für den schmalen Schwaben bestimmt, mit dem Guardiola mehr verbindet als die mittlerweile legendäre Salz- und Pfefferstreuer-Taktikdebatte im „Schumann’s“. In ihrer Statur, der Auffassung von modernem Fußball sowie der Menschenführung sind sich die beiden verblüffend ähnlich. Als Uli Hoeneß am Dienstagmittag in einer Osteria mit dem Katalanen tafelte, fiel irgendwann auch der Name des Neuen, der in den nächsten Tagen präsentiert werden soll. „Und da war er einverstanden“, verriet Hoeneß am Abend beim Besuch der Bayern-Basketballer genüsslich.
Die Bosse fragten bei Hummels nach seinem Ex-Trainer
Vermutlich würde Guardiola sich auch wohlwollend äußern, wenn er mit dem Namen Julian Nagelsmann konfrontiert wäre, aber so weit dürfte es nicht gekommen sein. Der Zeitpunkt, an dem der FC Bayern einen neuen Trainer sucht, ist für den jungen Hoffenheimer doppelt ungünstig. Mitten in der Saison wird ihn die TSG kaum ziehen lassen, außerdem sprechen die jüngsten Ergebnisse nicht gerade für Nagelsmann. Von vier Europapokal-Partien hat er in den vergangenen Wochen exakt vier verloren. Im Kraichgau nimmt ihm das niemand übel, doch die Maßstäbe beim Rekordmeister sind halt andere. Intern wurden an der Säbener Straße zuletzt häufiger Zweifel laut, ob Nagelsmann bereits in der Schwergewichtsklasse des deutschen Trainerwesens angekommen sei.
Doch selbst, wenn man ihn wollte: Die nächsten Monate wären in so einem Fall ein reiner Schwebezustand, moderiert von einem Übergangstrainer, der einerseits kompetent und erfolgreich sein müsste, andererseits aber auch bereit, nach getaner Arbeit geräuschlos wieder abzutreten. Diese Quadratur des Kreises kriegt selbst ein FC Bayern nicht so einfach hin. Mal abgesehen davon, dass der Klub in einer Zeit, in der sich die Gewichte im europäischen Fußball massiv verschieben, sich so ein Experiment weder erlauben kann noch will.
Es läuft alles auf Tuchel hinaus, der nicht nur den Vorteil hat, auf dem Markt zu sein. Oder den, in München eine Wohnung zu besitzen. In den zwei Jahren bei Borussia Dortmund mag er sich im eigenen Verein zwar eine Menge Feinde gemacht haben, doch in München wuchs in dieser Zeit der Respekt für seine taktischen Akribie und die Kompromisslosigkeit im Durchsetzen von Spielideen stetig. Am Donnerstag vergingen nach Informationen der „Sport Bild“ nach Carlo Ancelottis Entlassung dann auch nur wenige Stunden, ehe Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge Tuchel zu einer Telefonkonferenz baten.
Dass das Gespräch ergebnislos endete, nicht zuletzt weil der Umworbene sich sehr detailliert über die möglichen Rahmenbedingungen erkundigte und seinerseits Ansprüche anmeldete, gab den Bayern einen Vorgeschmack darauf, wie die künftige Zusammenarbeit aussehen könnte. Unkompliziert würde es nicht. Aber von Gemütlichkeit haben sie nach 15 Monaten Carlo Ancelotti auch erst mal genug.
Schon länger schwante den Bayern, dass die Liaison mit dem Italiener trotz aller persönlicher Sympathie frühzeitig enden würde. Im August war Ancelotti intern bereits angezählt, und es war kein Zufall, dass wenig später eine Klausel öffentlich wurde, wonach der FC Bayern den Drei-Jahres-Vertrag bereits nach zwei Jahren auflösen könne. Ancelottis Dementi, sein Vertrag laufe bis 2019, war in Wahrheit gar keins. Die Klausel als solche wurde explizit nie bestritten.
Nun ist es sogar noch schneller gegangen. Unvorbereitet sind die Bayern deswegen nicht gewesen, wie nicht nur die flotte Telefonkonferenz belegt. Im Sommer schweiften die Gedanken bereits zu möglichen Nachfolgern, darunter Kollegen, die bei ihren Vereinen fest im Sattel saßen und noch heute sitzen. Und eben auch Tuchel. Mats Hummels verriet gestern dem britischen Sender Sky UK, Rummenigge und Hoeneß hätten sich bei ihm nach seinem Trainer aus Dortmunder Zeiten erkundigt. Er wisse aber nicht, „ob es noch ein, zwei andere Kandidaten gibt“. Aufschlussreich dürften seine Schilderungen in jedem Fall gewesen sein. Hummels’ Verhältnis zu Tuchel war nur bedingt harmonisch.
Dennoch konzentrieren sich die Hoffnungen der Bayern, dass die bislang so zäh verlaufende Saison bald Fahrt aufnimmt, auf den Kandidaten Nummer eins. Uli Hoeneß, dem nachgesagt wird, lange Zeit Nagelsmann favorisiert zu haben, ist sich bereits sicher: „In zwei, drei Wochen wird es wieder aufwärts gehen.“