Ein Jahr in einer fernen Galaxie

von Redaktion

Mehr noch als seine Bayern-Kollegen sucht Jerome Boateng bei der Nationalmannschaft sich selbst

VON ANDREAS WERNER

Belfast – Mit seiner stattlichen Größe und seinen Designerklamotten, für die er je nach Auge des Betrachters Preise gewinnt oder Spott erntet, könnte man Jerome Boateng auch in Hollywood etwas zutrauen. Extravagante Brillen und Frisuren runden das Star-Image ab, doch dieses ewige Nuscheln würde bei jedem Regisseur Wutanfälle hervorrufen. Boateng ist als Fußballer beruflich also wohl doch besser aufgehoben.

Allerdings konnte der Fußballer Jerome Boateng schon lange keine Taten mehr sprechen lassen. Der Körper ist auf seiner ganzen stattlichen Größe anfällig geworden; Schulter- und Oberschenkelverletzungen. Erst neulich meldete er sich nach Monaten der Reha beim FC Bayern diensttauglich. Als ihm nun bei der Nationalelf gesagt wurde, dass er schon ein ganzes Jahr nicht mehr mit dem Dress des Bundesadlers aufgelaufen ist, schaute er drein, als hätte ein Hollywoodstar ein schlechtes Drehbuch vorgelegt bekommen. „Ich wusste, dass ich lange nicht mehr dabei war“, nuschelte er, „aber dass es fast ein Jahr war, wusste ich nicht.“

Heute in Belfast soll der Innenverteidiger auflaufen. „Es ist meine Idee, dass er von Beginn an spielt“, sagte Joachim Löw gestern. Nach so einer Absenz ist das selbst für einen Weltmeister ungewöhnlich, zumal sich neben Mats Hummels die Jungen Antonio Rüdiger und Niklas Süle positionieren konnten. Für Boateng schließt sich so in Belfast ein Kreis. Seine letzte Partie für die DFB-Auswahl bestritt er gegen den gleichen Gegner. Beim 2:0 über Nordirland im Herbst 2016 verteidigte er in Hannover die Null. „Es ist, wie nach Hause zu kommen“, sagte er. Aktuell habe er keine Probleme, „aber ich weiß, ich brauche noch ein paar Wochen, um wieder in meine Form zu kommen“.

Nach Hause kommen, das ist in mehrfacher Hinsicht ein schönes Motiv. Die gesamte Delegation des FC Bayern sucht bei Löw Asyl nach befremdlichen Zeiten in München, doch mehr als seine Kollegen sucht der 29-Jährige sich selbst. Es ist ja nicht so, dass es nicht schon Kritik an ihm gegeben hätte, als er noch beschwerdefrei kickte. Der inzwischen entlassene Trainer Carlo Ancelotti war von ihm abgerückt, und wäre er nicht den ganzen Sommer verletzt gewesen, hätten ihn die Bayern bei einem ordentlichen Angebot sogar ziehen lassen. Karl-Heinz Rummenigge hatte mal erbost angemerkt, es sei höchste Zeit, dass Boateng „back to earth“ finden solle. Die Bodenhaftung sei verloren gegangen, deutete der Vorstandschef damit unmissverständlich an.

Boateng war nun ein Jahr im Weltraum, in einer anderen Galaxie. Man könnte da wieder eine Parallele zu Hollywood herstellen; in den 90ern jagte Will Smith höchst elegant als „Man in Black“ Gruselfiguren von fernen Planeten. Ging etwas schief, zog er einen Kugelschreiber, ein Blitz, und alle vergaßen, was passiert ist. Zurück auf Null, auf Mutter Erde, vergessen, was so schiefgelaufen ist – das käme auch Boateng Recht.

Es sei schwierig gewesen, nur zuschauen zu können, sagte er. Man hadert mit sich selbst („du machst dir Gedanken, fragst dich: Warum bist du schon wieder verletzt?“) – und man sieht ja auch, dass die Konkurrenz nicht schläft. Bei der WM war das Duo Hummels/Boateng unantastbar, doch die Zeiten haben sich geändert. Unter Ancelotti ging der Plan nicht auf, ein eingespieltes Bollwerk für eine Ära zu beschäftigen, und auch beim DFB scharren die Jungen im Rücken der Platzhirsche mit den Hufen.

Aber mit 29 schon Auslaufmodell? Davon will ein Boateng nichts wissen. Er formuliert Nah- und Fernziele: Den Nordiren das erste Gegentor in ihrer Heimat beifügen, die Serie von zehn Qualifikationssiegen komplettieren, das WM-Ticket lösen – und dann? „Wir haben eine tolle Zukunft vor uns.“ Mit einem Boateng, der seinen Platz in dieser Welt wieder finden möchte. Auf dem Fußballplatz, fern fremder Galaxien.

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